Wer in den USA ‚in‘ sein will, muss Yoga machen. Weit über zwanzig Millionen Amerikaner betätigen sich mittlerweile in der indischen Kunst. Uwe Vamdev Franz hat einige Jahre im Yoga-Boomland gelebt und schildert hier seine Eindrücke
Wer heute in den USA ein Autokennzeichen mit der Aufschrift „I do Yoga“ erwirbt und damit spazieren fährt, wird hundertprozentig von wildfremden Menschen angequatscht, wo, wann und welchen Stil er oder sie denn praktiziere. Yoga ist in den USA einfach etwas, was man macht; jeder hat schon davon gehört, Yoga ist in. Um mit dabei zu sein brauchst du natürlich auch das richtige Outfit, die Ohrringe deiner Lieblingsyogastellung, die richtige Matte, das T-Shirt und die CDs. Dann machst du Yoga, du bist dabei, du bist drin. Du kennst Deepak Chopras neuestes Buch von der Fähigkeit der permanenten Präsenz und du weißt wie man Geld spirituell anlegt. Du singst dein OM mit leicht nach oben verdrehten Augen und sitzt still wie ein Berg. Deine Emails verschickst du jetzt mit „OM Shanti“ – dass jeder merkt, dass du auf dem Weg bist. Und jetzt hat doch auch Madonna dein Parfüm rausgebracht –  „Samsara“. Wie geheimnisvoll! Ein wenig verrucht ist es schon, dieses Untergehen im wogenden Meer der Wiedergeburt, aber eben auch anders und das zeigt, dass du den besonderen Touch hast. Du machst Yoga. Die Erleuchtung kann jetzt kommen. Du bist bereit und dein bereits erwähntes Outfit ist es auch. Yoga ist einfach hip.

Aber dann ist natürlich auch dein Job und die Familie zuhause. Zwei Jahre zufrieden auf einer Parkbank sitzen, ist halt doch nicht so ganz deins. Aber ein bisschen hektisch schnaufen, das ist ja auch schon etwas. Oder du gehst in das neueste Hot-Yoga-Studio, eine moderne Mischung aus masochistischer Schwitzhütte mit Verrenkungen, wo man so schön die verschwitzten Körper der A-Type-Personalities bewundern kann und danach rein ins Leben… Da ist dann halt immer noch dein Job, deine Familie und die Existenzängste. Mehr meditieren? Oder Kino? Oder deine Freundin anrufen, aus dem letzten Chantingworkshop mit diesem Amerikaner, der so schön ekstatisch die Augen beim Chanten verdreht? Wie du siehst, ist die Entscheidung wie du jetzt die Probleme deines Lebens lösen sollst nicht gerade leichter geworden. Die Auswahl der Möglichkeiten ist riesig und dabei so überzeugend. Was tun? Wo ist der Wegweiser durch das Dickicht der Möglichkeiten und der oftmals widersprüchlichen Überzeugungen? Ist jetzt der indische Weg der richtige oder etwa doch der tibetische?

Oft frage ich mich, wie es zu der geschilderten Entwicklung kam. Yoga ist von der Wortbedeutung her ein Weg, der zu einer Einheits-Erfahrung führt. Yoga vermittelt die Erfahrung völliger Vertrautheit, lässt einen das eigene Leben Umarmen, ohne Schuldgefühle, ohne bangen Blick zurück. Oberflächlich verstanden führt dieses Wissen um das Einheitserleben zu einem Sammelsurium von Methoden, vergleichbar mit einem Büffet, an dem man sich den Teller vollädt. Es entsteht dadurch die Illusion eines persönlich zusammengestellten Weges, der unseren innersten Bedürfnissen entspräche. Jedoch merkt jeder, der es wagt sich in die Grundideen das Yogas zu vertiefen, ohne sich auf Outfit und Parfüm zu verlassen, dass Yoga nicht zur oberflächlichen Worthülse „Alles-ist-eins“ führt, sondern in die eigene Tiefe. Dazu bedarf es allerdings der Fähigkeit, sich führen zu lassen; auch vielleicht auf Wege, die uns zunächst zuwider sind.

Mit der modernen Yogakultur werden Vor-Stellungen der Vielfalt, der Differenzierung aufgebaut, eine Art geistiger Jahrmarkt, wo sich immer mehr die Qual der Wahl breit macht. Der Meister Swami Muktananda sprach immer von der Gefahr des „spirituellen Durchfalls“, der sich als innere Verwirrung äußern kann.

Die Frage, die sich stellt, ist, wie modern sind wir in unseren innersten Bedürfnissen wirklich geworden? Unsere Emotionen und ihre Folgen für unser Leben sind doch seit Urzeiten die gleichen geblieben: Eifersucht kannten die Autoren der Upanischaden genauso, wie Mutterliebe, Sex und die Freude, die damit zusammenhängt. Sie kannten das Leid, das sich einstellt, wenn sich Verhaftung zum Genuss gesellt. Ihnen war Täuschung und Enttäuschung, Gefangensein und Freiheit vertraut; oder die Suche nach Glück und das Ende allen Leids. Alle diese Themen sind heute genauso „modern“ wie vor Tausenden von Jahren, als die Vedas entstanden. Im Yoga geht es um Qualität. ‚Mehr’ ist nicht immer gleich ‚besser’. Im alten Indien betrachtete man Yogis, die ihren Yoga nicht leben konnten als lächerlich. Es gibt da eine nette Geschichte, die dies verdeutlicht.

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Vor langer Zeit lebte ein Yogi viele Jahre einsam in einer Höhle und meditierte dort. Mit der Zeit stellten sich immer mehr innere Erfahrungen ein, die ihn so sehr beglückten, dass er spürte, am Ende seine Entwicklung angekommen zu sein. Seine Ekstase festigte sich und mit der Zeit erkannte er, dass alles nur Seligkeit ist, dass aus ihm selbst das ganze Universum entstand. Da beschloss er, seine Erkenntnisse, seinen Zustand, mit anderen zu teilen. Er verließ seine Höhle, seinen Berg, seine Einsamkeit und stieg herab in das Dorf, wo gerade Markt war. Wie eine große Woge trafen ihn der Lärm und die Menschenmassen. Leicht benommen drehte er sich um, mitten auf dem überfüllten Platz und ein Gemüsehändler stieß gegen ihn und schüttete aus Versehen einen Korb ausgesonderter, fauler Äpfel auf seine Füße. Mit einem Wutschrei packte der Yogi den Mann und brüllte, wie er es wagen könne, ihn, den Erleuchteten, mit faulen Äpfeln zu verunreinigen. Das ist das Ende der Geschichte. Man musste da nicht weiter erzählen; denn die Moral der Geschichte war in dieser Zeit klar: Was nützt dir Erleuchtung, wenn du sie im Alltag nicht aufrechterhalten kannst?

Yoga ist aktueller und wertvoller denn je. Und wenn sich die Vertriebsstrategen und Marketinggurus ausgetobt haben, dann können wir vielleicht beginnen, Yoga zu praktizieren. Es steht dann ein Weg offen, der uns ein wirklich neues Selbstverständnis ermöglicht. Neu nicht deshalb, weil dieses erst jetzt erfunden worden wäre, sondern neu für uns, weil es von unserer ureigenen Herrlichkeit kündet, davon, dass wir so, wie wir jetzt sind, vollkommen sind. Das widerspricht natürlich unserer gesamten kulturellen Prägung und steht im krassen Gegensatz zu der weit verbreiteten Verbesserungssucht unserer modernen Kultur. Verbessern setzt immer Unvollkommenheit voraus und bei aller Verbesserung entsteht so nie Vollkommenheit, nur eine bessere Unvollkommenheit. Im Yoga verbessert sich nichts.

Yoga zu praktizieren ist nicht nur ein Aha-Erlebnis, über das man dann die nächsten Jahrzehnte schwärmen kann. Yoga ist viel mehr als das. Wir lernen von Grund auf, eine Geistes-, Körper- und Gefühlshaltung einzunehmen, die aus diesem „Aha-Erlebnis“ einen Dauerzustand macht. Yoga ist ein Weg, der aus Übungen besteht, die man lernen muss, und die einem zunächst nicht unbedingt vertraut sind. Yoga bringt Widerstände in uns hoch, weil mit alten Missverständnissen aufgeräumt wird. Diese Aufräumarbeit umfasst viele Aspekte, vergleichbar mit einem riesigen Gebirge mit seinen Höhen und Tiefen. Yoga ist ein Dauerbrenner und ein Weg, der durchaus vom Wegziel, das wir anfangs hatten, wegführen kann. Für viele Menschen ist das eine große Herausforderung.

Mit den Jahren hat sich bei mir bezüglich des Yoga ein Lebensgefühl eingestellt, eine Ahnung, die vom vordergründig Gelernten zu einer Lebensart geführt hat. Yoga, wie ich es erlebe, ist eine alchemistische Verwandlung. Denn alles, was man tut, ist, ganz bestimmte Übungen wie sie vom eigenen Meister gelehrt und empfohlen werden, auszuführen. Mit der Zeit verabschiedet man sich von Vorstellungen nach speziellen Errungenschaften. Das Üben wird so normal, wie früher andere Gewohnheiten normal waren. Die Übungen tragen dann nicht Früchte wie beispielsweise ein Baum, bei dem zuerst die Blüten kommen, dann die Früchte heranreifen und im Herbst die Ernte stattfindet. Auf dem Yoga-Weg  ist es eher wie das Reifen des ganzen Baumes, der dichte und lockere Jahresringe aufweist, bei dem die Geschehnisse der Zeit ihre Spuren hinterlassen und das Früchtetragen eher eine wiederkehrende Zeiterscheinung ist. An dieser Stelle könnte man einwerfen, dass Yoga dann „einfach nur leben“ bedeutet, also etwas, das ohnehin alle tun. Hierzu gibt es folgende aufschlussreiche Zen-Geschichte: Eines Tages kamen Schüler zu ihrem Meister und sagten: „Meister, erkläre uns bitte das besondere an deinem Zustand.“ Der Meister erwiderte: „Das ist das besondere: ich sitze, ich stehe und ich gehe.“ Die Schüler waren recht verwundert: „Aber Meister, das tun wir auch: sitzen, stehen, gehen, das tun alle Menschen.“ „Ja“, erwiderte der Meister, „aber wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon und wenn ihr steht, dann geht ihr schon und wenn ihr geht, seid ihr schon angekommen.“ Das Üben von Yoga ist auch heutzutage nicht einfach. Sehr leicht kann man von der angebotenen Vielfalt des Yoga-Booms zur Oberflächlichkeit verleitet werden, mittels derer wir der Tiefe in uns selbst ausweichen. Yoga wird somit zu nichts als einem Happening und das kostbare Geschenk der Freiheit und Dankbarkeit wird einfach weggeworfen; oder noch besser: eingetauscht für ein bisschen Dazugehörigkeit und Worthülsen, samt einem ruhigeren Puls und nettem Outfit. Yoga ist zeitlos aktuell, denn die Bedürfnisse unserer Seele haben sich trotz Internet und E-mails nicht verändert.

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