Wie vermitteln Sie den Frauen das eben gesagte ihn Ihren Kursen?

Ch.G.A.: Ich versuche, den Frauen klar zu machen, dass wir ein Produkt einer sehr maskulin ausgerichteten Gesellschaft sind. Ich ermutige die Frauen dahingehend, dies zu realisieren und dann das eigene Herz zu fragen, was wirklich wahr ist für sie. Ich ermutige sie auch, sich von äußerlichen Wahrheiten zu befreien und sich ganz auf sich selbst zu besinnen. Die Welt wartet darauf, dass wir eben diese weiblichen Qualitäten in die Welt bringen. Ein wichtiges Mittel sind unsere Gefühle, aber die wurden ja für eine lange Zeit verurteilt. In der weiblichen Spiritualität laden wir die Gefühle als Tor zum Göttlichen ein. Es ist gut, mit den Gefühlen im Körper zu gehen, ohne dabei großartig auf die Geschichte zu achten, die mit den Gefühlen zusammenhängt. Stattdessen sollen sie sich dafür öffnen, die Gefühle im Körper zu fühlen und ihnen zu erlauben, sie da sein zu lassen. Und wenn man dies zulässt, dann begegnest Du irgendwann dem Göttlichen in Dir – und wirst davon geküsst. Und du kannst dich vollkommen im gegenwärtigen Moment entspannen, weil es dich immer mehr zu deiner eigenen Quelle, zu deinem eigenen Mysterium bringt.

Ich kenne viele Frauen, die zu so vielen Seminaren gehen, aber an der Geschichte um ihre Gefühle hängen bleiben. Das bringt sie dazu, immer noch mehr Seminare zu besuchen. Wieso werden sie nicht vom Göttlichen geküsst?

Ch.G.A.: Jede Frau hat ihren eigenen Weg. Und das Leben gibt uns das, was wir brauchen. Aber auf der anderen Seite gibt es auch Frauen, die werden sehr hellhörig, wenn sie zu meiner Arbeit kommen. Bei ihnen gerät in dem Moment in ihrem Herzen etwas in Resonanz. So, als würde eine Art eigene weibliche Weisheit anfangen, in ihnen zu schwingen. Diese Frauen entdecken plötzlich eine Vielzahl von Konzepten. Konzepte über ihren Körper, über sich selbst. Und es sind gerade diese Konzepte, die die Frauen lange Zeit davon abgehalten haben, mit ihrer eigenen weiblichen Spiritualität in Kontakt zu kommen.

Sie sprechen von Konzepten, die uns davon abhalten, mit unserer weiblichen Spiritualität in Kontakt zu kommen. Wie lange arbeiten Sie nun mit der weiblichen Spiritualität?

Ch.G.A.: Seit 6 Jahren.

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Würden Sie sagen, dass Sie heute selbst frei sind von sämtlichen Konzepten?

Ch.G.A.: Nein, auf keinen Fall. Aber ich würde sagen, dass ich heute über eine weitaus größere Aufmerksamkeit und Wachheit verfüge als früher. Das heißt, dass ich heute nicht mehr alles für wahr halte. Das gehört übrigens auch zur weiblichen Spiritualität. Darüber hinaus geht es auch gar nicht darum, dass wir alle Konzepte loswerden müssen, sondern wir öffnen uns für einen weiteren inneren Raum und entwickeln dadurch eine wesentlich größere Achtsamkeit und Wahrhaftigkeit. Ich werde immer offener und finde mich gleichzeitig in diesem Raum wieder, in dem ich immer weniger weiß. Und das ist ein Geschenk. Es ist eine große Bereicherung, weil das Leben immer schöner und gleichzeitig mysteriöser und unvorhersehbar wird.

Macht Ihnen das Unvorhersehbare nicht manchmal Angst?

Ch.G.A.: Es klingt so, als müsste man Angst davor haben. Und ich glaube auch, dass man genau aus dem Grund auch die weibliche Spiritualität so lange zur Seite geschoben hat. Dadurch haben wir uns natürlich auch von einem wichtigen Teil des Lebens abgeschnitten, der aber trotzdem da ist. Das Christentum hat diesen Teil in die Hölle verdammt. Aber genau in diesem Unvorhersehbaren liegt ja das Mystische, das nicht mit dem Intellekt erforscht werden kann, sondern primär erfühlt und erfahren werden kann. Für mich eröffnet sich dadurch aber auch ein immer tiefer werdendes Vertrauen. In diesem tiefen Vertrauen kann ich dann erkennen, dass diese Angst ein Teil unserer Gesellschaft ist, bzw. er von der männlich gesteuerten Gesellschaft gemacht worden ist. Früher gab es diese Angst nicht, denn damals war Gott nicht nur männlich, sondern männlich und weiblich. Allerdings hat man den weiblichen Aspekt Gottes verdrängt. Aber es ist ja gerade der Teil in uns, der uns gehalten hat, der uns geschützt hat. Und von dem Moment an wurde eine sehr starke Spannung im Menschen erzeugt, weil wir immer das Gefühl hatten, von irgendetwas getrennt zu sein.

Was ist die häufigste Frage, die Frauen ihnen stellen?

Ch.G.A.: Sie möchten gerne das Wissen, das sie durch meine Arbeit erfahren, in die Welt tragen, haben aber Angst und fragen mich, was sie in diesem Fall tun können. Diese Frauen denken immer, dass sie erst die Angst überwinden müssen, um dann die weibliche Spiritualität in die Welt zu bringen. Ich stelle ihnen dann immer eine Gegenfrage: „Was ist, wenn diese Angst auch morgen noch nicht weg ist?“ Ich erkläre ihnen, dass man nicht immer warten kann, dass irgendetwas weggeht oder irgendetwas passiert. Diese weibliche Spiritualität ist größer und möchte ausgedrückt werden – auch wenn Gefühle wie Angst da sind. Aber die Passion, in die Welt zu bringen, was in die Welt gebracht werden will, ist letztendlich viel größer. Teil der Übung ist somit nicht, zu warten, bis wir perfekt sind, sondern jetzt mit dem Bewusstsein loszugehen, dass sämtliche Gefühle da sein dürfen.

Vielen Dank für das Interview! 

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