Gibt es neben Durga noch weitere Göttinnen, die Ihnen besonders wichtig sind?

Ch.G.A.: Ja! Ich liebe so viele von ihnen. Sarasvati z.B. ist eine weitere Hindugöttin. Sie ist die Göttin der Musik und der Kunst und stellt auch die weibliche Seite des Intellekts dar. Es gibt eine schöne Geschichte, die ich immer wieder gerne erzähle, weil Sarasvati so eine gute Lehrerin für uns ist: In Indien hat Gott drei Aspekte: Brahma, der Schöpfer, Vishnu der Erhalter und Shiva der Zerstörer. Diese drei gehören untrennbar zusammen. Allen drei ist auch ein weiblicher Aspekt, bzw. eine weibliche Göttin zugeordnet. Sarasvati gehört zu Brahma. Am Anfang der Geschichte ist für Brahma eine Göttin da, die aber noch keine Form besitzt. Irgendwann beginnt sie, die Form einer Kuh anzunehmen. Brahma ist so interessiert an ihr, dass er ihr näher kommen möchte. Deshalb nimmt er die Form eines Bullen an. In dem Moment, als er ihr näher kommt, verändert sie sich und wird zum Vogel. Brahma wird ebenfalls zum Vogel, worauf hin sie wieder ihre Form ändert. Brahma wird immer besessener von ihr – und die Welt wird voller und voller von den unterschiedlichen Formen. Aber er kann nicht von ihr lassen, so dass es immer chaotischer wird in der Welt.

Am Ende erschafft er sich mit fünf Gesichtern, um die ganze Zeit sehen zu können, wo die Göttin ist. Dann kommt Shiva und sagt: „Brahma, du musst aufwachen! Schau Dir die Welt an!“ Brahma aber reagiert nicht, bis Shiva eines seiner Gesichter abschneidet. An diesem Punkt der Geschichte kommt Sarasvati in die Welt und unterrichtet Brahma, wie er seine Kreativität in einer schönen Weise nutzen kann, so dass er nun die Welt in einer neuen Ordnung wieder erschafft. Ich finde diese Geschichte deshalb so schön, weil sie so anschaulich zeigt, wie unser Mind funktioniert und wie schnell wir von unserem Verstand besessen sein können. Aber der menschliche Verstand ist auch die Quelle der menschlichen Kreativität. Sarasvati zeigt uns, wie wir mit unserem Verstand Gutes schaffen können. Sie ist eine wundervolle Lehrerin.

Wie geht es Ihren Teilnehmerinnen, wenn sie mit den Göttinnen arbeiten?

Ch.G.A.: Gut. Sie haben das Gefühl, dass sie sich plötzlich wieder an etwas erinnern, was längst vergessen war. Normalerweise halten wir uns für sehr klein, oftmals für den schlechten Teil einer Seifenoper. (lacht)

Wie gelingt es mir dann als Frau z.B. in einer Partnerschaft mit einem Mann, nicht immer wieder um meine Rechte und Autorität kämpfen zu müssen, sondern mit dem Herzen verbunden zu bleiben und in meiner Kraft zu ruhen – so wie Durga?

Anzeige

Ch.G.A.: Für mich symbolisiert der Tiger, auf dem Durga reitet, kraftvolle Energie. Wenn Durga versuchen würde, den Tiger zu kontrollieren, würde es nicht funktionieren. Genauso wenig würde es klappen, wenn sie schwach wird und zusammenbricht. Das ist aber genau das Schema, indem sich viele Frauen wiederfinden. Entweder kämpfen sie oder sie geben auf und fühlen sich als Opfer. Durga hingegen zeigt uns, dass es noch eine weitere Möglichkeit gibt, mit Dingen umzugehen. Die geht aber weit über das duale Verständnis unseres Minds hinaus. Und um mit dieser Realität in Kontakt zu kommen, müssen wir Frauen lernen, uns in die eigene Wahrheit einzuschwingen und darin zu ruhen – anstatt immer wieder von Neuem aufs Außen zu reagieren. Und wenn es uns gelingt, wir selbst zu bleiben und dem Partner von diesem Ort aus zu begegnen – und ihn zu empfangen –  geht es gar nicht mehr so sehr darum, dass einer gewinnt oder verliert. Dann kommt man an den Punkt, an dem beide gemeinsam erkennen können, was für beide am besten ist.

Für mich klingt es so, dass Männer, die Ihre Methode kennenlernen, jetzt endlich entspannen können, weil Sie von Ihnen nicht an den Pranger gestellt werden. Männer haben es ja so gesehen auch nicht leicht, weil sie permanent von Frauen bekämpft werden und mit vielen Forderungen überhäuft werden.

Ch.G.A.: Viele Frauen schieben ihrem Ehemann, Lover oder Partner quasi die Verantwortung für das eigene Unglücklichsein in die Schuhe! Viele Frauen behaupten gerne, dass Männer nicht mit ihren Gefühlen umgehen können. Statt die Schuld bei den Männern zu suchen, sollten sie sich lieber fragen: Wie kann ich selbst mit meinen eigenen Gefühlen und mit meinem eigenen Weiblichen umgehen? Wie gelingt es mir, mehr und mehr mit dem weiblichen im Fließen zu sein und dies dem Männlichen als ein Geschenk zu offenbaren!

Anzeige