Eine kleine Geschichte für Wartende …

Ich war damals in der Stadt Luxor in Ägypten. Ein ägyptischer Bekannter hatte mich freundlicherweise vom Hotel zum Nil mitgenommen.

Muss nur ein paar Dinge erledigen“ – sagte er mir lächelnd – „I´ll be back in 30 minutes.

So stand ich allein am Flussufer: Vor mir der träge dahin strömende Nil. Es war früher Nachmittag. Es war sehr heiß. Unter einem ausladenden Sonnendach saßen eine Handvoll einheimischer Bootsleute. Die Männer dösten, aßen Fladenbrot oder wechselten leise das eine oder andere Wort. Eine behäbige Schwere lag in der Luft.

Ich setzte mich zu den Männern, etwas abseits, um nicht zu stören. Einen Pfosten des Sonnendaches im Rücken, ließ ich alles auf mich wirken, atmete wie ein Gott und blickte mit großen Augen hinüber zur Stadt Luxor auf der anderen Seite des Flusses.

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In regelmäßigen Abständen hielten überdimensional große Luxusbusse auf dem staubigen Parkplatz. Blasse Touristen wurden ausgespuckt, sie eilten zur Uferpromenade, knipsten wie wild und in wenigen Minuten war der Spuk wieder vorbei.

Nach etwa anderthalb Stunden begann sich mein Rücken zu melden und ich fing an, etwas Yoga zu machen: Sufi-Kreise mit dem Oberkörper, zum Beispiel, während ich mit gekreuzten Beinen auf dem Boden saß.

Einer der Bootsmänner wurde neugierig, kam zu mir und fragte mich: „You do yoga?“ – „ Yes, it´s yoga“, erwiderte ich und schenkte ihm ein Lächeln.

Etwa eine halbe Stunde später kam Bewegung in die schläfrige Männergemeinschaft. Es war inzwischen später Nachmittag geworden. Der gleiche Bootsmann, mit dem ich zuvor gesprochen hatte, kam erneut zu mir und fragte mich in gebrochenem Englisch: „You want pray with us?“ ob ich mit ihnen beten wolle . . .

Ich war mehr als überrascht über seine Einladung, ja tief berührt von der Großherzigkeit dieser Geste: War ich doch offensichtlich ein Ausländer.

Durch mein geduldiges, mehrstündiges Sitzen und einige hingebungsvolle Kreise mit dem Oberkörper hatte ich mir anscheinend das Vertrauen der Männer erworben, war – zumindest in diesem Augenblick – zu einem der Ihren geworden.

Ich dankte für die Einladung zum gemeinsamen Gebet, lehnte aber ab. Die Männer standen auf, richteten sich gen Osten aus und sprachen dann voller Hingabe, verbunden mit geheimnisvollen Gesten und Worten, ihr Gebet.

Irgendwann kam dann auch mein ägyptischer Bekannter zurück. Er hatte mich nicht vergessen. Beim Einsteigen in sein Auto lächelte er mich an, ohne ein einziges Wort über die lange Wartezeit zu verlieren. Auch ich lächelte ihn an und sagte nichts.

 

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