In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Welche Arten von spirituellen Erfahrungen gibt es, wie bereitet man sich auf sie vor und wie geht man mit ihnen um? Ein Überblick und Leitfaden
Wenn wir irgendeine Form höherer Yogapraxis, Pranayama, Mantrapraxis oder Rezitation aufnehmen, ist es wahrscheinlich, dass wir diverse Erfahrungen machen, von denen einige recht dramatisch sein können. Diese Erfahrungen können ihrer Natur nach spirituell, psychologisch oder sogar körperlich sein oder irgendeine Kombination davon. Die meisten solcher Erfahrungen sind in der Regel erhebend, aber einige können sich auch als verstörend oder aufwühlend erweisen. Manchmal kehrt sich auch eine erhebende Erfahrung in eine verstörende um oder was zuerst verstörend wirkte, schenkt uns letztendlich Wissen und inneren Frieden.

Manche dieser Erfahrungen können unser Leben für immer verändern. Andere verblassen nach kurzer Zeit und hinterlassen keinerlei Spuren. Grundsätzlich sind unsere ersten spirituellen Erfahrungen genau wie unsere ersten Romanzen übertrieben. Wenn wir dann später mehr spirituelle Erfahrungen haben, betrachten wir sie eher als normalen Bestandteil unseres Lebens.
Die Bandbreite möglicher yogischer Erfahrungen ist weit und vielseitig. Es ist wichtig, eine Vorstellung davon zu entwickeln, damit wir lernen, wie wir richtig mit diesen Erfahrungen umgehen. Außerdem reicht es nicht aus, einfach nur nach Erfahrungen zu streben. Wir müssen uns darauf vorbereiten, sie zu haben, so dass wir bereit sind, ihre Energie aufzunehmen, wenn es soweit ist. Ein höheres Bewusstsein zu entwickeln ist keine bloß beiläufige Angelegenheit und kein Hobby oder sonst irgendeine äußerliche Freizeitbeschäftigung. Es erfordert Disziplin, Hingabe und eine innere Orientierung des Lebens. In diesem Artikel werden wir die Natur spiritueller Erfahrungen untersuchen und erörtern, wie wir am besten mit ihnen umgehen.

Die Schönheit spiritueller Erfahrungen
Spirituelle Erfahrungen können unser Leben auf vielerlei Art vertiefen und bereichern. Sie sind weitestgehend als Teil der Schönheit und Fülle des spirituellen Lebens willkommen zu heißen. Ebenso wie z.B. die Kultivierung eines künstlerischen Lebensstils natürlicherweise in der Entwicklung künstlerischer Fähigkeiten und Wahrnehmungen resultieren wird und die riesige Sphäre des Kunstgenusses erschließt, so wird die Kultivierung des spirituellen Lebens die unermessliche Sphäre kosmischen Bewusstseins auftun und eine Würdigung des Segens mit sich bringen, der alles in diesem Universum durchtränkt. Ein Leben zu führen, das mit fortlaufenden spirituellen Erfahrungen angereichert ist, einhergehend mit der Fähigkeit, sich auf der Herzensebene mit dem Universum als Ganzem zu verbinden, ist einer der Hauptgründe, warum wir überhaupt mit spirituellen Praktiken beginnen.

»Grundsätzlich sind unsere ersten spirituellen Erfahrungen genau wie unsere ersten Romanzen übertrieben. Wenn wir dann später mehr spirituelle Erfahrungen haben, betrachten wir sie eher als normalen Bestandteil unseres Lebens.«

Wenn wir in unseren yogischen Praktiken beständig sind, wird unser innerer Fluss spiritueller Erfahrungen mit der Zeit lebendiger und bedeutsamer werden als unsere weltlichen Erfahrungen und Sinneseindrücke. Wir werden unser eigenes immenses inneres Leben und unsere innere Welt jenseits des Stresses und der Sorgen, der Hochs und der Tiefs unserer äußeren Welt entwickeln. Wir werden die Fähigkeit erlangen, direkt, spontan und in jedem Moment die Realität, das Universum und die Tiefen des Bewusstseins zu erfahren, ohne uns irgendwelcher Ausrüstung oder äußerer Vermittler bedienen zu müssen. Wir werden keine äußerlichen Arten von Unterhaltung oder Stimulation mehr benötigen, die uns ablenken. Selbst wenn um uns herum nichts geschieht, werden wir eine Fülle und Tiefe erleben, die Zufriedenheit und Frieden in uns hervorrufen.

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Die Yoga-Shakti und die Energie der Erfahrung
Spirituelle Erfahrungen sind keine isolierten Ereignisse, sondern resultieren aus einer inneren Energie. Die Energie, die den Fluss innerer Erfahrungen in Bewegung setzt und aufrecht erhält, ist die Yoga-Shakti oder „Kraft des Yoga“. Sobald die innere Elektrizität eingeschaltet ist, werden wir in der Lage sein, in höhere Formen der Wahrnehmung, stärkere Formen von Prana, tiefes Empfinden und direktes Wissen einzutreten, die ansonsten für den gewöhnlichen menschlichen Geist schwer zu erreichen sind.
Langfristig wird das Beibehalten eines kontinuierlichen Flusses von Erfahrung wichtiger werden als die Details irgendeiner einzelnen Erfahrung. Wir können allmählich in diesen Fluss der Yoga-Shakti eintauchen und alle Erfahrungen loslassen, wie ein Fluss, der das Meer erreicht und nicht länger irgendwelche erkenntlichen Ufer hat. Fähig zu direkter Erfahrung zu werden ist das eigentliche Ziel aller Erfahrungen, die uns widerfahren. Eine solche Fähigkeit zu direkter Erfahrung ist mehr als eine bestimmte Erfahrung und deren Auswirkungen auf uns.

Samadhi
Yoga im engeren Sinne ist das Entwickeln von Samadhi oder dem “absorbierten Zustand des Geistes”, in dem der Geist eins mit dem Objekt seiner Aufmerksamkeit wird. Wenn wir Yoga-Meditation praktizieren, entwickeln wir natürlicherweise Zustände von Samadhi. Das meiste, was als spirituelle Erfahrung bezeichnet wird, ist eine Samadhi-Erfahrung, wenngleich nicht alle einer bewussten Praxis oder Vorbereitung entspringen.

Es gibt jedoch vielerlei Arten von Samadhi. Samadhi ist eine Funktion des Geistes auf allen Ebenen. Wir alle streben nach einer Samadhi- oder Gipfelerfahrung des Geistes, des Herzens oder der Sinne. In dieser Hinsicht gibt es sowohl yogische als auch nicht-yogische Samadhis. Sogar der Schlaf oder drogeninduzierte Trance-Zustände sind niedere oder nicht-yogische Samadhis.
Unter Yoga-Aspiranten verbreitet sind gemischte Samadhis, in denen eine innere Vision sich mit der Konditionierung des Geistes vermischt. Ohne angemessene Anleitung können solche Erfahrungen, selbst wenn sie echt sind, die Leute durcheinander bringen oder ihr Ego aufblähen.

Der traditionelle Yoga klassifiziert verschiedene Typen von Samadhis, von denen einige als illusorisch, irreführend oder gefährlich betrachtet werden. Er warnt uns besonders davor, irgendwelche Siddhis oder andere Kräfte, die aus dem Samadhi entstehen, für unsere eigenen persönlichen Bedürfnisse einzusetzen, vor allem solche, die anderen Schaden zufügen. Wir werden angehalten, diejenigen Samadhis anzustreben, bei denen es um Kontrolle des Geistes und Verständnis unseres tieferen Selbstes geht.

Wenn man zum ersten Mal in einen Samadhi-Zustand gelangt, besteht die Tendenz zu denken, man habe den höchsten Zustand erreicht. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass es viele Bewusstseinsebenen zwischen dem gewöhnlichen menschlichen Zustand von materiell- und egobasierter Realität und der höchsten Ebene der Selbst-Realisierung gibt. Nicht jeder veränderte Bewusstseinszustand ist ein verbesserter Zustand und es ist auch nicht jeder Zustand, der höher als der gewöhnliche ist, gänzlich von Licht oder vollkommenem Verständnis geprägt. Das Feld spiritueller Erfahrungen beinhaltet ein breites Spektrum an Illusionen oder Fantasien, in die wir hineingeraten können, und zwar insbesondere dann, wenn wir uns dieser Möglichkeit nicht gewahr sind.

»Wenn man zum ersten Mal in einen Samadhi-Zustand gelangt, besteht die Tendenz zu denken, man habe den höchsten Zustand erreicht.«

Es gibt viele innere Erfahrungsräume, Unter-Levels der Astralebenen oder höhere formlose Räume, jeder davon mit seiner eigenen Art von Welt, Kreaturen und Wahrnehmung, die sich stark voneinander unterscheiden können. Man kann sich jenseits unseres persönlichen und gesellschaftlich konditionierten Bewusstseins in das größere Bewusstsein in der Natur, in die weitere Umgebung unserer Erde, in die Atmosphäre und in kosmische Sphären hinein bewegen. Dies ist ein riesiges Abenteuer, kann aber auch seine Fallgruben und Umwege haben, genau wie das Besteigen eines hohen Berges oder das Erforschen einer Höhle Herausforderungen mit sich bringt.

Nicht alle unsere vermeintlichen spirituellen Erfahrungen sind wahrhaft spirituell. Manche sind vielleicht mit mentalen, emotionalen oder sogar physischen Bedürfnissen, Veränderungen oder Ungleichgewichten vermischt. Manche können in die Irre führen oder sind ganz einfach selbst-projiziert. Wahrscheinlich haben fast alle von uns solche fragwürdigen Erfahrungen (besonders in unserem Medien-Zeitalter, in dem wir für Fantasien prädestiniert sind), ebenso wie es wahrscheinlich ist, dass wir echte Erfahrungen haben.

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