Die momentane Krise bringt deutlich hervor: wir erleben die Welt als dualistisch, getrennt und gegensätzlich. Tagtäglich erfahren wir dies aufs Neue: Wir bewerten jeden und alles. Es geht aber auch anders: ein Perspektivenwechsel kann das Leben erleichtern.

Alle unsere Eindrücke fallen kontinuierlich durch ein Sieb der Bewertungen, dass von Kultur, Religion, Geschlecht, gesellschaftlichem Status und politischen Vorlieben geprägt ist. Von Moment zu Moment erleben wir unser eigenes Handeln und das der anderen aus einer dualen Sichtweise heraus und beurteilen es permanent. Meist ohne uns dessen bewusst zu sein.

Aber nicht nur wir selbst gehen so durchs Leben, sondern auch alle anderen Menschen. Und gerade in der jetzigen Krise bin ich erstaunt, wie sehr auch die sogenannte spirituelle Szene radikal in ihren Bewertungen ist und dabei mit Beschimpfungen und Anschuldigungen nicht spart. Und leider tun es auch die Politiker, die eigentlich von der Gesellschaft als ihre Vertretung gewählt wurden. Eigentlich. Aber wenn ich mir ansehe, wie sehr auch sie gerade die Gesellschaft spalten und polarisieren, würde ich mir wünschen, dass sie sich in ihrer Verurteilung anders Denkender radikal zurücknehmen würden.

Staatsmänner geben seit Jahrtausenden vor, wer nach subjektiven Meinungen entweder zum rechtsoffenen Esoteriker, Sündenbock, zum Staatsfeind, zum Frevler, zum Helden, zum Täter oder zum Opfer, zum Patrioten, zum systemrelevanten Helfer, zum Märtyrer gemacht und entsprechend geahndet, gelobt, abgelehnt, verurteilt, gehyped, verachtet, hofiert oder schlimmstenfalls weggesperrt wird.

Die Medien gießen Öl auf die jeweiligen Lampen und erhalten ein vorgegebenes Bild von Gut und Böse, von Opfer und Täter, vom Feind und vom Freund aufrecht. Mittlerweile erklären sogar Talkshowmaster vor laufender Kamera Menschen zum Narren oder noch schlimmer zum Dummkopf der Nation. Und wir?! Wenn wir nicht aufpassen, übernehmen wir diese vorgefertigten Meinungen. Respekt, Wertschätzung und Achtsamkeit scheinen keine Rolle mehr zu spielen.

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Einen Perspektivenwechsel vornehmen

Wie wäre es, wenn du einmal eine vollkommen neue Sicht auf dich selbst, andere und das Leben einnehmen würdest? Wie wäre es, wenn du einmal, auch nur einen einzigen Augenblick davon ausgehen würdest, dass es weder gut noch böse, weder schlecht noch gut, weder Opfer noch Täter gibt? Wie wäre es, wenn du versuchen würdest, dir vorzustellen, dass es neben deiner dualistischen, alltäglichen Sichtweise noch ein umfassendes, alles beinhaltendes, wertfreies Bewusstsein gibt, in dem alles nur IST. Wie wäre es, wenn du davon ausgehen würdest, dass alles, was passiert, mag es auch noch so schmerzvoll, brutal, traumatisch oder unheilvoll sein, einem göttlichen Plan unterliegt und unserer eigenen spirituellen Weiterentwicklung dienen würde.

Das wäre herausfordernd, oder?! Das könne einem schon mal den Boden unter den Füßen wegziehen, nicht wahr? Da könnte man schon mal ganz schön ins Straucheln geraten, wenn all die Vorwürfe, all die Anfeindungen, all die Anschuldigungen nicht mehr greifen, findest du nicht auch?!

Probier es doch einmal aus. Und selbst wenn du es nur einen einzigen Tag lang „spielst“. Öffne dich für diese radikal andere Sichtweise und schau, was dann passiert. Vielleicht gelingt es dir, in einem solchen Augenblick der Öffnung zu erkennen, dass wir viel mehr sind als unser Ich, dass immer wieder Recht haben will. Unsere Meinung, die glaubt, die einzig richtige zu sein. Und unser Ego, dass glaubt zu wissen, wo es lang geht.

Sieh es als eine Art Experiment an, einen Schritt aus der dualistischen Bewertung herauszugehen. Du hast nichts zu verlieren, aber jede Menge zu gewinnen. Stell dir vor, dass wir alle, die wir hier gerade in dieser Pandemie leben, spirituelle Wesen sind, die eine menschliche Erfahrung machen wollen, die unserem Wachstum und unserer Entwicklung dient. Sieh es als eine yogische Übung an, deine Meinungen loszulassen und eine radikal neue Sichtweise einzunehmen. Sieh es als eine Art kosmisches Spiel an, zu dem wir uns alle verabredet haben, um es miteinander zu spielen, um aneinander zu wachsen und um uns am Ende radikal zu vergeben, weil wir uns alle immer wieder verfangen in unserer dualistischen Sichtweise.

Sollte dir dieser Ansatz nicht zusagen oder dich im Augenblick überfordern, so bietet der spirituelle Lehrer Colin Tipping hierzu einen sehr guten Ansatz: „Die Radikale Vergebung“.

Die Radikale Vergebung basiert auf fünf Schritten und kann jederzeit ausgeführt werden. Probier es selbst!

Fünf Schritte der radikalen Vergebung – nach Colin Tipping

Wenn du dich als Opfer einer Situation fühlst, oder einfach nur über jemanden urteilst, dich weiser, besser oder weiter fühlst oder du eine Situation anders haben möchtest, als sie ist, probier die Fünf Schritte der Radikalen Vergebung aus. Sie können dir helfen, den üblichen Kreislauf von Angriff, Verteidigung, Ärger, Wut, Schuldzuweisung, Streit oder Selbstvorwürfen zu vermeiden.

Schritt 1: Erzähl deine Geschichte. Jemand hört sich deine Geschichte achtsam und mit Mitgefühl an und würdigt sie als deine derzeitige Wahrheit. Sie anzuhören und zu bezeugen, ist unerlässlich, um sie wieder loslassen zu können. Während du sie erzählst, musst du dich für die Gefühle, die dazugehören öffnen und bereit sein, sie vollständig zu fühlen. Diese Offenheit zu entwickeln, kann etwas dauern.  

Schritt 2: Lass dich auf die Gefühle ein. Dieser Schritt wird gerne von vielen „spirituellen“ Menschen übersprungen, weil sie meinen sie dürften keine „negativen“ Gefühle haben.

Schritt 3: Nimm die Geschichte auseinander und lös die Gefühle von der Geschichte. Nimm die Energie aus der Geschichte. An diesem Punkt braucht es ein hohes Maß an Mitgefühl für die Person, der wir vergeben. Die Geschichte mit einer gewissen Distanz zu betrachten ist sehr heilvoll, weil wir Fakten von Fiktion trennen. Vieles hat sich in der Kindheit abgespielt und damals haben wir es anders erlebt und interpretiert als das, was tatsächlich passiert ist.

Schritt 4: Gib der Geschichte einen neuen Rahmen und betrachte sie aus einer vollkommen anderen Perspektive: Sie ist Teil des göttlichen Plans. Du hast diesen Plan mitkreiert und hast mit allen Seelen, die an dieser Geschichte mitbeteiligt sind, einen Vertrag geschlossen, der unser aller Entwicklung dient. Das bedeutet, dass es auf einer höheren Ebene keinen Täter und kein Opfer gibt, sondern es passierte, weil es passieren musste. Aus dieser Sicht gibt es nichts mehr, was man zu vergeben hätte.

Schritt 5: Integriere diese Erkenntnis in alle Zellen deines Körpers und in jede Faser deines Seins.

Diese Arbeit erfordert eine radikal neue Sicht auf das Leben und auf das, was dir in deinem Leben passiert ist. Nicht jeder Mensch möchte diesen Perspektivenwechsel vornehmen. Vielleicht ist es heute noch zu früh dazu, aber vielleicht magst du diese Idee im Hinterkopf halten und es etwas später probieren. Einen Versuch ist es allemal wert, einen Versuch, der zu mehr innerem und möglicherweise auch äußerem Frieden führen könnte.

Zum Weiterlesen:

(c) Kamphausen Verlag

Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest, empfiehlt sich das folgende Buch:

Colin C. Tipping: Ich vergebe. Der radikale Abschied vom Opferdasein. Kamphausen Verlag, Bielefeld, 2002

Mehr Informationen: www.tipping-methode.de

 

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Doris Iding
Doris Iding ist Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin. „Selbstbewusstsein statt Selbstoptimierung“ spielen für sie die zentrale Rolle. Sie vermittelt, wie wir spielerisch und mit einem Augenzwinkern zu uns selbst finden können, ohne uns dabei in Oberflächlichkeiten zu verlieren. 18 ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.
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