In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Die Motivationskraft für Selbstmitgefühl hingegen kommt aus der Liebe. Wenn wir uns selbst lieben und fürsorglich mit uns selbst umgehen, wollen und können wir unser volles Potenzial entfalten. Der Antrieb entsteht aus einem Gefühl der Fürsorge. Wir wollen gesund und glücklich sein. Selbstmitgefühl hat darüber hinaus auch zur Folge, dass wir uns selbst klarer sehen können. Wenn ich weiß, dass ich mein Bestes gebe, aber gleichzeitig wie jeder andere Mensch Schwächen habe (und deshalb an mir arbeite), brauche ich nicht an einem übertrieben schlechten Selbstbild festzuhalten und mich selbst als Versager zu sehen. Wir können uns dann viel stärker mit der unterstützenden und nährenden Qualität der Güte verbinden, einem fruchtbaren Boden für Wachstum und Veränderung. Verstehen wir einmal die Quelle unserer Gedanken und Handlungen, können wir viel besser mit ihnen umgehen und sie transformieren.

Selbstmitgefühl statt Selbstmitleid

Selbstmitgefühl und Selbstmitleid sind einander diametral entgegengesetzt. Wenn wir uns ständig bemitleiden und uns permanent als Opfer fühlen, alleine und unverstanden in unserer Not, dann kreisen wir immer mehr um unsere Leidensgeschichte und verstricken uns darin. Durch Selbstmitgefühl hingegen entwickeln wir die Kraft, unser Leid anzuerkennen und uns daran zu erinnern, dass alle Menschen Fehler machen und jeder Mensch im Verlauf seines Lebens schwierige Zeiten durchlebt, Schicksalsschläge erleidet, Verluste erfährt oder mit Krankheiten konfrontiert wird. Dieses Wissen kann uns darin unterstützen, nicht zu verbittern oder in einer Opferrolle zu verharren. Mit Selbstmitgefühl auf belastende Situationen zu reagieren, bedeutet aber nicht, Schwierigkeiten mit Zuckerguss übertünchen zu wollen. Ganz im Gegenteil: Selbstmitgefühl braucht Mut! Es erfordert den Mut, sich selbst die eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten einzugestehen, ohne sich jedoch dafür zu verurteilen.

Empathie und Mitgefühl

Ebenfalls unterschieden wird zwischen Empathie und Mitgefühl. Laut der Psychologin und Neurowissenschaftlerin Tania Singer empfindet jeder Mensch ganz automatisch Empathie. Empathie hat noch keine soziale oder moralische Dimension, sondern bedeutet lediglich, dass wir uns mit einem anderen Menschen freuen oder mit ihm leiden können. Es bedeutet aber noch lange nicht, dass wir uns deswegen für das Wohlempfinden eines Menschen einsetzen. Auch die Psychoanalytikerin Luise Reddemann macht hier eine klare Unterscheidung: „Mit der Fähigkeit zur Empathie kann man einem anderen Menschen aber auch Schaden zufügen und ihn ausnutzen“, so Reddemann. „Ein guter Versicherungsmakler zum Beispiel fühlt sich ein und dreht den Menschen gleichzeitig unlautere Dinge an.“ Mitgefühl hingegen hat immer eine heilsame und wohlwollende Ausrichtung – entweder für uns selbst oder für andere Menschen. Ein mitfühlender Mensch überwindet das selbstzentrierte Fühlen und ist motiviert, zum Wohle anderer zu denken und zu handeln.

Mitgefühl kultivieren

Die Metta-Meditation ist eine jahrtausendalte buddhistische Meditationsform und eine der bekanntesten Übungen, um Mitgefühl zu kultivieren. Bei ihr geht es darum, ganz gezielt eine Einstellung liebevollen Wohlwollens für alle Wesen zu entwickeln. Die westliche Psychologie hat mittlerweile ebenfalls zahlreiche Übungen zur Kultivierung des Mitgefühls hervorgebracht. Tania Singer hat sogar ein kostenloses E-Book über Mitgefühl herausgebracht, dass sich jeder herunterladen kann, der diese heilsamen Qualitäten entwickeln möchte.

Bei Übungen und Meditationen zum Mitgefühl werden negative Gefühle weder abgelehnt noch geleugnet oder bekämpft, sondern achtsam wahrgenommen, angenommen und auf eine wohlwollende und akzeptierende Weise „umarmt“, so wie man ein leidendes oder verzweifeltes Baby hält. Die Basis dafür besteht in der bedingungslosen und realistischen Annahme dessen, was ist. Denn nur so sind konstruktive Veränderungen möglich – für uns selbst und für die Welt, die so dringend Mitgefühl braucht.

Zum Weiterlesen:

  • Sylvia Wetzel: Achtsamkeit und Mitgefühl. Mut zur Muße statt Hektik und Burnout, Klett-Cotta 2015
  • Tania Singer: Mitgefühl in Alltag und Forschung. Kostenloses E-Book zum Download unter: www.compassion-training.org
  • Russell Kolts & Thubten Chodron: Die Weisheit eines offenen Herzens. Eine Synthese aus buddhistischer Praxis und westlicher Psychotherapie, Arbor Verlag 2016

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.