In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Seit der Mensch aufrecht geht, tanzt er auch. Durch Rhythmus und Bewegung geschieht Heilung, und wir kommen in Kontakt – mit unserer inneren Weisheit und mit dem Kosmos. Eine Form, dieses Ritual bewusst zu gestalten, ist jene des Trance Dance nach Frank Natale

 

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, sich mit dem Göttlichen zu verbinden. Eine, die der Mensch schon in Urzeiten intuitiv gewählt hat, ist der Tanz. Schon früheste Höhlenmalereien zeigen ihn ekstatisch tanzend. Anthropologen vermuten, dass der Trancetanz die zentrale kultische Handlung des Steinzeitmenschen war. Bis heute findet man bei fast allen indigenen Völkern, in vielen Traditionen und Religionen Tanzrituale, die in der Gemeinschaft, z.B. eines Sufi-Ordens, oder von Einzelnen, z.B. einem Schamanen, ausgeführt werden. Auch moderne Phänomene wie die Technokultur zeugen von der Sehnsucht des Menschen nach ekstatischer Verbundenheit.

 

Weite und Fokus zugleich

Musik und Bewegung bilden dabei eine Brücke. Angestrebt wird ein Zustand der Trance (lat. transire: hinübergehen, überschreiten), der unsere Wahrnehmung fokussiert und zugleich unser Bewusstsein weitet. Im religiösen oder spirituellen Kontext dient Trance seit jeher dazu, sich mit Gott, Geistern und Wesenheiten, heilenden Kräften, Orten oder Prinzipien zu verbinden und mit ihnen zu kommunizieren. Der Tanz wird zum Gebet und göttlichen Ausdruck. Gleichzeitig kommen wir mehr zu uns selbst: „Die Trance ermöglicht uns, wieder in jenen Zustand der Unschuld einzutreten, der ganz selbstverständlich auch jede Pflanze, jedes Tier und jeden Stein innerhalb der Schöpfung ausmacht (…). Und genau deshalb werden wir durch diese Erfahrung, die ebenso kontemplativer wie auch ekstatischer Natur sein kann, erst wirklich vollständig, heil und ganz“, schreibt die Tanztherapeutin Vicky Gabriel in „Feuergeist & Wandelwind“. „Im Gegensatz zur Meditation (…) haben wir es mit einem intensiven inneren Erleben zu tun, das aus vielen Einzelreizen, Bildern, Gefühlen und Ideen besteht (…).“ Neben spirituellen Aspekten hat der Trancetanz zudem eine heilende, therapeutische Wirkung auf physischer und psychischer Ebene. Eva Maria Moog, Tänzerin, Therapeutin und Yogalehrerin aus Berlin, hat sich damit intensiv auseinandergesetzt. Sie ist überzeugt, dass im Menschen nicht nur die Möglichkeit angelegt ist, Trance zu erleben, sondern dass das Erleben von Trance und Ekstase für sein körperliches, seelisches und geistiges Wohlbefinden sogar unverzichtbar ist. „Wir brauchen diese veränderten Bewusstseinszustände, die uns aus unserem Alltagskorsett herausholen, um als Mensch komplett zu sein und unser volles Potenzial aufschließen zu können“, sagt Eva Maria Moog im Interview.

Eine bekannte zeitgenössische Form des Trancetanzes hat der 2002 verstorbene Amerikaner Frank Natale entwickelt. Für ihn steht dabei die Verbindung mit dem eigenen Herzen im Vordergrund: „Wenn wir trancetanzen, nehmen wir Kontakt auf zu unserer Liebe und Leidenschaft, den beiden wichtigsten Elementen der Spiritualität. Wenn Spirit uns erfasst, beginnen wir unseren Körper ohne Scham in orgiastischer Leidenschaft zu bewegen – in dem Wissen, dass dies unsere wirkliche Natur ist. Wir erfahren einen Prozess allumfassender Heilung, während wir uns vom Zentrum unseres Herzens aus bewegen und von dort aus atmen“, schreibt er in seinem Buch „Trance Dance – der Tanz des Lebens, Geschichte, Rituale, Erfahrungen“.

 

Der Bewegung eine Richtung geben

Wie bei jedem Ritual folgt man auch beim Trance Dance nach Frank Natale einem vorgegebenen Ablauf. Zunächst geht es darum, eine Intention zu setzen. „Sie ist der springende Punkt beim Trancetanz, denn ohne Intention kann ich das Potenzial des Tanzes nicht voll nutzen“, weiß Eva Maria Moog. „Dabei kann es sich um eine Frage handeln, aber auch um den Wunsch nach einer spirituellen Erfahrung oder eine andere Zielvorstellung wie Heilung oder einen Lösungsansatz für ein Problem zu finden. Wie der Bogenschütze müssen wir ein klares Ziel vor Augen haben. Der Tanz ist der Flug des Pfeils. Die Trance führt zu Vereinigung von Pfeil und Ziel.“ Ein Bild, das Eva Maria Moog den Upanishaden entlehnt hat.

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Ist die Intention formuliert, bereiten sich die Tänzer durch eine spezielle Atemtechnik, die „Breath of Fire“ genannt wird, auf das Ritual vor. Dabei wird zweimal stark durch die Nase ein- und einmal durch den Mund ausgeatmet. „Diese Atemtechnik ist vergleichbar mit Kapalabhati oder Bhastrika im Yoga“, erklärt die Tänzerin und Yogalehrerin. „Hier zeigt sich, dass Frank Natale auch Schüler von Swami Muktananda war.“ Mit verbundenen Augen folgen die Tänzer dann dem Rhythmus der Musik. Die Augenbinde (Bandana) schützt vor äußeren visuellen Einflüssen und öffnet den Blick nach innen. Die Begleiter, die durch das Ritual führen, verhindern Zusammenstöße der Tänzer. Durch die Atemtechnik, den Bewegungsfluss und die schnellen Beats wird nun ein erweiterter Bewusstseinszustand herbeigeführt. „Die Synchronizität der Musik und der rhythmischen Bewegungen induziert die Trance“, erklärt Eva Maria Moog. „Der Bewusstseinzustand verändert sich beim Trancetanz sehr schnell und ziemlich massiv.“ Die Hirnwellenfrequenz bewegt sich hin zum Alpha- oder Theta-Wellenbereich. Der rationale, bewertende Verstand tritt in den Hintergrund, während unsere Intuition und unsere höhere Weisheit die Führung übernehmen. Heilung kann geschehen. Kreativität und natürliche Schönheit finden ihren Ausdruck. „Je ungesteuerter die Tänzer ihre Bewegung fließen lassen, umso mehr lässt der Geist los“, so Moog. „Ein wenig erinnert es an luzides Träumen – man lässt völlig los, und zugleich ist es eine bewusste, gelenkte Reise.“ Wie in der Mitte eines wirbelnden Orkans geschieht im Innersten eine Zentrierung, tritt Stille ein. Den Abschluss eines Trance-Dance-Rituals bildet schließlich eine „Integrationsphase“, während der die Teilnehmer auf dem Boden liegen, zur Ruhe kommen und ihre Erfahrungen verarbeiten können.

 

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