Die Wassermassen kommen ohne Warnung: Am Abend meditiere ich gemeinsam mit meiner Frau Suva im Wohnzimmer. Kurze Zeit später ist dort, wo vorher unser Sofa stand, nur noch Wasser und das komplette Haus ist überflutet.

Eine Nacht lang weiß ich nicht, was am anderen Morgen von dem größten Teil unseres materiellen Besitzes noch übrig geblieben ist: Werden wir weiterhin in unserem Haus wohnen bleiben können? Haben unsere Autos überlebt oder sind sie kaputt und wir damit von der Außenwelt abgeschnitten?

Es ist eine der herausforderndsten Wochen, die ich in meinem Leben erlebt habe und eine große Lektion im Loslassen. Zugleich habe ich durch die Erfahrung wahnsinnig viel lernen dürfen – was genau verrate ich Dir in diesem Artikel.

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Ich erzähle dir meine Geschichte nicht, um Mitleid zu bekommen. Ich möchte dich inspirieren. Denn für mich zeigen sich in meiner Erfahrung auch kollektive Themen. Anstelle der Flut ließen sie sich auf Corona oder jede beliebige andere herausfordernde Lebenssituation anwenden.

Schöpferkraft statt Opferbewusstsein

Als das Wasser kommt, handele ich einfach, ohne nachzudenken. Wir retten unsere Sachen, tun, was wir tun können. Gleichzeitig bin ich fast über mich selbst erstaunt, dass ich an diesem Abend oder auch am Tag danach schaffe, bei mir und im Hier und Jetzt zu bleiben.

Nach dieser kraftvollen Erfahrung kann ich sagen, dass Meditation hilft. Sie hilft uns nicht dabei, die äußeren Umstände zu ändern oder den Schlamm im Haus zu kriegen. Aber sie half mir dabei, all das zu erleben, ohne ins mentale oder emotionale Drama abzugleiten.

Ich habe mich niemals als Opfer gefühlt oder beklagt, weil ich tief in meinem Inneren weiß, dass es sinnlos ist und mich nicht weiterbringt. Natürlich gibt es Dinge im Leben und im Außen, die wir nicht kontrollieren können. In diesem Sinne sind wir tatsächlich Opfer der Umstände.

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Aber zugleich besitzen wir die große Freiheit zu entscheiden, worauf wir unsere schöpferische Aufmerksamkeit lenken wollen: den Mangel oder die Fülle. Und wir haben die Freiheit zu wählen, welche Geschichte wir erzählen möchten.

Ist es die Geschichte des Opferbewusstseins, in der wir selbst machtlos sind, ein armes Opfer vom Pech verfolgt? Oder ist es eine Heldengeschichte? Eine Geschichte, in der wir die schlimmen Umstände, die uns widerfahren, als Prüfungen interpretieren, die uns auferlegt werden, aber die wir bewältigen können, weil wir wissen, dass sie dem Wachstum unserer Seele dienen.

Impuls:

Wo fühlst du dich als Opfer und beklagst dich über die Umstände oder das Leben? Wo bist du frustriert darüber, dass du im Außen etwas nicht verändern kannst, vergisst aber, dass es deine eigene Entscheidung ist, mit welchen Gedanken und Gefühlen du auf das Leben reagierst?

Radikale Dankbarkeit statt Mangelbewusstsein

Mein Verstand hat keine Ahnung, wie es weitergeht. Doch in mir ist ein tiefes Vertrauen wie eine Stimme, die mir zuflüstert, dass alles gut wird, – ohne dass ich auf rationaler Ebene sagen könnte wie genau. Selbst dann noch, als ich am anderen Morgen von der Versicherung erfahre, dass sie den Schaden nicht übernehmen wird.

Die einzigen Tränen, die ich geweint habe, waren Tränen der Dankbarkeit für all die unerwartete Hilfe von großzügigen Menschen, die wir empfangen haben. Teilweise sogar von Menschen, die wir zuvor kaum kannten.

Intuitiv entscheidet sich mein System dafür, Fülle statt Mangel zu sehen. Seit einem halben Jahr habe ich intensiv an einem neuen Online-Kurs, der sich mit dem Thema Manifestation und Fülle beschäftigt. Nun habe ich Gelegenheit dazu, mein Wissen in der Praxis zu testen und im Vertrauen auf die Fülle zu bleiben.

Mangel ist letztlich eine Illusion des Geistes. Natürlich können wir in der materiellen Welt Knappheit erleben, doch gleichzeitig sind wir unsterbliche Seelenwesen und auf dieser Ebene kann es keinen Mangel geben.

Mangel kann auch nur in der Zeit stattfinden. Um im Mangel zu sein, müssen wir das, was wir haben, mit etwas in der Vergangenheit oder in der Zukunft vergleichen. Und selbst dann wählen wir häufig den falschen Vergleichsmaßstab. Nach der Katastrophe hätte ich mich im Mangel fühlen können, wenn ich nur an all die zu bezahlenden Rechnungen und Kosten gedacht hätte, die durch die Wasserschäden entstanden sind.

Stattdessen haben meine Frau und ich entschlossen, uns auf die Fülle auszurichten: Wir waren und sind tief dankbar dafür, dass wir gesund sind (im Gegensatz zu denjenigen, die in den Fluten umkamen) und dafür, dass unser Haus noch steht (im Gegensatz zu vielen Menschen, die alles verloren haben).

Nach zwei Tagen ohne Strom konnte ich eine ganz neue Dankbarkeit für viele alltägliche Dinge entwickeln, wie z.B. unsere Waschmaschine oder Spülmaschine. Einfach auf einen Schalter zu drücken und ein Licht geht an, fühlte sich nach zwei Nächten mit Kerzenlicht wie ein kleines Wunder an.

Impuls:

Wofür kannst du jetzt dankbar sein? Wo fühlst du dich noch im Mangel? Was nimmst du als alltäglich wahr, was du eigentlich wertschätzen darfst? Wo hast du eine falsche Perspektive auf Fülle und Mangel?

Gegenseitige Unterstützung statt Einzelkämpfertum

Was mich am meisten beeindruckt, ist, wie die Katastrophe den Umgang der Menschen miteinander verändert: Seit vier Jahren wohne ich auf einer Mühle. Die anderen Nachbarn leben schon wesentlich länger dort. Doch wie es so häufig der Fall ist, entstehen im Laufe der Zeit Gräben: Manche der Nachbarn redeten gar nicht mehr miteinander oder nur schlecht übereinander.

Doch davon ist nun nichts mehr zu spüren! Weil alle betroffen sind, packen alle gemeinsam mit an. Aus praktischen Gründen steht bei gutem Wetter die Tür auf, damit die Feuchtigkeit aus den Häusern verschwindet – zugleich ein kraftvolles Symbol der Gastfreundschaft.

Für mich ist es ein Zeichen! Wir Menschen werden in die gegenseitige Unterstützung gezwungen. Denn in der Not können wir uns Einzelkämpfertum und Ego-Spielchen schlichtweg nicht mehr leisten. Es ist ein neues Paradigma der Kooperation, was wir nicht nur im Kleinen in der Nachbarschaft, sondern in unserer Gesellschaft, ja auf der ganzen Welt dringend gebrauchen können.

Konsum auf Kosten der Gemeinschaft, wie er sich beispielsweise in Billigfliegern, Kreuzfahrten oder Wegwerf-Mentalität äußert, ist ein Relikt der Vergangenheit. Und wer sich innerlich nur um sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse kreist, wird sehr wahrscheinlich die Erfahrung von Gemeinschaft und einem sinnerfüllten Leben verpassen.

Impuls:

Welche Menschen könntest du um Unterstützung bitten? Wem könntest du deine Hilfe schenken? Mit welchen Menschen möchtest du dich verbinden, um gemeinsam etwas zu erschaffen?

Mit dem Leben fließen und den Zwang zu kontrollieren loslassen

Wasser hat die Macht zu zerstören, – das konnten viele Menschen während der Flutkatastrophe erfahren. Doch gleichzeitig dürfen wir vom Wasser lernen. Denn Wasser hat für mich auch eine symbolische Bedeutung: Es symbolisiert die Qualität des Fließens und Loslassens. Mit dem Leben zu fließen, anstatt versuchen zu wollen, es krampfhaft kontrollieren zu wollen.

Es ist die weibliche Energie von Yin, eine Energie, die nach innen gerichtet ist. Im Gegensatz zur männlichen Yang-Energie, die aufs Handeln im Außen abzielt. Wir brauchen den Ausgleich von männlicher und weiblicher Energie sowohl individuell als auch kollektiv. Eine männliche Yang-Energie ohne weibliches Korrektiv betreibt Raubbau mit unserem Planeten und droht uns sprichwörtlich auszubrennen.

Denn nur Handeln hilft uns irgendwann nicht weiter. Und es ist eine Illusion zu glauben, dass wir alle Probleme durch Handeln und Kontrolle lösen könnten. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie mussten viele Menschen erkennen, dass das Leben mit einem Schlag all ihre Planungen zunichtemachen kann und sich viele scheinbare Sicherheiten, z.B. ein Job, die eigene Gesundheit oder langjährige Beziehungen mit einem Tag verändern können.

Das Leben ist so komplex und so unplanbar geworden, dass uns Denken nicht weiterhilft. Denn wenn der rationale Verstand keine Lösung findet, verstärkt dies das Gefühl der Frustration und Machtlosigkeit nur noch mehr. Unser Nervensystem befindet sich im Flucht- und Kampfmodus – hilfreich, um vor physischer Gefahr zu fliehen, aber denkbar ungeeignet dafür, um kreative Lösungen auf ungeahnte Herausforderungen zu finden.

In Momenten, wo uns Handeln nicht weiterhilft, tun wir gut daran anzunehmen, was ist. Und das gilt sowohl für unsere Erfahrung im Außen als auch das, was in uns ist: Unsere eigenen Gefühle, die gefühlt werden möchten. Mit Akzeptanz und Hingabe an das Leben können wir unsere Energie zu uns zurückholen. Anstatt unsere Kraft in einem sinnlosen Kampf zu verschwenden, wenn wir versuchen, im Außen zu kontrollieren, was nicht zu kontrollieren ist, können wir sie dorthin benutzen, wo sie dringend gebraucht wird: nämlich einen kraftvollen inneren Zustand zu erschaffen.

Impuls:

Wo versuchst du zu kontrollieren, was sich nicht kontrollieren lässt? Wo fällt es dir noch schwer zu vertrauen und loszulassen? Was könnte dich dabei unterstützen?

Alten Ballast loslassen statt an der Vergangenheit festzuhalten

Einige Tage nach dem Unwetter begegnete mir im Innenhof eine Nachbarin, die mich anlächelte. Sie erzählt mir, dass sie fast dankbar dafür ist, zerstörte Dinge loslassen zu können. In Andenken an einen lieben verstorbenen Menschen hatte sich alten Unmengen an Gegenständen angesammelt. Und sie hatte bislang nicht die Kraft gefunden, diese Gegenstände und damit die Vergangenheit loszulassen.

Mir erging es ähnlich: Schubkarre für Schubkarre durfte ich kaputtes, altes Zeug aus unserem Haus karren. Mit jeder Schubkarre, um die der große Sperrmüll-Haufen vor unserem Haus wuchs, wuchs das Gefühl von Freude, Freiheit und innerer Weite in meinem Herzen.

Die Qualität des Loslassens bezieht sich übrigens nicht nur auf materielle Dinge. Die Aufräumarbeiten dürfen auch auf Ebene des Geistes und der Gefühle stattfinden. So durften wir in der Nachbarschaft bestimmte Vorurteile übereinander loslassen. Oder alte Geschichten aus der Vergangenheit, die wir einander nachgetragen hatten.

Impuls:

Auf welche Gegenstände von dir könntest du verzichten? Was würdest du nicht vermissen, wenn das Leben alles zerstört? Was darfst du auf emotionaler und geistiger Ebene loslassen?

Ich hoffe, dass dich dieser Artikel inspirieren konnte!

PS: Glücklicherweise ist unser Haus mittlerweile wieder aufgeräumt und es sieht schon deutlich besser aus. Vielen Dank an alle Helferinnen und Helfer und mitfühlenden Menschen, die sich nach uns erkundigt haben!

Tobias Frank hat einen neuen kostenlosen Videokurs Erste-Hilfe-Set für die Seele. Hier kannst du dir eine geführte Meditation, eine Selbstmassage-Sequenz und zwei geführte Thai Yoga Sequenzen herunterladen.

 

Hier kannst mehr zum Thema Loslassen lesen:

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