Stell dir vor, dass du all deine alten seelischen Narben, die du im Laufe deines Lebens erhalten hast, nicht länger verstecken müsstest? Besser noch: Mache sie zu etwas Besonderem. Wie dies möglich ist, erfährst du hier.

Verletzungen machen deine Schönheit aus

Wie würdest du dich fühlen, wenn deine tiefsten Verletzungen nicht mehr weh tun würden? Wie wäre es, wenn du sie dir noch einmal bewusst anschauen könntest und durch sie dein inneres Licht strahlen würde? Kintsugi macht es möglich. Damit gemeint ist die Fertigkeit, aus Scherben Kunstwerke zu schaffen, die noch kostbarer sind als die ursprünglichen Gegenstände. Und damit gemeint ist auch die innere Stärke, sich nicht länger als Opfer der Umstände zu fühlen, sondern gereift aus einer Erfahrung herauszutreten. So wie Klaus, ein junger Mann, dessen Geschichte ich hier kurz erzählen möchte.

Klaus war an Knochenkrebs erkrankt. Am Tag seiner Entlassung führte er ein letztes Gespräch mit seinem Kunsttherapeuten. Dieser zeigte ihm die verschiedenen Zeichnungen, die Klaus während der Therapie gemalt hatte. Als Klaus alle Zeichnungen betrachtet hatte, wollte er sein allererstes Bild noch einmal sehen. „Es ist noch nicht fertig. Kann ich es bitte noch zu Ende malen?“. Der Therapeut war erstaunt und reichte ihm eine Kiste mit Filzstiften. Auf der Zeichnung war eine Vase abgebildet, die einen großen Riss hatte und von schwarzen Strichen übermalt worden war. Es war offensichtlich, dass Klaus sehr wütend gewesen sein musste, als er das Bild gezeichnet hatte. Seine ganze Wut, seine Verzweiflung und sein Ärger über seine Erkrankung spiegelten sich in dem Bild wider. Jetzt überzeichnete er die Risse, und als er dem Therapeuten das Bild zurückgab, staunte dieser nicht schlecht. Es sah so aus, als würden helle, goldene und weiße Strahlen aus dem Innern der Vase scheinen. Klaus hielt dem Therapeuten das Bild hin und meinte: „Jetzt ist es fertig! Wo einst ein Riss war, strahlt heute ein Licht.“

Das Schicksal lässt uns wachsen

Magst du an dieser Stelle kurz innehalten? Hast du in deinem Leben schon einmal eine ähnliche Erfahrung gemacht wie Klaus? Gab es eine Situation, in der du dich als Opfer gefühlt hast? Vielleicht war es eine Krankheit, vielleicht hast du einen Menschen verloren oder einen Arbeitsplatz. Vielleicht hattest du einen schweren Unfall oder ein Lebenstraum ist geplatzt. Möglicherweise hast du dich in einer solchen Situation als Opfer äußerer Umstände gefühlt und warst wütend auf einen Menschen, einen Umstand oder das Leben selbst.

Hand aufs Herz: Wie geht es dir heute, wenn du an diese Situation denkst? Hat diese Krise dich nicht auch weitergebracht, reifen lassen und erwachsener werden lassen?!

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Und bitte noch ein zweites Mal Hand aufs Herz: Gab es in deinem Leben eine Liebe, die zerbrochen ist und du nach diesem Bruch das Gefühl hattest, dass das Leben ohne diesen Menschen keinen Sinn mehr macht? Und heute, nach zwei, drei oder zehn Jahren fragst du dich, wie blind du gewesen sein musstest, um dich überhaupt in diesen Menschen zu verlieben?!

Raus aus der Opferrolle: Lass deinen Blick weit werden

Wenn wir uns nicht länger als Opfer einer Situation betrachten, dann können wir früher oder später – meist später – aus unseren Krisen lernen. Manch spiritueller Lehrer behauptet sogar, dass wir nur durch solche leidvollen Erfahrungen reifer werden. Unter uns – ich selbst gehöre auch zu diesen Menschen. Und du?

Kintsugi: Ein besonderes Kunstwerk schaffen

Das Zauberwort, um aus Zerbrochenem Kunstwerke zu schaffen, lautet „Kintsugi“. Kintsugi ist eine alte japanische Tradition aus dem 15. Jahrhundert. Damals entwickelte man in Japan eine besondere Form der Reparaturmethode für zerbrochenes Porzellan und Keramik. In einem Prozess aus vier Stufen kittete man kaputte Tassen mit Urushi, einem Japanlack, der mit Goldstaub vermischt wurde.

Kintsugi – was ist das?

Die Kintsugi-Reparaturmethode geht zurück auf die Unzufriedenheit eines japanischen Shōgun (ein japanischer Adelstitel, Anm. d. Red.). Ashikaga Yoshimasa besaß eine Lieblingstasse, von der er sich nicht trennen konnte. Er schickte sie nach China, um sie dort reparieren zu lassen. Den Handwerkern dort war nichts anderes eingefallen, als sie mit hässlichen Klammern zu kitten. Japanische Handwerker nahmen dies zum Anlass, einen ästhetischeren Weg der Verarbeitung zu wählen. Sie setzten goldene Ziernähte zum Kitten ein, sodass durch den Reparaturprozess reinste Kunstwerke entstanden. Das wiederum führte dazu, dass mancher Sammler das Porzellan absichtlich zerbrach, um sein Lieblingsstück mit goldenen Ziernähten zu versehen.

Kintsugi: wandle Schmerz in Gold um

Aus Zerbrochenem ein Kunstwerk zu machen ist in meinen Augen ein wunderbarer Gedanke, der dem westlichen Konsumverhalten etwas entgegensetzt. Wer Freude an der japanischen Ästhetik hat, der kann sich an dieser Stelle bereits denken, dass sich manche Kintsugi-Tassen an Schönheit übertreffen.

Kintsugi im täglichen Leben

Im Land der aufgehenden Sonne wandte man die Philosophie von Kintsugi nicht nur auf zerbrochenes Porzellan an. Symbolisch sieht man darin einen Spiegel für das eigene Leben: jeder Mensch erlebt Brüche, körperlicher oder seelischer Art. Häufig ist es die Vorstellung darüber, wie das eigene Leben zu sein hat: Eine Beziehung, die bis ans Lebensende halten sollte oder die eigene Gesundheit, die bis zum letzten Tag blendend sein sollte. Ein eigenes Yogastudio, mit dem wir unseren Lebensunterhalt verdienen können.

Symbolisch sieht man darin einen Spiegel für das eigene Leben: jeder Mensch erlebt Brüche, körperlicher oder seelischer Art.

Dein eigenes Kintsugi

Wie wär’s, wenn Du dein eigenes Leben mal unter diesem Aspekt betrachtest? Vielleicht macht es dir dieser Ansatz möglich, dein Leben neu zu betrachten. Möglicherweise wirst du dann erkennen können, dass du heute nur deshalb reifer und klüger bist, weil du eine tiefe Sinnfindungskrise hattest oder einen schweren Verlust erleben musstest.

Lass dein Leben in einem neuen Licht erstrahlen

Betrachte Situationen so wie Klaus, dem es möglich war, den scheinbar nie enden wollenden Schmerz und dunkelsten Abgrund in Licht zu wandeln. Krisen gehören zum Leben genauso dazu wie Verluste. Sie lassen uns reifen. Vertusche nicht, was dir widerfahren ist. Nimm an, was du erfahren hast. Mach dir bewusst, was genau dich weitergebracht hat und was du gelernt hast. Kintsugi für Fortgeschrittene würde in einem nächsten Schritt bedeuten, dass du dich bei den Menschen bedankst, die dich zu dem gemacht haben, was du heute bist: ein einzigartiges, strahlendes Wesen!

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Zum Weiterlesen:
Andrea Löhndorf: Kintsugi: die Kunst, schwierige Zeiten in Gold zu verwandeln. Scorpio Verlag. 2020
Tomás Navarro: Kintsugi: Die Kunst, emotionale Verletzungen zu heilen. Kösel Verlag. 2019
Pascal Akira Frank: KINTSUGI – Scherben bringen Glück: Die Kunst, unsere Wunden zu heilen. GU. 2019

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