In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Der Weg des Alltags
Alle östlichen spirituellen Wege fordern eine intensive Hingabe, sowohl inhaltlicher als auch zeitlicher Natur. Vor allem die Zeit fehlt uns westlichen Menschen, wir können oder wollen uns nicht jeden Tag viele Stunden lang der Meditation und anderen Praktiken widmen. Deshalb scheint der Karma-Yoga wie für uns gemacht: Der gewöhnliche Alltag selbst wird dabei zum Yoga, wir können ihn in jeder Lebenslage und Situation ausüben, im Beruf, in der Freizeit, bei allen unseren zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir machen unser ganzes Leben zum Yoga.

Wie am Anfang schon erwähnt, ist der Karma-Yoga in seinem Ursprung zwar eine spirituelle Disziplin, deren Ziel die Erleuchtung oder Gottesverwirklichung ist; doch sein großer Wert für uns alle liegt darin, dass er das diesseitige, das ganz gewöhnliche Alltagsleben zu einem sorgloseren und zufriedeneren werden lässt. Genau das ist mein Anliegen: einen praktikablen, alltagstauglichen Weg aufzuzeigen. Denn die tiefsten Weisheiten sind wertlos, wenn wir sie nicht für unser Leben, zur Verbesserung unseres Daseins umsetzen können. Deshalb folgen in diesem zweiten Teil meines Artikels nun vor allem konkrete Verhaltensvorschläge.

Die Frage lautet also: Wie sollen wir gemäß dem Karma-Yoga handeln? Außer dem bereits erwähnten Loslassen von Wünschen und Zielen und dem gleichmütigen Annehmen aller Früchte unseres Handelns befolgen wir hauptsächlich zwei Grundsätze: Wir tun immer das, was gerade zu tun ist, und wir tun es immer so gut wie möglich.

Immer tun, was gerade zu tun ist
Im Allgemeinen handeln wir, wenn wir nicht zu etwas genötigt sind, nach dem Prinzip von Lust und Unlust. Es gibt eine Menge Dinge, die wir gerne tun, und ebenso viele, die wir ungern erledigen, abgesehen von den neutralen, die für uns weder besonders anziehend noch besonders lästig sind. Dadurch wechseln wir fortwährend zwischen Freude und Widerwillen.

Zudem verschleudern wir viel Energie, um über künftige lustvolle Vorhaben (den Feierabend, einen Besuch bei Freunden, die Lektüre eines Buches, den Urlaub, die Beschäftigung mit einem Hobby) nachzusinnen und sie herbeizusehnen. Ebenso viele Gedanken und Empfindungen verschwenden wir an Unangenehmes, das noch vor uns liegt, ganz zu schweigen von der Energie, die wir ins Aufschieben und Umgehen investieren.

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Bedenken wir, dass normalerweise der größere Teil des Tages aus Pflichten besteht: Wie traurig, wenn es uns nicht gelingt, an diesen Freude zu finden! Wir vergeuden dann unser Leben lustlos und kläglich …

Es ist normal, menschlich, dass wir die einen Dinge den anderen vorziehen. Doch dadurch sind wir dem Drama des Lebens mit seinem Auf und Ab unterworfen und weit entfernt von der anhaltenden Zufriedenheit. Um dem zu entgehen, müssen wir lernen, alles gerne – oder zumindest gleichmütig, ohne Abneigung – zu tun. Das ist gar nicht so schwer, es braucht nur ein bisschen guten Willen und etwas Ausdauer, um dabei zu bleiben, bis sich dieses Verhalten als Gewohnheit in uns eingeprägt hat. Wir machen daraus eine Regel, an die wir uns künftig einfach halten, ohne sie zu hinterfragen: Ich mache stets das, was gerade ansteht. Ob im Haushalt, im Beruf oder in meiner Freizeit: Wenn ich sehe, dass etwas getan werden sollte (und ich sehe es, alles andere sind faule Ausreden!), dann tue ich es, sofort, ohne Aufschub. Es ist demnach nicht wichtiger und wertvoller zu meditieren, wenn die Fenster schmutzig sind und danach schreien, geputzt zu werden. Und bin ich gerade dabei, ein Buch zu lesen, und mein Blick fällt auf einen Fleck auf dem Sofa, dann beseitige ich ihn und lese erst nachher weiter.

Alle Aufgaben, die sich gerade zur Erledigung anbieten, seien es banale oder bedeutsame, leichte oder mühselige, beliebte oder verhasste: Wir packen sie sofort an, ohne sie aufzuschieben und ohne zu murren, auch ohne auf eine ausdrückliche Aufforderung zu warten.

Dabei achten wir besonders darauf, augenblicklich damit zu beginnen, ohne zweimal darüber nachzudenken, sonst kommt schnell Unlust auf, der wir gerne nachgeben. Nehmen wir diese trotzdem wahr, setzen wir uns über sie hinweg. Es ist nur ein kurzer Moment, in dem wir unsere ganze Willenskraft aufbringen und der Trägheit „Nein!“ sagen müssen. Nachher vertiefen wir uns derart in die jeweilige Tätigkeit, dass für nichts anderes mehr Platz in uns ist, so dass in der Regel auch kein Widerwille mehr aufkommt – mit dem wohltuenden Nebeneffekt, dass wir auf diese Art vollständig in der Gegenwart leben, die Aufgabe schneller und besser bewältigen.

Wenn wir uns darum bemühen, dieses Prinzip eine Weile bewusst zu praktizieren, fällt es uns von Tag zu Tag leichter, bis es zu unserer Natur wird.

Jede Tat so gut wie möglich vollbringen
Bei Pflichten, die wir nicht mögen, neigen wir dazu, nur das Nötigste zu tun, vielleicht sogar etwas fahrlässig und liederlich. Das widerspricht dem Prinzip unserer Vervollkommnung – wir wollen uns doch verbessern und innerlich entwickeln, um zur anhaltenden Zufriedenheit zu gelangen. Deshalb geben wir bei allem, was wir tun, immer unser Bestes, wie es unseren Fähigkeiten entspricht.

Wir verfallen dabei jedoch nicht in einen Perfektionismus, dessen Ursache – aus mangelndem Selbstwertgefühl – in der Angst zu versagen, der gefürchteten Kritik der Mitmenschen und Ähnlichem liegt. Im Gegenteil: Haben wir nach bes­tem Wissen und Gewissen gehandelt, im Rahmen unserer Möglichkeiten, so akzeptieren wir das Ergebnis mit

Gleichmut, auch wenn es nicht gut ausfällt. Wir machen uns selbst keine Vorwürfe und tragen keine Schuldgefühle mit uns her­um. Wir können ja nicht mehr tun, als wir vermögen! Und auch von anderen lassen wir uns keine Vorwürfe gefallen: Wenn unsere hundertprozentige Leistung nicht genügt – mehr haben wir nicht zu bieten. Das dürfen wir uns und anderen eingestehen, ohne dass unser Selbstwertgefühl darunter leidet. Unser Bemühen, alles so gut wie möglich zu machen, trägt zudem dazu bei, dass wir sogar den eigentlich ungeliebten Tätigkeiten dadurch einen höheren Sinn verleihen und an ihnen mit der Zeit mehr Freude finden.

Der sonnige Lebensweg
Halten wir uns an die Grundsätze des Karma-Yoga – wohlgemerkt: Grundsätze, denn diese Lehre kennt keine Gebote und Verbote, sondern überlässt alles unserer eigenen unfehlbaren inneren Führung –, folgen wir also dem Pfad des Karma-Yoga, so wandern wir freudig auf dem sonnigen Weg durch das diesseitige Leben. Und tun, falls wir daran glauben, auch etwas für das kommende.

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