Vor fünf Jahren war Martine Waldmann noch eine ganz normale Mutter und Hausfrau auf dem Land in Norddeutschland. Dann erlebte sie von heute auf morgen einen extrem heftigen spontanen Kundaliniaufstieg, der ihren Lebensweg in völlig neue Bahnen lenkte
Mit Esoterik oder Spiritualität hatte ich mich bis dahin kaum beschäftigt, es interessierte mich auch nicht. Yoga war für mich etwas Abgedrehtes. Ich stellte mir darunter verrückte Menschen vor, die in orangefarbenen Gewändern mit kahlgeschorenen Köpfen, ständig OM singend, durch die Gegend liefen. Das hatte nichts mit meinem gutbürgerlichen Leben zu tun. Und dann geriet mein heile Welt-Szenario innerhalb nur einer einzigen Woche komplett aus den Fugen. Nichts war mehr wie vorher, ich hatte weder meinen Körper noch mein Leben weiter unter Kontrolle.

Es fing damit an, dass ich zwei Tage vor meinem Kundaliniaufstieg übers Internet meinen Guru gefunden hatte. Sie fragen sich nun sicherlich: „Wie kommt sie an einen Guru, wo sie doch gerade noch behauptet hat, dass sie nicht einmal wusste, was Spiritualität bedeutet?“ Da bin ich einer inneren Stimme gefolgt, die ca. ein halbes Jahr vor dem Anstieg meiner Kräfte penetrant in meinem Kopf war. Eines Morgens hörte ich eine innere Stimme: „Du musst dir einen spirituellen Lehrer suchen!“ „Was soll das denn?“ habe ich mich gefragt und den Kopf geschüttelt. Jeden Tag kam diese Stimme, immer drängender und öfter und ich habe gedacht, dass ich nun anfange zu spinnen. „Was soll ich mit einem spirituellen Lehrer? Und was ist das überhaupt? Das interessiert mich nicht! So ein Quatsch“, dachte ich und schob diese Stimme immer wieder weg. Zwei Jahre bevor diese Stimme auftauchte, war ich einmal unvermutet aus meinem Körper herausgeschwebt, was ich ganz erstaunlich und wunderschön fand. Irgendwann ging ich ins Internet und gab das Wort „Astralreisen“ in Google ein, weil ich mir ganz naiv dachte: „Bin ich einmal aus dem Körper herausgekommen, dann komme ich auch immer wieder heraus und habe dieses schöne Erlebnis.“ Dort kam ich auf eine Internetseite über Astralreisen und habe eine Mail an den Autoren der Seite geschrieben, etwas was ich noch nie vorher getan hatte. Ich habe in einem – wie mir später erst klar wurde – tranceähnlichen Zustand einem mir wildfremden Menschen geschrieben, ob er mein spiritueller Lehrer werden wolle.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass mein späterer Lehrer ein Guru war. Gurus waren ein rotes Tuch für mich – Sektenführer, Manipulatoren, Volksverdummer etc., so glaubte ich damals. Instabile, labile Menschen fallen auf so einen herein, dachte ich. Ich steckte bis in die Haarspitzen voller Vorurteile bei allem, was nicht rational erklärbar war. Als die Mail abgeschickt war, „wachte“ ich auf und erklärte mich selbst für total verrückt, dass ich das gemacht hatte.

Ich schrieb ihm von den drängenden Stimmen in meinem Kopf und fragte ihn, ob er mir helfen könne. Ehrlich gesagt wusste ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht, was ich eigentlich von ihm wollte. Er weigerte sich, eine Mailführung im Yoga gab es nicht. Wir wohnten über 1000 km voneinander entfernt, eine persönliche Führung kam also nicht in Frage. In mir gingen zunehmend merkwürdige Dinge vor sich, ich wusste nach einem Tag Mailkontakt hundertprozentig sicher, dass er der richtige Lehrer für mich war und ich wusste ganz genau, dass er mir helfen würde. Wobei er mir helfen würde, wusste ich immer noch nicht.

Zwei Tage nach unserem ersten Kontakt brach dann der Sturm los. Ich bekam tägliche stundenlange Zitteranfälle am ganzen Körper, mehrmals täglich fiel ich in tiefe Trance. Ich war nicht mehr in der Lage meiner Hausarbeit nachzukommen. Es überfiel mich ein innerer Zwang, mich mindestens zweimal am Tag hinzulegen. Kaum lag ich, erschien ein Tunnel vor meinen Augen und zog mich aus meinem Körper heraus. Dabei bereiste ich außerkörperlich jenseitige Welten, lernte sehr viel über menschliche Schwächen und Stärken, lernte astral zu heilen. Ich hatte und habe jenseitige Helfer, begegnete Götterkräften, Kali, Shiva und Tara, von denen ich vorher noch nicht einmal gehört hatte. Ramakrishna erschien mir und viele andere bekannte und unbekannte Wesenheiten. Alle diese Jenseitigen und alle Kräfte, die mir begegneten, halfen mir weiter und lehrten mich.

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Alles spielt verrückt
Ich bekam in den unmöglichsten Momenten starke sexuelle Zuckungen im Unterleib, die sich nach oben durch den Körper wanden wie eine Schlange. Aus allem was ich berührte, schlugen blaue Flämmchen heraus und ich bekam einen elektrischen Schlag. In unserem Blockhaus knallten die Holzbalken so laut, dass es erschreckend wurde. Steckdosen im Haus fingen Feuer, die Toilettenspülung lief ununterbrochen, obwohl kein Wasser lief, das Geräusch des laufenden Wassers war aber deutlich zu hören. Der Computer fuhr herunter und wieder hoch ohne dass ich etwas dazu tat. Das Fernsehbild verzerrte sich grotesk, sobald ich den Raum betrat, und wurde wieder normal, sobald ich den Raum verließ etc. Im Haus war kein Elektrogerät mehr vor mir sicher.

Spätestens an diesem Punkt bekam ich Angst, dass ich meine Familie damit gefährdete, und ich beschloss in der Nacht, dass ich stark genug war, das alles wieder unter Kontrolle zu bekommen. Vordergründig schaffte ich es auch, ich war stolz auf mich und mein Mann war sehr erleichtert, als ich ihm am nächsten Tag mitteilte, dass ich nun wieder die Kontrolle über meinen Körper hätte und wir unser früheres Leben fortführen könnten.

Doch dann bemerkte ich im Laufe des nächsten Tages, dass die Energien in meinem Bauch unerträglich anstiegen. Mein Bauch wuchs innerhalb von Stunden so an, als wäre ich im neunten Monat schwanger. Ich passte in kein Kleidungsstück mehr hinein und bekam starke Schmerzen. Wenn ich meine Augen schloss, sah ich Lichtblitze um mich herum explodieren, wie bei einem Silvesterfeuerwerkskörper. Mir wurde klar, dass dieser Prozess, der in mir ablief, nicht zu kontrollieren war und ich bekam Angst, wenn das so weiterginge in der Psychiatrie zu landen.

Mein Yogalehrer versuchte mir diese Phänomene so gut es ging zu erklären, aber der Prozess lief so schnell bei mir ab, dass er nicht mehr mit den Erklärungen hinterher kam. Ich hatte keine Chance auch nur halbwegs zu verstehen, was mit mir los war, ständig geschahen neue für mich unerklärliche Dinge und er hatte große Angst um mich.

Mittlerweile war ich von meinen Erlebnissen so in Anspruch genommen, dass ich selbst keine Zeit mehr für aufsteigende Ängste hatte. Ich schlief nur noch drei-vier Stunden in der Nacht und hatte beschlossen, mich auf dieses Abenteuer einzulassen bis ich irgendwann zusammenbrechen würde. So etwas konnte kein Mensch auf Dauer durchhalten, davon war ich überzeugt. Mit der Zeit habe ich dann gelernt, dass unser Körper viel mehr ertragen kann, als wir uns vorstellen können. Aufzuhalten war der Prozess nicht, wie ich nun aus Erfahrung wusste, also musste ich den Dingen ihren Lauf lassen.

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