Warum Erfolg im Yoga wohl mehr damit zu tun hat, das Herz zu öffnen als die Hüften.
Es ist später Nachmittag und eine meiner Langezeit-Yogaschülerinnen ist zu Besuch da. Nach ein paar Minuten Geplauder erzählt Sarah, wie fehl am Platze sie sich bei diesem Workshop fühlte, an dem sie am vorangegangenen Wochenende teilgenommen hat. So ziemlich jeder außer ihr konnte die fortgeschrittenen Asanas ausführen und sie reiste ab mit dem Gefühl, dass ihre Praxis minderwertig sei. Ich frage Sarah, wie ihr Leben war, als sie mit der Yogapraxis begann, und ob sich seither Veränderungen bemerkbar gemacht haben. Nach einer kurzen Pause strömen alle möglichen Erkenntnisse aus ihr hervor, als sie sich erinnert, wie schwierig und verworren viele Bereiche ihres Lebens gewesen waren und wie viele Schlaglöcher inzwischen geglättet worden sind.

Seit diesem Treffen kämpfte ich mit der Frage, wie wir Erfolg im Yoga bemessen – unseren eigenen und den anderer. Dabei fing ich an, die Messgeräte in Frage zu stellen, an denen wir uns orientieren, um unsere Schlüsse zu ziehen. Insbesondere stellte ich sowohl bei mir selbst als auch bei anderen, deren Fokus auf der physischen Praxis liegt, fest, wie entscheidend die äußeren Indikatoren des so genannten Erfolgs sein können und wie einige der bemerkenswertesten Veränderungen unerkannt und unbeachtet bleiben können. Wie bemessen wir einen Schritt hin zu mehr Freundlichkeit und Respekt gegenüber anderen? Wie bemessen wir eine Stärkung der Präsenz und Bewusstheit?

Viele von uns haben die Welt des Yoga durch die Tür mit der Aufschrift „physisch“ betreten. Wenn wir unseren Erfolg abwägen, ist es zu einfach, direkte Korrelationen zwischen unserer körperlichen Erfahrenheit (oder Mangel an solcher) und dem Zustand unserer Seelen vorzunehmen. Wir müssen beginnen, unsere Maßgaben neu zu evaluieren, damit sich unsere Wahrnehmung von Zufriedenheit mit uns selbst und anderen nicht mit der körperlichen Form identifiziert. Wenn wir uns selbst an den Rückbeugen, die wir beherrschen, an den Gleichgewichtshaltungen, die wir gemeistert haben, oder an der Flexibilität unserer Hüften messen, werden wir unsere Felle davon schwimmen sehen, sobald uns eines dieser Attribute genommen wird. Das Leben gibt und das Leben nimmt. Durch Verletzungen, durch den Alterungsprozess, durch Veränderung der Lebensumstände oder bloße Wirtschaftlichkeit können wir morgen nicht mehr unbedingt, was wir heute können, wie wir vielleicht feststellen werden. Werden wir uns dann Versager nennen?

Mein Partner sagt mir, der Zweck der Yogapraxis sei ein sehr einfacher: das Herz zu öffnen. Eine bessere Definition kann ich mir nicht vorstellen. Wenn Schüler mich über „die korrekte Art und Weise“ ausfragen oder darüber, „wie man die Dinge richtig macht“, bitte ich sie, ihre Fragen neu zu formulieren. Ich bitte sie, ihren Erfolg in den Asanas nicht daran zu messen, wie weit sie hineingegangen sind, sondern wie bewusst sie in jedem Augenblick dabei waren. Ich bitte sie, die Richtigkeit ihrer Haltungen nicht daran zu bemessen, wie sie aussehen, sondern daran, was sie am meisten dazu bringt, sich lebendig, präsent und ganz zu fühlen. Anstatt „Wie viele Stunden habe ich heute auf der Matte verbracht?“ kann man fragen „Wie habe ich meine Praxis in jedem Moment dieses Tages gelebt?“. Wenn ich jemanden sehe, der es – mit dem sorgfältigsten Bemühen – dazu gebracht hat, eine Haltung anstelle einer Person zu werden, befürchte ich, dass etwas fehlt im Hatha Yoga.

Unsere Gesellschaft erzählt uns, dass Erfolg etwas damit zu tun hat, wie viel Geld wir verdienen, was für ein Auto wir fahren und wie wir aussehen. Man wäre dumm, wenn man glauben würde, gegen derlei oberflächliche Kriterien immun zu sein, nur weil man Yoga macht. Es tauchen nur drei Leute bei einem Kurs auf, den wir anbieten, und wir fühlen uns wie Versager. Es bevölkern dreißig Leute das Studio und schon bescheinigen wir uns, dass wir’s geschafft haben. Solange man Erfolg definiert, indem man die gesellschaftlichen Vorgaben benutzt, wird man genauso mit Angst vor dem Scheitern beladen sein, wie zum Beispiel jeder Angestellte, der die Firmenleiter empor klettert.

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Wenn wir plötzlich unsere Zehen berühren, wenn wir schließlich die Rückbeuge vollziehen können – jeder, der an diesem Punkt war, könnte uns sagen: Nichts geschieht. Es hat uns weder uns selbst noch anderen auch nur einen Millimeter näher gebracht, wenn es uns nicht irgendwo auf dem Weg geholfen hat, unser Herz zu öffnen.

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