Wer dankbar ist, erfährt das Leben als Geschenk. Warum Dankbarkeit als spiritueller Weg betrachtet werden kann und wie du sie üben kannst

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Vor einigen Jahren hatte ich eine Kundin, die in einer wunderschönen Villa lebte, noch dazu in traumhafter Lage. Trotzdem war sie immer irgendwie unzufrieden. Mal war es das schlechte Wetter, das sie ärgerte, mal waren es die Handwerker, die nicht so zuverlässig waren, wie sie es sich erhofft hatte. Mal war es eine Fliege an der Wand und mal das Gras, das nicht schnell genug wuchs. Die Treffen mit ihr erlebte ich als anstrengend und auszehrend. Zeitgleich begleitete ich eine finanziell mittellose Freundin von mir beim Sterben. Sie hieß Rumirah. Im Gegensatz zu Marlies wirkte Rumirah auf mich wie eine Königin. Sie war für so vieles in ihrem Leben dankbar. Obwohl sie immer über sehr wenig Geld verfügt hatte, hatte sie sich Zeit ihres Lebens stets beschenkt gefühlt und dem Leben gegenüber große Dankbarkeit empfunden. So war sie auch kurz vor ihrem Tod für so vieles dankbar: eine Blume, die ihren Duft verströmte, einen Sonnenstrahl, der das Zimmer erhellte, eine Hand, die ihre hielt, oder einen Atemzug, den sie mühelos nehmen konnte. Rumirah ging selbst die letzten Schritte auf ihrem Lebensweg voller Dankbarkeit, obwohl sie noch so viele Länder hatte bereisen wollen. Sie berührte mich immer wieder zutiefst durch ihren inneren Reichtum, und jede Begegnung mit ihr war ein großes Geschenk.

Dankbarkeit als Weg

Dankbarkeit kann uns zutiefst bereichern und uns das als Geschenk vor Augen halten, was wir oft fälschlicherweise als selbstverständlich betrachten. Vielleicht hast du selbst schon die Erfahrung gemacht. Vielleicht warst du selbst schon einmal krank, von starken Schmerzen heimgesucht und dem Himmel dankbar dafür, als diese ein Ende genommen haben. Oder eine Begegnung mit einem Menschen, den du so sehr liebst, hat dazu geführt, dass dein Herz vor lauter Dankbarkeit überschäumte.
Dankbarkeit ist tatsächlich sogar ein spiritueller Weg. Bekannt wurde er im Westen durch den Benediktinermönch David Steindl-Rast. Für ihn ist Dankbarkeit eines der zentralsten Themen für das Erwachen. Wenn wir uns bewusst werden, dass uns das Leben geschenkt wurde, und für dieses Geschenk dankbar sind, erleben wir einen großen inneren Reichtum. Für Bruder David ist die Dankbarkeit ein zukunftsweisender Weg, der besonders unserer Gesellschaft guttun würde –
ist doch ein kennzeichnendes Merkmal der heutigen Gesellschaft leider eine latent vorhandene Undankbarkeit, deren Ursache u.a. in der Wirtschaft liegt, die uns permanent vorgaukelt, dass es noch etwas braucht, damit wir wirklich glücklich sind.
Steindl-Rast betrachtet Dankbarkeit deshalb als spirituellen Weg, weil er das Wort „spirituell“ mit „lebendig“ übersetzt. „Spiritus“, der Heilige Geist, ist der Lebensatem und somit die Wurzel alles Lebendigen. Wenn wir uns für das Wunder des Lebensatems und für eine unmittelbare Begegnung mit dem Lebendigen öffnen, dann überkommt uns automatisch eine tiefe Dankbarkeit. Sie führt nicht selten dazu, dass wir so tief im Herzen berührt werden, dass wir vor lauter Glück weinen über das, was wir dadurch unmittelbar erfahren haben. Solche Erfahrungen, die auch als mystische Erfahrungen bezeichnet werden, sind ein großes Geschenk und werden auch als Gnade bezeichnet. Sie öffnen unser Herz und erweitern unser Bewusstsein dafür, dass wir mit allem verbunden sind und nichts unabhängig voneinander existieren kann.

Buddhas Rat

Auch im Buddhismus spielt Dankbarkeit eine große Rolle. Buddha wurde nicht müde, seinen Schülern zu vermitteln, wie dankbar wir dafür sein sollten, als Mensch geboren zu sein. Damit sei uns – wie keinem anderen Lebewesen – die Gabe der bewussten Reflexion gegeben, die uns zur Erleuchtung führen kann. Um zu verdeutlichen, was dies bedeutet, nannte er folgendes Gleichnis: Das Glück, als Mensch geboren worden zu sein, gleicht einer Schildkröte, die nach einem 2000-jährigen Schlaf auf dem Urgrund des Ozeans aufwacht, an die Wasseroberfläche taucht, um Luft zu holen, und die dann beim Auftauchen mit ihrem Kopf durch einen Rettungsring an die Wasseroberfläche gelangt, der zufällig genau an dieser Stelle auf dem Ozean schwimmt.
Bist du dir dieses Geschenks bewusst, kann diese Erkenntnis deiner spirituellen Praxis eine ganz neue Ausrichtung geben und dich noch einmal ganz neu motivieren, intensiver zu praktizieren. Dann kann auch jeder Atemzug und jeder Tag, der dir dafür bleibt, ein großes Geschenk sein, für das du aus tiefstem Herzen dankbar bist. Selbst dann, wenn hier und da Schwierigkeiten im Außen auftauchen oder Krisen durchgestanden werden wollen. Und dann wirst du vielleicht wie Rumirah am Ende deines Lebens –
wann immer dieses sein mag – mit großer Dankbarkeit auf dein irdisches Dasein zurückblicken.

Übungen: Wie wär’s mit einem kleinen Dankeschön!? Dankbarkeit kannst du überall praktizieren. Hier ein paar kleine Übungen mit großer Wirksamkeit.

Dem Körper danken
Lass Dankbarkeit zur Gewohnheit werden. Schick vor dem Schlafengehen deinen Füßen einen Dank. Nur weil sie gesund sind, kannst du tanzen und achtsam Schritt für Schritt gehen. Am nächsten Abend danke deinen Augen. Nur weil sie gesund sind, kannst du die Schönheit dieser Welt sehen! Am nächsten Abend geht es weiter mit den Ohren oder den Händen. Danke jedem Tag einem anderen Teil deines Körpers.

Den Krisen danken
Denk heute an eine wichtige Krise in deinem Leben. Danke den Menschen, die daran beteiligt waren und sie möglicherweise sogar ausgelöst haben. Auch wenn es paradox klingt, aber ohne ihr Dazutun wärst du nicht so reif und so weit, wie du es heute bist.

Den kleinen Sünden danken
Sie versüßen uns den Mittleren Weg und helfen uns durch manche spirituelle Krise: köstliche vegane Pralinen, fruchtige Bio-Weine oder andere Schleckereien. Mach dir die Menschen bewusst, die an deren Entstehungsprozess beteiligt sind: den Bauern, der die Reben gesetzt hat, den Arbeiter, der sie gepflückt hat, all die Menschen, die daran mitgearbeitet haben, dass ein Auto gebaut wurde, um die Reben zum Winzer und später zu den Geschäften zu transportieren. Schicke all den Winzern, den kreativen Konditoren und Lebensmittelherstellern im Geiste ein Dankeschön.

Dem Universum danken
Nimm dankend die Geschenke an, die du heute umsonst vom Universum bekommen hast: die Sterne am Himmel, die wärmende Sonne auf deiner Haut, den Gesang eines Vogels, das Blühen der Blumen, einen Menschen, den du liebst, einen frischen Apfel und DAS, was die Atome zusammenhält und dafür sorgt, dass du heute hier bist!

Naikan – Nach innen schauen
Diese kleine Übung möchte dich einladen, dich einmal zu fragen, in welcher Beziehung du zur Welt stehst. Nimm dir für die Beantwortung der folgenden Fragen immer wieder ein paar Minuten Zeit. Frag dich: Was habe ich bekommen? Was habe ich gegeben? Welche Schwierigkeiten habe ich anderen bereitet? Bei dieser Methode der Selbstreflexion geht es darum, die Fakten eines vergangenen oder gegenwärtigen Geschehens zu untersuchen. Versuch, die Situation so neutral wie möglich zu betrachten, d.h. ohne deine eigene Meinung oder deine persönlichen Gefühle, die mit dieser Erfahrung zu tun haben.

Schöne Sprüche zur Dankbarkeit
Dankbarkeit ist eine äußerst wichtige spirituelle Quelle, die wir entwickeln können.
Godwin Samaparanthe
Jeder Tag sollte zu einem Dankfest werden, an dem ihr an alle Gaben denkt, die das Leben euch schenkt.
Paramahamsa Yogananada

Zum Weiterlesen:
Ursula Richard: Dankbarkeit macht glücklich, Scorpio Verlag 2015
Oliver Sacks: Dankbarkeit. Rowohlt Verlag, 2015
Doris Iding: Barfuss Schritt für Schritt, Windpferd Verlag 2013Anzeige

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.