Einst fand ein solcher Disput zwischen Ishvara Krishna (nicht zu verwechseln mit dem Krishna aus der Bhagavad Gita) und dem Guru von Vasubandhu, dem Gründer der buddhistischen Vijnana-Vada-Schule, statt. Ishvara Krishna ging daraus als Sieger hervor und die Aufzeichnung seiner Argumente, die sogenannte Sankhya Karika, wurde daraufhin zum wichtigsten Text der Sankhya-Philosophie.

  • Kosmische Prinzipien – Der grundsätzliche Unterschied zwischen beiden Systemen hat mit der philosophischen Unvereinbarkeit bezüglich der Natur des Universums zu tun. Entsprechend der vedischen Tradition sind bestimmte grundlegende kosmische Prinzipien ständig am Werk – das Absolute (Brahman), das Selbst (Atman), Gott (Ishvara) und Natur (Prakriti bzw. Shakti). Der Buddhismus jedoch lehnt diese ab, da er sie für bloße Gedankenprodukte hält, die uns davon abhalten, unsere wahre geistige Natur, welche von ihnen als “Leere” bezeichnet wird, zu erfahren. Mit anderen Worten heißt das, worin die vedische Tradition reines Sein erkennt, sehen die Buddhisten allein das “Nichts”. Sie beschreiben das Absolute als “Nichts”, das sogenannte Dharmakaya.
  • Gott – sich dem Göttlichen vollständig zu übergeben (Ishvara Pranidhana), ist entsprechend dem Yoga-System ein legitimer Weg zur Erleuchtung und ist mehr oder weniger Bestandteil aller vedischen Lehren. Der Buddhismus verneint jedoch insgesamt die Existenz eines Gottes und wird deshalb häufig als nihilistisch oder atheistisch bezeichnet. Traditionelle Buddhisten sehen in einem Schöpfer keine Notwendigkeit. Jedoch finden wir in manchen buddhistischen Traditionen die Figur des Adi-Buddha, des ursprünglichen Buddha, welcher dem vedischen Gott ähnelt, nicht im Sinne eines theologischen Gegenstandes, sondern als allen lebenden Wesen innewohnendes göttliches Potential. Die Buddhisten beten auch zu Buddha, wenn es um die Vergebung ihrer Sünden geht. Und heutzutage wird von modernen Buddhisten der Begriff Gott durchaus als ein Synonym für die Buddha-Natur herangezogen.
  • Selbst und Nicht-Selbst – Der Buddhismus lehnt die vedische Vorstellung vom Selbst (Atman oder Purusha) ab und vertritt stattdessen die Lehre vom Nicht-Selbst (Anatman). Entsprechend dem Buddhismus gibt es kein Selbst; der Buddhist meint, in dieser Anschauung eine falsche Vorstellung zu erkennen. Was von der vedischen Tradition als Selbst betrachtet wird, ist für den Buddhisten lediglich ein Eindruck, ein Gedanke, vielleicht ein Gefühl. Nirgendwo gebe es ein gleichmäßiges “Etwas”, so wird von ihnen behauptet. Die vedische Vorstellung vom Selbst ist, entsprechend einiger buddhistischer Auffassungen, nichts als eine Form des Ego. Auf der anderen Seite betont z.B. die Yoga-Vedanta-Tradition die Selbst-Verwirklichung, sprich die Verwirklichung unserer wahren Natur als das letztendliche Ziel. Hierbei wird davon ausgegangen, dass das Selbst in nichts Äußerem existiert. Würde man nämlich das Selbst in “etwas Speziellem” finden, so sagt der Yoga-Vedanta, könnte es schon nicht mehr das Selbst sein, sondern eben dieser besondere “Gegenstand”.  Wir können also nicht etwas Einzelnes als das Selbst ausmachen, da es allein das Selbst ist, was allem zugrunde liegt. Und die Tatsache, dass es unseren individuellen Körper-Geist-Komplex übersteigt, heißt nicht, dass es nicht existieren würde. Ohne das Selbst würden wir nicht existieren. Wir wären nicht einmal in der Lage, Fragen zu stellen. Dieses vedische Selbst ist Atman, also unsere wahre Natur. Das Ego (Ahamkara) hält fälschlicher Weise unseren Körper-Geist-Komplex für diese wahre Natur. Doch ist das Selbst nicht das Ego. Es ist vielmehr das erleuchtende Bewusstsein, welches Zeit und Raum überschreitet. Es ist reines Bewusstsein.
  • Geist und Selbst – In der vedischen Tradition ist der Geist (Manas) ein Instrument des Bewusstseins, ein Aspekt der Schöpfung. Der Buddhismus hingegen spricht von Geist als einem höchsten Prinzip. Tatsächlich wird hierbei die Wirklichkeit als die grundlegende Natur unseres Geistes angesehen, als der “Eine Geist” sozusagen. Wenn wir in den beiden Traditionen jedoch die Begriffe “Geist” und “Selbst” untersuchen, hat es den Anschein, als ob das, was die vedische Tradition als Anhaftung an Geist und Ego kritisiert, der Kritik der Buddhisten sehr nahe kommt, die wiederum in der vedischen Tradition eine Verhaftung an das Selbst zu erkennen glauben. Gleichzeitig ähnelt der Begriff des höchsten Selbst aus dem Yoga der buddhistischen Vorstellung vom Einen Geist. Darüber hinaus korrespondiert die Auffassung vom Selbst mit der ungeborenen, nichterschaffenen Wirklichkeit, auf die sich der Buddhismus für gewöhnlich bezieht, wenn es um den transzendenten Aspekt des Geistes geht. Letztlich scheint es, dass der erleuchtete Geist, welcher im Herzen der Buddhisten schlummert (Bodhicitta), sich nicht grundsätzlich vom Höchsten Selbst (Paramatman) der vedischen Tradition unterscheidet.
  • Nirvana – Beide Systeme betrachten das Nirvana, also das Verschmelzen im Absoluten, als Ziel ihrer Praxis. In der buddhistischen Tradition, und hierbei insbesondere in der Theravadin-Schule, wird jedoch das Nirvana, sprich das “Aufhören” oder “zu Ende kommen”, im allgemeinen nur negativ betrachtet. Die vedische Tradition sagt uns, dass Nirvana jenes Stadium ist, in dem wir mit Brahma verschmelzen. Es ist die Realisierung des unendlichen, ewigen Selbst. Dennoch stimmen beide überein, dass das Nirvana alle Vorstellungen übersteigt. Die vedische Tradition beschreibt es als Freiheit oder Befreiung (Moksha). Die Buddhisten wiederum besitzen keinen vergleichbaren Begriff, da sie die Existenz einer Seele, die der Befreiung bedarf, nicht anerkennen.
  • Die Figur des Buddha – Die buddhistische Tradition nahm im Leben und in den Lehren des historischen Buddhas (Shakyamuni) ihren Ursprung – und das, obwohl auch die Existenz anderer Buddhas vor und nach ihm bekannt sind. Grundsätzlich sagen sie sogar, dass ein Buddha alle 5000 Jahre in die Welt kommt. In der vedischen Tradition hingegen gibt es viele große Weltenlehrer, also nicht nur einen einzigen, und Buddha selbst gehört zu ihrer Namensliste. Zur blühenden Zeit des Buddhismus in Indien erkannte man in ihm einen Avatar Vishnus und viele Inder glauben noch immer, dass wir im Zeitalter des Buddha-Avatars leben. Übrigens ist der Name des Buddha, der Shakyamuni vorangeht, Kashyapa, welcher gleichzeitig der Name eines der ältesten und wichtigsten vedischen Weisen war.
  • Gott und Göttinnen/ Buddhas und Bodhisattvas – Buddhas und Bodhisattvas sind keine Gottheiten. Ebenso wie die vedischen Seher sind sie großartige Wesen, die wirklich gelebt haben, Erleuchtung erlangten und einzig aus Mitgefühl heraus gelobten, in der Welt zu bleiben, um allen leidenden Wesen zu helfen und sie zu führen. Die buddhistische Göttin Tara ist ein solcher Bodhisattva. Sie ist nicht die göttliche Mutter wie es beispielsweise Durga oder Kali in der vedischen Tradition ist. Sie ist lediglich eine große Heilige und Weise, die freiwillig im Universum weiter existiert, bis alle empfindungsfähigen Wesen Erleuchtung erlangt haben. Im Gegensatz zu Göttern und Göttinnen anderer Traditionen, die verschiedene Formen und Funktionen des Göttlichen darstellen, herrschen weder die Buddhas noch die Bodhisattvas über das Universum und seine Funktionen. Trotzdem werden sie wie Götter verehrt, um ihre Gnade und ihren Schutz zu erlangen. Dies ist als Götter-Yoga in der tibetischen Tradition bekannt.
  • Dharma – Beide Systeme erkennen den Begriff des Dharma an, das dem ganzen Universum zugrunde liegende, universelle Gesetz. Dharma ist das Prinzip der Wahrheit, man könnte auch Naturgesetz dazu sagen, und es beinhaltet das Gesetz des Karma wie auch den Glauben in eine allen Wesen zugrunde liegende Einheit. In der buddhistischen Tradition ist die Bedeutung des Dharma derart stark, dass der Buddhismus zuweilen auch Buddha-Dharma genannt wird, was soviel wie “das Dharma des Erleuchteten” bedeutet. Die vedische Tradition ist uns als Sanatana-Dharma bekannt, was soviel wie “universelles oder ewiges Dharma” heißt. Dieses ist jedoch nicht nur auf einen spirituellen Pfad beschränkt, sondern umfasst die unterschiedlichen Wege in ihrer Gesamtheit; mit dem Resultat, dass viele Hindus den Buddhismus sehr wohl als eine dem Sanatana-Dharma zugehörige Linie akzeptieren. Dieser Begriff taucht übrigens sowohl in buddhistischen als auch in vedischen Texten auf.
  • Karma Yoga wie auch Buddhismus sehen im Karma die wesentliche Ursache für Wiedergeburt. Im Buddhismus ist Karma jedoch ein für sich existierendes Prinzip, eine reine Kraft an Trägheit und Anhaftung. Dies bedeutet mit anderen Worten, dass im Sinne des Buddhismus die Welt allein wegen des anfangslosen Karmas aller Lebewesen existiert. In der vedischen Tradition ist die Welt von Gott (Ishvara) erschaffen worden, dem schöpfenden Prinzip des Bewusstseins. Karma ist hier kein für sich allein existierendes Prinzip, aus dem sich die Erschaffung unserer Welt erklärt, sondern spiegelt nur unsere Anhaftung an sie wider. Hier ist das Karma als eine Kraft gedacht, die Gott den Lebewesen zuteil werden lässt. Es kann nicht alleine existieren, ebenso wenig wie ein Gesetzesparagraph ohne Richter bestand haben würde.
  • Hingabe und Mitgefühl – Der Yoga akzeptiert nicht nur die Vorstellung eines Gottes, sondern beinhaltet ein ganzes System, welches sich auf Hingabe und Liebe gründet, dem sogenannten Bhakti-Yoga. Hierbei geht es um Herzensöffnung und dem sich vollständigen Überantworten an den göttlichen Willen. Hingabe an Gott gehört nicht in erster Linie zum buddhistischen Weg, da wir ja wissen, dass der Buddhismus keinen Gott anerkennt. Die Hingabe an Buddha und das Sich-Bekennen zu dem Buddha-Geist spielt jedoch eine wichtige Rolle im Buddhismus. Die Hingabe an große Lehrer oder an Funktionen eines erleuchteten Geistes berührt jedoch das menschliche Herz nicht mit derselben Kraft, wie es die Hingabe an die göttliche Mutter des Universums tut, die Schöpferin, Bewahrerin und Zerstörerin von allem. Dies setzt den Glauben in einen Gott voraus. Doch obgleich Hingabe keine übermäßige Größe im Buddhismus darstellt, spielt das Mitgefühl (Karuna) eine umso wichtigere Rolle. Dem Bodhisattva, dem ”Mitfühlenden” und sich ”Erbarmenden” kommt eine wichtige Funktion auf dem Weg zur Erleuchtung zu. Anhänger der vedischen Tradition hingegen spüren nicht den Drang, die Last des Universums auf sich selbst zu nehmen, da Gott und alle erleuchteten Meister, die mit ihm verschmolzen sind, immerzu gegenwärtig sind und allen Wesen zu allen Zeiten ihre erbarmende Hilfe anbieten.
Den Weg finden
Es müsste nun offensichtlich sein, dass es trotz einer Vielzahl an Übereinstimmungen, auch deutliche Unterschiede zwischen Yoga und Buddhismus gibt. Viele Menschen heutzutage, die versuchen, beide Systeme miteinander zu verbinden oder den Lehrern beider Traditionen zu folgen, sind sich dessen nicht immer bewusst. Sehrwohl sind die den beiden Traditionen gemeinsam zugrunde liegenden ethischen Lehren, leicht zueinander in Beziehung zu setzen. Doch sind die unterschiedlichen Meditationstechniken nicht immer einfach zu verbinden. So kann es z.B. schwierig sein, an einem Tag über das Höchste Selbst der vedischen Tradition zu meditieren und am nächsten Tag über das Nicht-Selbst der Buddhisten. Die Buddhisten bezweifeln, dass es überhaupt ein Selbst gibt. Die Yogis hingegen haben vollkommenes Vertrauen in das Selbst und versuchen, mit ihm zu verschmelzen.
Theoretisch ist es immer leicht, Gemeinsamkeiten zwischen spirituellen Richtungen ausfindig zu machen; in der Praxis tun wir jedoch gut daran, uns an einer auszurichten, welche es auch immer sein mag. Ständig zwischen Lehrern und Traditionen hin und herzuspringen, wird uns bei unserer Reise zur Erleuchtung wenig hilfreich sein. Manchmal kann der Versuch, zwei Traditionen miteinander zu verbinden, sogar Gefahren in sich bergen. Das Risiko, sich zu verlieren oder zu verheddern, ist nicht zu verachten. Eine oberflächliche Synthese der beiden, welche im wesentlichen eine mentale Übung ist, kann kein Ersatz für eine wirklich tiefgehende Praxis sein.
Alle großen Lehrer stimmen darüber ein, dass das Hin- und Herspringen zwischen den Traditionen den Suchenden davon abhält, überhaupt auf einen grünen Zweig zu kommen. Alle sind sich darin einig, dass auf einen Berg viele Wege hinaufführen. Um jedoch den Gipfel auch wirklich zu erreichen, müssen wir uns für einen Weg entscheiden. Das Ende besteht also nicht darin, die Traditionen miteinander zu verbinden, sondern das Ziel zu erreichen, welches bekanntlich unsere eigene wahre Natur ist. Dies erfordert es, einen einzelnen Weg bis zum Ende zu gehen.
Im Augenblick sind wir im Begriff, in ein globales Zeitalter einzutreten. Und genau deshalb ist es notwendig, Toleranz und Respekt gegenüber allen Formen der spirituellen Suche an den Tag zu legen. Es gibt nur eine Wahrheit. Die alles vereinende Kraft löst jegliche Grenzen auf und zerbricht alles, was uns Menschen spaltet und trennt. Deshalb ist es wichtig, dass Meditationstraditionen wie Yoga und Buddhismus sich gegenseitig ehren und respektieren. Ihre gemeinsamen Werte wie Nicht-Verletzen, Aufrichtigkeit, Nicht-Anhaften und Nicht-Stehlen; ihre Anerkennung des Dharma und des karmischen Gesetzes und ihre Meditationspraxis sind entscheidend, wenn die Welt aus der gegenwärtigen spirituellen Krise herauskommen will.
Will man jedoch wirklich zusammenkommen, ist es unbedingt notwendig, dass unsere Vielfalt dabei erhalten bleibt. Obgleich es nur eine Wahrheit gibt, muss es viele Wege dorthin geben, um die unterschiedlichen Bedürfnisse und Veranlagungen aller Lebewesen in Übereinstimmung zu bringen. Dies bedeutet, dass wir nicht nur die gemeinsamen Fäden, die allen Lehren zugrunde liegen, erkennen, sondern auch genauso ihre Verschiedenartigkeiten respektieren. Der gleichen Anforderung sehen sich auch Menschen unterschiedlicher Kulturen ausgesetzt. Während wir ein Gefühl für die Einheit der Menschheit entwickeln sollten, ist es gleichzeitig notwendig, dass jede Kultur ihre einzigartige Form bewahren darf. Wahre Einheit fördert die schöpferische Vielfalt aller Lebewesen und reduziert den Einzelnen nicht zu einem Stereotypen.
Ich möchte dies mit den Worten eines der ältesten vedischen Weisen zusammenfassen: “Die Weisen gestalten die eine Wahrheit auf vielerlei Weise.” Und sie tun dies nicht, um die Menschen zu verwirren, sondern vielmehr, um den breitest möglichen Zugang zu dieser Wahrheit zu ermöglichen.
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4 Kommentare

  1. Ein Fehler sollte Korrigiert werden:
    „Mit anderen Worten heißt das, worin die vedische Tradition reines Sein erkennt, sehen die Buddhisten allein das “Nichts”. Sie beschreiben das Absolute als “Nichts”, das sogenannte Dharmakaya.“

    „Leerheit“ (Shunyata) Bedeutet nicht -„Nichts“-.
    Sondern das Fernbleiben eines Inhärenten, unveränderlichen Wesenskern.
    – Auch Verneint Buddha „Gott“ nicht. Sondern schweigt zu dem Thema in den Schriften.

    „wird jedoch das Nirwana, sprich das “Aufhören” oder “zu Ende kommen”, im allgemeinen nur negativ betrachtet“
    …- Wird oft Negiert da gestellt wie zb. „Es ist das Tod lose, Sorglose, Kummerlose usw.“ aber es wird nicht negativ Da gestellt.

    … Habe irgendwann aufgehöhrt weiter zu Lesen 🙂
    l.g
    Kalyanamitta