Pater Dr. Anselm Grün ist Cellerar der Abtei Münsterschwarzach und sehr vielen Menschen als Buchautor bekannt. Für das YOGA AKTUELL-Dossier haben wir ihn über Jesus und Yoga sowie die Aktualität der Lehren Jesu befragt
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Wohl kaum ein katholischer Pater genießt eine solche Popularität wie Pater Anselm Grün. Das liegt aber nicht nur daran, dass Pater Anselm eine sehr berührende Sprache hat, sondern auch daran, dass er versucht, allen Themen des Lebens auf eine sehr offene Weise zu begegnen, ohne dabei an katholischen Dogmen festzuhalten.

YOGA AKTUELL: Hat Jesus uns heute noch etwas zu sagen? Wenn ja, was wäre Ihrer Meinung nach seine wichtigste Botschaft jetzt zur Weihnachtszeit?

Pater Anselm Grün: Jesus hat uns heute eine Menge zu sagen. Gerade an Weihnachten, da wir die Menschwerdung Gottes in Jesus feiern, ist seine Botschaft: Werde Mensch! Lass deinen Drang los, dich wie Gott zu gebärden. Du wirst nur Mensch, wenn du bereit bist hinabzusteigen zur Erde, zu deiner eigenen Erdhaftigkeit und Menschlichkeit.

Angenommen, Jesus würde heutzutage leben und wäre dazu noch zum Bundeskanzler gewählt worden. Was glauben Sie, wären die drei wichtigsten Punkte, die er als Erstes behandeln würde?

Jesus würde sein Programm auf drei Punkte konzentrieren: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Freiheit. Wie er das politisch umsetzen würde, weiß ich nicht. Aber er würde auf jeden Fall darauf pochen, dass der Mensch und seine Würde im Mittelpunkt stehen.

Glauben Sie, dass Jesus mit dem Vatikan und seiner manchmal sehr rigiden Ausrichtung – z.B. Homosexuellen gegenüber – einverstanden wäre?
Jesus war kein Moralist. Insofern würde er sich bei vatikanischen Moralpredigern nicht daheim fühlen.

Glauben Sie, dass Jesus heute in dem Überangebot an spirituellen Lehrern noch genauso viele Anhänger finden würde? Und wenn ja, warum?

Ich glaube, dass Jesus auch heute viele Anhänger finden würde. Denn was ihn auszeichnet, ist die Echtheit und Klarheit. Die Leute hatten damals das Gefühl, er redet anders von Gott, er redet mit Vollmacht von Gott. Wenn er von Gott sprach, wurde Gott erfahrbar. Und danach sehnen sich die Menschen heute genauso wie damals.

Mehr und mehr Menschen wenden sich von der katholischen Kirche ab, wenngleich das Interesse an Jesus doch immer wieder da ist. Welchen Zugang zu Jesus raten Sie Menschen, die an ihm interessiert sind, aber sich nicht so sehr zur Institution Kirche hingezogen fühlen?

Lesen Sie einfach mal die Evangelien. Versuchen Sie, die Geschichten um Jesus auf sich wirken zu lassen, sich seinen Worten zu stellen und fragen Sie sich gerade bei den Heilungsgeschichten, wie dieser Jesus auf Menschen zuging und wie er ihre Wunden heilte. Dann stellen Sie sich vor, dass Sie mit Ihren Wunden zu ihm gehen und sich von ihm berühren lassen.

Es gibt sowohl extreme Yogis als auch Christen, die davon überzeugt sind, dass nur ihr  Weg der richtige ist. Ich behaupte, dass Jesus bestimmt ein „sowohl als auch“ befürwortet hätte. Wie schätzen Sie diese Behauptung ein?

Jesus hat sehr klar seinen Weg verkündet. Aber er ist kein Rigorist. Er  hat die Menschen in ihrer Sehnsucht angesprochen.  Er hat die Weisheit von Ost und West, von Nord und Süd aufgegriffen und sie in seine Weisheitslehre integriert.  Jesus würde auch heute einen Dialog führen mit den Menschen und ihnen dann den Weg weisen, der sie zum Leben führt.

Das Yoga Sutra wird ab und zu gerne mit der Bergpredigt verglichen. Finden Sie diesen Vergleich gerechtfertigt?

Da ich das Yoga Sutra zu wenig kenne, kann ich dazu nichts sagen. Aber ich habe die acht Seligpreisungen, mit denen Jesus die Bergpredigt beginnt, als den achtfachen Pfad Jesu zum gelingenden Leben beschrieben und ihn mit dem achtfachen Pfad Buddhas zum gelingenden Leben verglichen.  In der Bergpredigt  begegnet uns eine Weisheit, die die Weisheit des Ostens  integriert, also auch das Yoga Sutra.

War Jesus ein Yogi?

Jesus war ganz und gar an Gott gebunden und von Gott erfüllt. Insofern war er ein Yogi. Aber er war nicht einer, der die Übungen des Yoga gemacht hat. Für ihn war jedoch der Rückzug in die Stille und ins Gebet wichtig.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.