Von den tanzenden Derwischen bis zu den Meistern der spirituellen Geschichten

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Heute kennt jeder die tanzenden Derwische, die sich in wallenden Gewändern tanzend um ihre eigene Achse drehen. Auch der Begriff des Sufismus als Weg muslimischer Mystik ist vielen nicht mehr fremd. Was hat es nun mit dieser aus dem Islam hervorgegangenen Übungsform auf sich? Kann die Spiritualität des Sufismus im Islam mit der christlichen Mystik oder dem jüdischen Chassidismus verglichen werden, wie sie in den letzten beiden Folgen dieser Reihe zum Thema gemacht wurden? Oder besteht sogar ein Zusammenhang mit Yoga und Vedanta, dem Thema der nächsten Folge?

Wenn wir einen genaueren Blick auf den Islam werfen, dann sehen wir hier eine der drei großen Religionen, die mit Christentum und Judentum den Glauben an den einen Gott und an eine heilige Schrift gemeinsam hat. Die Muslime anerkennen dabei durchaus die jüdische Torah und die christliche Bibel. Der muslimische Glaube geht jedoch davon aus, dass die letztgültige Offenbarung des Willen Allahs (Gottes) im Koran stattgefunden hat, wie er vom Propheten Mohammed vermittelt wurde. Die Kenntnis dieses Willens Gottes, das heißt, nach welchen Geboten und Gesetzen der Mensch leben soll, ist für den Muslim von entscheidender Bedeutung. Das Befolgen oder die Missachtung der Gebote entscheidet über Paradies oder Verdammnis am Tag des Letzten Gerichts.

Wenn man nun denken sollte, dass sich eine Religion, die das Befolgen von Geboten so sehr in ihr Zentrum rückt, nichts mit einer mystischen Spiritualität zu tun haben könnte, so liegt man vollkommen falsch. Es war gerade die Reibung mit den zahlreichen Geboten und Vorschriften, die für viele Sufis den ausschlaggebenden Funken erzeugte, der eine spirituelle Suche entstehen ließ. Von Anfang an traten im Islam Vertreter einer mystischen Spiritualität auf, die nicht das äußere Befolgen von Geboten, sondern den inneren Weg betonten. Von Anfang an gab es jedoch auch die Spannungen zwischen den rechtgläubigen Geistlichen, die auf die Einhaltung der göttlichen Vorschriften pochten, und den revolutionären Mystikern. Bekannt wurde vor allem der Fall des aus dem Iran stammenden al-Hallaj. Seine zahlreichen Reisen brachten ihn nicht nur nach Mekka, sondern auch nach Indien, wo er auch den hinduistischen Yogis und buddhistischen Mönchen begegnete. Bei ihnen wird er mit Sicherheit eine große Seelenverwandtschaft entdeckt haben. Al-Hallaj wurde nach seiner Rückkehr in Bagdad verhaftet, eingekerkert, im Jahre 922 n. Chr. zum Tode verurteilt und anschließend gehängt und verbrannt. Über 200 Jahre sollte darauf der Niedergang der mystischen Spiritualität dauern, bis dann im 12. Jahrhundert etwas geschah, mit dem niemand rechnen konnte. Die große Bewegung der muslimischen Mystik brach auf, die man später als Sufismus bezeichnen sollte.

„Und denke so inständig Gottes, bis selber du ganz dich vergisst, dass du im Gerufenen aufgehst, wo Rufer und Ruf nicht mehr sind.“ Jalal ad-Din al Rumi

Der Drehtanz der Derwische

Überall in der damaligen muslimischen Welt entstanden Bruderschaften, in welchen Männer gemeinsam den inneren Weg gingen. So gründete im türkischen Konya Jalal ad-Din al Rumi die Maulawiyya-Bruderschaft, die als Orden der tanzenden Derwische in die Geschichte einging. Hier wurde die bekannteste Übungsform des Sufismus entwickelt, der Drehtanz. Dieser wird immer in der Gruppe durchgeführt. Zunächst tanzen die Derwische im Kreis, bis jeder einzelne Tänzer beginnt, sich immer wieder im Uhrzeigersinn um die eigene Achse zu drehen. Eine erste Wirkung dieses bis zu einer halben Stunde praktizierten Drehens besteht mit Sicherheit darin, einen tranceähnlichen Zustand hervorzubringen. Der tiefere Sinn der Übung meint jedoch wesentlich mehr. Al-Rumi verglich den Tanz mit dem Pressen von Weintrauben, wobei gleichsam ein „geistiger Wein“ entstehe. Der Tänzer richtet im Tanzen all sein Denken und Fühlen auf Allah, das heißt auf den einen Gott. Er kreist um Gott, um sich ihm vollkommen hinzugeben. Dies geschieht so lange, bis sein Ich im Tanz vollkommen verschwindet und Allah zum tragenden Grund seiner Existenz wird. Es verschwindet der Mensch und mit ihm jegliche Dualität, so dass letztlich nur noch Gott allein erfahren wird.

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