Thai Yoga ist viel mehr als nur eine Massagepraxis. Mit Achtsamkeit ausgeführt ist diese Form der Berührung heilsam auf körperlicher und seelischer Ebene. Beim Thai Yoga dürfen wir passiv empfangen und üben, was den meisten von uns so schwer fällt: Loslassen.

Einer, der sich seit vielen Jahren intensiv mit Thai Yoga auseinandersetzt ist Tobias Frank. Der Yogalehrer, Trainer und Autor gibt in Einzelsessions und Ausbildungen mit viel Freude weiter, was er selbst erfahren hat. Nun hat er ein Buch über Thai Yoga geschrieben, das zum Ausprobieren einlädt und uns Mut macht, auf die heilende Kraft unserer Hände zu vertrauen. Wir haben ihn gebeten, uns ein paar Fragen zu seinem Buch, das Mitte April 2016 erscheint, zu beantworten.

 

Interview

(c) Nicole Wahl
(c) Nicole Wahl

YOGA AKTUELL: Lieber Tobias, warum hast du dieses Buch geschrieben? Was war ist dein Anliegen?
Tobias Frank: Ich möchte mehr Berührung in die Welt zu bringen und Menschen dabei helfen, mehr Freude, Leichtigkeit und Wohlbefinden zu erfahren. Ich möchte sie dabei unterstützen, die Magie ihrer eigenen Berührung und sich selbst zu spüren. Viele Probleme, die wir haben – sowohl persönlich als auch global rühren daher, dass wir die Welt nur durch unseren Kopf wahrnehmen. Wir haben den Zugang zum Spüren verloren. Körperarbeit ist eine wunderbare Möglichkeit, diese Fähigkeit wiederzuentdecken und sich mit der eigenen Intuition zu verbinden. Berührung bringt uns raus aus dem Kopf, rein in unseren Körper – deshalb braucht unsere heutige Welt mehr Berührung.

Kann man Thai-Yoga mit dem Buch erlernen oder muss man einen Kurs besuchen?
Das Buch soll dem Leser die Möglichkeit geben, Thai Yoga ohne zusätzliche Anleitung selbständig zu erlernen. Deshalb habe ich vor allem einfache Techniken ausgewählt, die ausführlich beschrieben werden. Ich möchte wirklich, dass es als Praxisbuch wahrgenommen wird und sich die Leser trauen, etwas auszuprobieren. Ich möchte Hemmungen abbauen, wenn es um Berührung geht.
Wer tiefer einsteigen möchte und den persönlichen Kontakt mag, ist natürlich in meiner Thai Yoga Ausbildung herzlich willkommen.

Wo liegen die Unterschiede zwischen Thai-Yoga und Thai-Massage?
Ich verwende lieber den Begriff Thai Yoga, weil er darauf hindeutet, dass es sich um eine Praxis der Achtsamkeit handelt. Zudem ist Yoga eine der Wurzeln dieser Form der Körperarbeit – neben TCM und Ayurveda.
Ich habe auch großartige Thai Massagen bekommen – aber leider auch viele, die nicht so achtsam waren, z.B. als meine Geberin während der Massage begann, Handyanrufe entgegen zu nehmen und zu telefonieren.

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Thai Yoga beinhaltet neben klassischer Thai Massage auch Elemente aus Physiotherapie, Osteopathie und Yogatherapie. Doch das Entscheidungskriterium ist weniger die äußere Form als die Qualität der Berührung. Genauso wie ein simpler Stretch, eine Dehnübung entweder nur eine Gymnastikübung ist oder durch Körper- und Atembewusstsein zu Yoga wird, macht Thai Yoga durch Achtsamkeit aus einer mechanischen Drucktechnik oder einem Stretch eine wohltuende Berührung, die im besten Fall Menschen in ihrem Innern, in ihrer Seele berührt.

Du schreibst in deinem Buch, dass Thai Yoga ein Dialog zwischen zwei Körpern ist. Inwiefern? Ist es nicht eher so, dass einer nimmt und einer gibt?
Thai Yoga ist wie ein Tanz, ein Austausch, ein ständiges Geben und Nehmen. Jeder Yogalehrer, der nach einer Stunde in die glücklichen Augen seiner Schüler blickt, weiß, dass Geben glücklich macht und genauso gibt es ein Sprichwort das besagt, dass der erste, der von einer Thai Yoga Session profitiert, der Gebende selbst ist. Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht.

Doch um zu Geben, muss ich auch empfangen, ich muss dem anderen Menschen, dem anderen Körper zuhören. Auch non-verbale Signale wahrnehmen. Beispielsweise um zu wissen, wie viel Druck ich bei einer Technik geben darf.

Arbeitest du eher intuitiv oder gibt es eine feste Struktur?
Ich persönlich arbeite sehr intuitiv. Wobei es natürlich ein paar Grundregeln gibt. Meistens beginne ich an den Füße und beende die Einheit am Kopf mit einer Gesichtsmassage. Was dazwischen passiert, hängt jedoch sehr vom einzelnen Menschen und den jeweiligen Bedürfnissen ab.

Am Anfang ist Struktur gut und wichtig. Diese vermittele ich durch das Buch und auch meine Ausbildungen. An ihr kann man sich festhalten. Die Struktur darf jedoch nicht zu einem Gefängnis werden. Ich muss offen für den Moment und die Bedürfnisse des Menschen bleiben, der vor mir auf der Matte liegt. Sonst wird das Ganze zu einer 08/15-Thai Massage. Ich empfehle also erst die Struktur zu lernen – sie dann aber nach und nach loszulassen.

Wir Menschen brauchen Berührung – und wie David Lurey am Anfang deines Buches so schön schreibt: Virtuelle Umarmungen und Küsse können das nicht ersetzen. Denkst du dass deshalb so viele Menschen zum Thai Yoga kommen?
Genauso wie unser physischer Körper Essen und Trinken braucht, braucht unsere Seele Berührung. Wir wollen uns verbunden fühlen. Das macht Thai Yoga auf jeden Fall attraktiv.
Ein weiterer Grund ist es, dass viele Menschen – insbesondere Yogalehrer sehr im Geben sind. Doch wer viel Geben will muss auch lernen, zu empfangen und das kann man auch sehr gut durch Thai Yoga lernen. Erst muss ich liebevoll mit mir selbst umgehen, selbst angefüllt sein – und aus dieser Fülle heraus kann ich dann etwas geben.

Du beschreibst vier Qualitäten, die die Magie der Berührung ausmachen – und dass diese auch für ein gelingendes Leben unabdingbar sind. Welche sind das?
Die erste Qualität ist Achtsamkeit: die Fähigkeit, im Hier und Jetzt präsent zu sein. Damit wir das Leben genießen und die Schätze, die es uns bietet, überhaupt wahrnehmen können. Wenn wir unachtsam durchs Leben gehen, entsteht häufig das Gefühl, hetzt und unter Druck zu sein. Oft genug weist uns das Leben dann darauf hin, dass wir wieder achtsamer werden sollten, z.B. durch eine Verletzung.

Die zweite Qualität ist Klarheit. Dabei geht es um zielgerichtetes Denken und Handeln. Im Thai Yoga ist das der bewusste Einsatz der Bodymechanik, um ohne Anstrengung geben zu können. Aber auch im Leben ist es wichtig klar zu wissen, wo ich hin will. Es gibt so viele Botschaften von außen, durch die Werbung oder Eltern, und verschiedene Lebensentwürfe. Heute können wir uns leicht ablenken lassen und verloren gehen, wenn wir unsere Energie und Aufmerksamkeit nicht fokussieren.

Spüren ist die dritte Qualität. Damit ist zum einen die kinästhetische Wahrnehmung gemeint, zum anderen die Verbindung mit unserer Intuition, unserem 6. Sinn. Wenn du mit deinen Gefühlen in Kontakt bist, kannst du die Welt unmittelbar wahrnehmen – ohne den verzerrenden Filter deines Verstandes. Unser Herz ist – im Gegensatz zu unserem Kopf – meist sehr klar und eindeutig, wenn es um Entscheidungen geht.

Zuletzt ist die Qualität der Hingabe für mich von Bedeutung. Wenn wir unser Ego ein Stück weit hinter uns lassen und uns auf etwas ausrichten, das größer ist als wir selbst, dann finden wir einen tieferen Sinn in dem, was wir tun. Ich glaube deshalb ist auch der Yogalehrer-Beruf gerade so populär: Er gibt dir das Gefühl, einen positiven Beitrag zu leisten, etwas Gutes für andere zu tun.

Du sprichst im Buch auch von sieben Irrtümern zum Thema Berührung. Kannst du einen davon nennen und ein paar Worte dazu sagen?
Der größte Irrtum ist, dass es bei Berührung vor allem auf die richtige Technik ankommt. Es geht nicht um das Außen, die Form, sondern die Qualität der Berührung. Die Heilkraft der Berührung entspringt unser Energie, Achtsamkeit und Intention, mit der wir berühren. Mit anderen Worten: Das WIE ist entscheidender als das, WAS ich tue.
In Studien hat man herausgefunden, dass über die Spiegelneuronen bis zu 70 % unserer Emotionen übertragen werden. Das heißt, unser Wunsch etwas Gutes zu tun, Entspannung Freude – das alles wird für den Empfangenden spürbar. Im Gegensatz dazu natürlich auch unsere Anspannung und unser Stress.

Wer sich nur auf die Technik konzentriert, massiert wie am Fließband und ohne den anderen Menschen wahrzunehmen. Das fühlt sich nicht nur furchtbar an, sondern birgt auch die Gefahr einen anderen Menschen durch unachtsame Berührung zu verletzen.

Gibt es noch etwas, das du den Lesern deines Buches oder unseren Lesern mit auf den Weg geben willst?
Vertraue Dir selbst und Deinen Händen!!! Jeder Menschen hat die Fähigkeit, zu massieren und durch seine Hände anderen Menschen etwas Gutes zu tun. Das Problem ist, dass die meisten Menschen sich dies selbst nicht zu trauen und Angst haben, etwas falsch zu machen. Dabei kann Berührung, die achtsam ist und von Herzen kommt, gar nicht falsch ein.

 

Cover-Thai-YogaBuchtipp
Tobias Frank: Thai Yoga – Körper und Seele berühren, Hans-Nietsch-Verlag 2016, EUR 19,90, ISBN 978-3862643783

 

 

 

Tobias Frank ist Thai-Yoga-Praktizierender und Lehrer für Thai-Yoga-Bodywork. Er bietet Thai-Yoga-Workshops und -Ausbildungen in ganz Deutschland an. Mehr Informationen und den kostenlosen Thai-Yoga-Video-Kurs “Loslassen leicht gemacht” gibt es auf www.thaiyoga.de

 

 

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