Yoga möchte uns ganz bewusst ins Jetzt, in den gegenwärtigen Moment, bringen. Damit gemeint ist, sich vollkommen auf das zu konzentrieren, was ist, um die Verbundenheit mit allem und die Schönheit in jedem zu erkennen.

Die regelmäßige Meditationspraxis unterstützt uns maßgeblich dabei, uns immer mehr mit dem gegenwärtigen Moment zu verbinden. Wie wichtig dies ist, wurde mir wieder deutlich, als die Osteranschläge auf Sri Lanka passierten. Wir können überall und jederzeit sterben. Und ist diese Vergänglichkeit nicht einmal mehr Anlass, die unermessliche Schönheit und den umfassenden Reichtum zu erkennen, der uns umgibt?!

Atme bewusst ein und aus!

Du kannst selbst überprüfen, wie beschenkt du bist. Halte dazu doch nur einen Moment inne und gehe mit deiner Aufmerksamkeit nach innen. Konzentriere dich auf deinen Atem. Nimm den ganzen Verlauf dieses einen Atemzugs wahr. Und all das mit dem Bewusstsein, dass du diese Handlung JETZT gerade ganz bewusst und vollkommen entspannt ausführen kann. Ist das selbstverständlich für dich? Dann weite deinen Blick und denke an all die Menschen, die sich gerade im Koma befinden, die künstlich beatmet werden, COPD[1] haben und um ihren Atem ringen usw. Mach dir bewusst, welches Geschenk es ist, einatmen zu können. Und werde dir bewusst, dass du über die Luft mit allen Wesen in diesem Universum verbunden bist. Sowohl mit den Bäumen, die verbrauchte Luft für dich transformieren, als auch mit anderen Menschen, die Luft ein- und ausatmen.

Sieh genau hin!

Und dann nimm deine Augen bewusst wahr. Schau dich an und schau dich um. Betrachte die Natur, die sich gerade so mannigfaltig und so wunderschön und neu gebiert. All die Farben. Schau doch einmal ganz bewusst darauf, wie viele verschiedene Grüntöne du gerade zählen kannst. Wie viele sind es? Und wie viele blühende Bäume hast du heute schon gesehen? Daran schließt sich die nächste Frage an: Wie bewusst hast du sie gesehen? Hast du einen einzigen Moment innegehalten? Hast du tief geschaut und die einzelnen Blüten betrachtet? Hast du sie dir angesehen mit dem Wissen, dass es ein großes Geschenk ist, dass du sehen kannst? Wenn du dir dessen nicht bewusst bist, dann weite deinen Blick und denke einen Moment an Menschen, die blind sind. Denke an jene, die noch nie in ihrem Leben einen blühenden Baum in seiner ganzen Pracht sehen konnten. Und denke auch an all jene, die früher gesehen haben und den Frühling vielleicht sogar über alles geliebt haben und es am Ende des Winters gar nicht mehr aushalten konnten, bis die ersten Blüten sich in ihrer Schönheit offenbaren, und die heute nicht mehr sehen können, sondern sich nur noch an blühende Bäume erinnern können. Wie geht es dir, wenn du den Blick mit diesem Bewusstsein weit werden lässt. Ist es dann nicht noch einmal um so wertvoller, diese Erfahrung hier und heute machen zu dürfen?! Mach dir doch noch einmal ganz bewusst deutlich, wie schön und wie einzigartig all diese Blüten sind. Und wie sehr auch die Blüten und Bäume miteinander verbunden sind und das wir ohne sie gar nicht leben könnten.

Rieche die Schönheit!

Weiter geht’s mit der Nase! Dieser Sinn verbindet uns am unmittelbarsten mit dem Leben und mit dem Gehirn. Hast du deine Nase heute schon in einen Blütenkelch gehalten und dich an dem Duft der Blume berauscht? Die verschiedenen Duftnuancen in dich aufgenommen von süßlich bis herb?! Den Flieder, die Kirsche und all die anderen Blumen und Bäume schon ganz bewusst gerochen und dich daran erfreut? Wenn du dazu noch keine Gelegenheit hattest, dann tue es doch gleich jetzt oder spätestens in der Mittagspause oder nach der Arbeit. Warte nicht darauf, bis es zu spät ist! Mach dir bewusst, welch große Kostbarkeit in der Mitte deines Gesichtes sitzt und nur darauf wartest, dass du das Leben immer und immer wieder ganz bewusst durch sie aufnimmst.

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Dankbarkeit leben

Wie unfassbar bereichernd die Möglichkeit ist, etwas zu riechen erzählte mir eine Frau, die durch einen Unfall ihren Geruchssinn verloren hatte. Zwei Jahre nach ihrem Unfall verliebte sie sich in einen Mann und meinte, dass es ihr größter Wunsch wäre, ihren Mann zu riechen. Dieser Satz hat mich tief in meinem Herzen berührt, denn ich finde es gibt nichts Schöneres als den Menschen, den ich über alles liebe, zu Beginn eines neuen Tages zu riechen und auch nachts, wenn alles Dunkel ist, die Nase in die Halsgrube zu vergraben und mich zu laben an diesem einzigartigen Duft des Geliebten. Hast du diesen Duft heute auch schon genossen? Oder hattest du nur Augen für die Socken, die verstreut in der Wohnung liegen oder den Müll, der noch nicht weggebracht wurde?!

Hast du dir heute schon die Verbundenheit mit diesem Menschen bewusst gemacht? Und nicht nur mir diesem Menschen, sondern mit all den Menschen, die du liebst? Sie alle sind einzigartige Wesen. Blüten des Universums. Jeder hat seinen eigenen Duft und wird irgendwann als eine einzigartige Frucht aufgehen.

Wenn ich mir all diese Geschenke im Angesicht der Anschläge, zunehmenden politischen Unruhen bewusst werden, dann werde ich ganz ruhig und glücklich. Weil diesen einzigartigen Moment, den ich vollkommen da bin mit all meinen Sinnen, kann mir niemand mehr nehmen. Was für ein Geschenk!

Zum Weiterlesen:

  • Hanns Hat: Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken. Knaus Verlag
  • Andreas Weber: Alles fühlt. Think oyo
  • Richard Stiegler: Im Einklang leben. Spirituelle Grundhaltungen und Alltag. Arbor Verlag

Veranstaltungstipp: Yoga-Reise „Lebe Deine Einzigartigkeit mit Meditation & Yoga“ mit Doris Iding und Neue Wege Reisen: 29. Juni bis 06. Juli 2019 auf Sardinien.

[1] Chronisch obstruktive Lungenerkrankung

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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