In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Gibt es auch Bereiche, die sich seit dieser Erfahrung vollkommen verändert haben, ohne dass du großartig etwas dazu tun musstest?

Pyar: Manche gewohnten emotionalen Reaktionen veränderten sich ohne viel Zutun. Doch auch das erforderte Lernen, denn selbst dann, wenn eine unangenehme oder zerstörerische Emotion nicht mehr auftaucht, müssen neue, bewusstere, intelligentere Reaktionsweisen entwickelt werden.

»Wir müssen alle lernen, uns wirklich als Wir zu begreifen. Wir müssen die Einsicht entwickeln, dass wir Menschen untereinander und wir Menschen mit allen anderen Wesen in einer tiefenwirksamen Verbindung und wechselseitigen Abhängigkeit stehen.«

Statt eine Verbundenheit und eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen allem zu erleben, kommt es mir so vor, als würden wir uns immer mehr voneinander entfremden. Wir sind zwar alle schneller erreichbar durch Handy und Internet, aber die Verbindung findet ja eigentlich nur in einem virtuellen Raum statt und ist nicht wirklich real. Was können wir hier deiner Meinung nach tun, um diese innere tiefe Verbindung wieder herzustellen?

Pyar: Ja, da hast du Recht. Es ist ein eigenartiges Phänomen: Unsere Kommunikationsmöglichkeiten haben sich vervielfacht und gleichzeitig fühlen wir uns oft weniger verbunden als je zuvor. Das liegt unter anderem daran, dass unser Geist nicht in der Lage ist, beliebig viele Informationen und »Inputs« zeitnah zu verarbeiten. Daher ist es wahrscheinlich so, dass wir umso weniger Raum für tiefe erfüllende Kommunikation haben, je mehr Geisteskraft wir auf oberflächliche Verbindungen wie sms und Ähnliches verwenden. Wir können sogar regelrecht umnebelt von all den Mails und Kurznachrichten sein, so dass wir den Menschen, der direkt neben uns steht, gar nicht recht wahrnehmen. So fühlen wir uns mitten in der Informationsgesellschaft entfremdet. Mein Tipp ist daher: 1. Immer wieder innehalten und sich der Verbundenheit aller Wesen bewusst werden. 2. Achtsamkeit in der Kommunikation. 3. Elektronische Kommunikation reduzieren, wo immer das möglich ist, um mehr Raum für wesentliche Begegnung zu schaffen.

Nachdem du bekannt geworden bist, sind viele Menschen zu dir gekommen. Konntest du ihre Vorstellung von „Erwachen“ erfüllen? Oder anders gefragt: Wie realistisch sind die Vorstellungen, die wir von »Erwachen« oder einem »erwachten Menschen« haben?

Pyar: Zum Beispiel gibt es immer wieder die unrealistischen Vorstellungen, Erwachen bedeute alles zu wissen, alles zu können, keine Fehler mehr zu machen, nichts mehr lernen zu müssen, immer lächelnd und fröhlich zu sein… All diese Vorstellungen und noch ein paar mehr habe ich enttäuscht und bin froh darüber. (schmunzelt)

Du hast die Leute in ihren Erwartungen enttäuscht und bist froh darüber. Warum?!

Pyar: Weil die genannten Erwartungen einer Illusion entspringen – diese Enttäuschung ist daher wirklich eine heilsame Ent-Täuschung. „Erleuchtung ist nicht unmenschlich oder nicht menschlich oder übermenschlich – sie ist ultramenschlich“, sagt Robert Ennis, ein 1998 verstorbener Mediations-Lehrer. Es geht tatsächlich darum, ultramenschlich zu sein und genau darin die uns innewohnende Buddhanatur zu verwirklichen. Oder mit Jesus Worten formuliert: Ganz eine Tochter oder ein Sohn der Menschen und zugleich ganz eine Tochter oder ein Sohn Gottes zu sein. Genau da liegt die Herausforderung und auch die Erfüllung und Schönheit. Zu dieser Erfüllung gehört ganz wesentlich, zu wissen, dass wir Natur als Körper, Klarheit als Geist und Liebe als Seele sind und dass wir alle verwoben sind in einem staunenswerten, das All durchwirkenden Netz der Verbundenheit.

Wie verhält es sich mit den Menschen, die du enttäuscht hast? Bleiben sie und denken sich: Wow! Jetzt wird es ja erst mal richtig interessant! Oder gehen sie und suchen sie sich einen neuen Guru in der Hoffnung, dass dieser ihre Erwartungen erfüllt?

Pyar: Zu meiner großen Freude nehmen die meisten die Herausforderung an, manche aber auch nicht. Es gibt eine Reihe Menschen, die auf der Suche nach »instant-enlightenment« sind, die hoffen möglichst schnell allen Problemen dieser Welt zu entkommen und selbst übermenschlich zu werden. Diese Hoffnung ist falsch und nicht zu erfüllen. Aber wenn sie stark ist in einem Menschen, dann wird er erst mal immer wieder weiter bei neuen Lehrern, Methoden, spirituellen Richtungen danach suchen.
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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.