Welcher Weg wird uns dem letztendlichen Ziel des Yoga näher bringen? Und, was ist überhaupt dieses letztendliche Ziel?
Wenn jemand mit Yoga anfängt, so hat er  in der Regel nur wenig oder keine Vorstellung davon, was die letztendlichen Ziele des Yoga sein könnten. Heute ist Yoga zu einer Art Supermarkt geworden – was immer man darin sucht, man wird es finden. Somit sind es also immer die gegenwärtigen körperlichen, emotionalen, mentalen oder spirituellen Bedürfnisse eines Menschen, die ihn zu seiner Suche motivieren. Die meisten Schüler suchen im Yoga nach einem Weg, von ihrem täglichen Stress herunterzukommen oder etwas mehr geistigen Frieden oder körperliches Wohlbefinden zu erlangen. Wir haben es hier meist mit einem “Quick Fix”-Ansatz zu tun, der eine vorübergehende Entlastung von den Unbehaglichkeiten eines stresserfüllten und bedrückenden Lebens ermöglichen soll.

Hin und wieder geschieht es zwar, dass man erlebt, wie jemand von höheren spirituellen Zielen erzählt; z.B. von “samadhi”, “Selbst-Verwirklichung” oder “Erleuchtung”. Diese jedoch werden für gewöhnlich in einer Weise beschrieben, dass es der durchschnittliche Schüler praktisch für unmöglich hält, solch erhabene Zustände erreichen zu können. Warum also erst versuchen? Viele Beschreibungen hierzu sind bestenfalls unklar und schlimmstenfalls erst gar nicht vorhanden. Jedoch ist der Praktizierende ohne eine klare Vorstellung von den letztendlichen Zielen des Yoga dazu verurteilt, diese zu verfehlen. Selbst wenn jemand einen flüchtigen Einblick haben sollte, kann es sein, dass der eigentliche Wert nicht erkannt wird. Oder noch schlimmer: der Schüler verwechselt ein flüchtiges spirituelles Erlebnis und hält es für wert, daran festzuhalten und es möglichst häufig zu wiederholen.

Ein anderes Problem ist, dass Yoga und “persönliches Wachstum” mittlerweile zu einem großen Geschäft geworden sind, sei es durch Bücher oder Seminare. Und es gibt jede Menge untereinander konkurrierender alternativer Ansätze, die häufig ungeprüft sind und noch nicht allzu lange Zeit existieren. Wie soll ein Yogaschüler da herausfinden, was authentisch ist? Welcher Weg wird ihn dem letztendlichen Ziel des Yoga näher bringen? Und, was ist überhaupt dieses letztendliche Ziel?

Um eine Antwort für all diese Fragen zu finden, ist es nützlich, zu den ältesten maßgeblichen Quellen zurückzukehren, wie z.B. den »Yogasutras« von Patanjali und dem »Thirumandiram« des südindischen Siddhas Thirumoolar. Patanjali bezeichnet das Endziel des Yoga als »Samadhi«, dem »Versenken in absolutem Bewußtsein«. In Vers I. 17 nennt er die erste Stufe des Samadhi »Samprajnata«. Diese auf ein Objekt gerichtete Versenkung wird von Beobachtung, wahrer Einsicht, Freude und einem Zustand von reinem “Ich bin” begleitet. In unserem gewöhnlichen Körperbewusstsein richten wir unsere Aufmerksamkeit durch unsere fünf Sinne auf Objekte der äußeren Welt und werden von diesen vollständig vereinnahmt.

Während des Tagträumens oder Denkens wird unser Bewusstsein von Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen absorbiert. In beiden Fällen sind wir uns dessen, was wirklich ist, nicht bewusst. Im Zustand von “samadhi” werden wir uns dessen bewusst, was Bewusstsein ist, wir werden selbst zum Seher, zum reinen Gegenstand der Betrachtung. Ablenkungen treten in den Hintergrund zurück. Das Selbst oder der Seher wird zum Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit. Wir identifizieren uns nur noch mit dem Seher und nicht mehr mit unseren Gedanken, Empfindungen und Gefühlen.

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Im gewöhnlichen Wachbewusstsein, so Patanjali in Vers I. 6, identifizieren wir uns mit fünf Arten von »Vrittis« oder Bewegungen innerhalb des Bewusstseins:  geltendes Wissen, falsche Vorstellungen, verbaler Täuschungen, Schlaf und Erinnerungen.

Samprajnata-Samadhi
Das Samprajnata-Samadhi oder die an eine Erkenntnis gebundene Versenkung wird von vier Bewegungen begleitet. Diese sind keineswegs bloße mentale Bewegungen oder »Vrittis«, sondern das inspirierende Ergebnisse der Verschmelzung des Subjekts mit einem Objekt. Im Gegensatz zu dem höheren Samadhi, dem »Asamprajnata-Samadhi«, werden hier noch materielle oder feinstoffliche Objekte als Unterstützung oder Ausgangspunkt verwendet. Diese Unterstützung kann jede in der Natur vorkommende Form sein, einschließlich der weitaus feinstofflicheren Ebenen transzendentaler Existenz. Da hier noch Hilfsmittel gebraucht werden, auf die man sich stützt, lässt diese Art von »samadhi« jedoch nur eine bedingte Anschauung des Daseins als Ganzes zu.

An dieser Stelle ist es angebracht, zunächst einige der ältesten Vorstellungen des indischen metaphysischen Gedankenguts zu erklären: die Begriffe »Prakriti« (die Natur) und »Purusha« (das Selbst). Prakriti ist alles außer dem Selbst und umfasst den ganzen Kosmos von den materiellen bis hin zu den psychischen Schichten. Im Gegensatz zum Selbst (Ich bin…), welches das reine, absolute Wesen ist, stellt Prakriti die mit den Sinnen erfassbare, gegenständliche Realität dar, welche von Purusha unbeteiligt beobachtet wird. Prakriti, wie vergänglich sie auch immer sein mag, erhält ihre Realität als Ausdruck der Herrlichkeit des höchsten Selbst. Purusha, das Selbst, ist das reine Wesen im Innersten des Bewusstseins. Purusha erleuchtet das Bewusstsein. Ohne den Purusha würde es in Geist und Psyche keine bewusste Aktivität geben, so wie eine Glühbirne ohne den unsichtbaren Strom kein Licht ausstrahlen könnte. Prakriti existiert als Natur in seinem (Purusha) transzendenten, undefinierten Zustand und seinen vielgestaltigen, sich unterscheidenden Manifestationen.

Um Purusha zu kennen, muss man zuerst Prakriti verstehen lernen. Dieser erste Schritt wird vollzogen, indem man die Natur in ihren verschiedenen Manifestationen betrachtet.

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