„In unserer Gesellschaft reden immer alle von weiterkommen. Ich möchte endlich mal ankommen.“ Spricht dir dieses Zitat aus dem Herzen? Hast du auch das Verlangen, endlich mal zur Ruhe zu kommen, nicht andauernd auf dem Sprung zu sein? Endlich ein Zuhause zu finden?

Heimatlosigkeit ist ein Thema dieser Zeit. Mangelnder Wohnraum, unbezahlbar hohe Mieten, aber auch kriegerische Konflikte in vielen Erdteilen sorgen dafür, dass immer mehr Menschen ein Gefühl von Heimatlosigkeit erfahren. Aber es gibt einen Weg, ein Zuhause zu finden. Und zwar in dir selbst.

 

Nachhause kommen zu dir selbst

Die Voraussetzungen dafür sind:

1.    Hör auf, im Außen danach zu suchen.

Wir haben die Tendenz, uns von äußeren Umständen abhängig zu machen.  Eine schöne Wohnung, ein wunderschönes Eigenheim, ein Ort, an dem wir uns wohl fühlen, können uns natürlich zeitweilig ein Gefühl von Heimat vermitteln. Was aber, wenn dies nicht gegeben ist? Dann laufen wir Gefahr, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Deshalb ist es umso wichtiger, den Blick nach innen zu wenden und ein Zuhause in dir selbst zu etablieren.

2.    Nimm dir Zeit.

Die Innenschau ist wohl das bewährteste Mittel, um ein eigenes Zuhause zu etablieren. Dafür braucht es allerdings Zeit. Niemand – auch nicht die großen Yogis –hat auf Anhieb in sich selbst ein Zuhause gefunden. Auch sie mussten es in sich entwickeln. Die Meditation ist hier ein geeignetes Mittel. Nimm dir deshalb nach Möglichkeit jeden Tag mindestens 10 Minuten Zeit dafür. Und wenn sie dir Freude bereitet, dann dehne diese Phase, in der du nach Innen schaust, einfach aus!

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3.    Kultiviere deinen Geist.

Der Geist wird gerne mit einem Garten verglichen, den wir kultivieren müssen. Wenn du jemals einen Garten bestellt hast, dann weißt du aus eigener Erfahrung, dass es einige Zeit dauert, bis Beete angelegt sind, Kräuter wachsen, Obst und Gemüse reif sind. Im Buddhismus und im Yoga weiß man, dass wir alte Gedankenstrukturen nicht von heute auf morgen verändern können, und dass es lange dauert, bis wir in der Lage sind, uns in uns selbst niederzulassen und bei uns anzukommen. Das Sanskritwort bhavana, das gerne mit Meditationsübung übersetzt wird, bedeutet im ursprünglichen Sinne „kultivieren“, „entwickeln“ und „wachsen“. Je besser du deinen Geist kennst und je mehr du ihn kultivierst, desto mehr Früchte wird dein innerer Garten tragen.

4.    Sei präsent.

Wirklich präsent zu sein bedeutet, dass du alles da sein lässt, was sich zeigen will. Das ist etwas, was uns schwerfällt. Haben wir doch die Idee, dass im Hier und Jetzt nur die reine Glückseligkeit wartet. Ja und Nein. Ja – wenn wir alles da sein lassen, was sich zeigen will, ohne uns damit zu identifizieren. Nein, wenn wir das, was sich zeigt, nicht spüren wollen. Dann wird es schwierig. Und das ist natürlich ein Paradox – und ein Prozess. Enttäuschungen, Verletzungen, Tränen und Trauer wollen genauso gesehen werden wie Liebe, Freude und Glückseligkeit. Wenn es uns gelingt, alles da sein zu lassen, uns da sein zu lassen, können wir wahre Nähe zu uns selbst und anderen erfahren. Wenn es uns gelingt, uns Atemzug für Atemzug mehr für uns selbst zu öffnen, dass finden wir zur Liebe zurück, wir können emotionales Leid loslassen und uns aus unseren Süchten befreien. Wollen wir jedoch nur anhaltend gute Gefühle im gegenwärtigen Moment erfahren, dann werden wir uns schwertun, weil dies nicht der Realität entspricht. Gefühle kommen und gehen. Gedanken kommen und gehen. Alles kommt und geht. Dies zu erkennen, macht das Ankommen in dir selbst leichter!

5.    Bewerte nicht.

Es gibt Zeiten, da fällt uns die Praxis leicht. Es gibt Zeiten, da haben wir keine Lust, uns aufs Kissen zu setzen. Es gibt Zeiten der Einheit, des Zweifels, der Klarheit, der Liebe. Und es gibt Zeiten, in denen du das Gefühl hast, dass nichts wirklich weitergeht mit deiner Praxis, sie stagniert und du dich immer wieder in Gefühlen, Gedanken und Körperempfindungen verlierst. Lass alles einfach da sein, ohne es zu bewerten. Alle Erfahrungen, die du machst, sind einfach nur Gedanken, Gefühle und sinnliche Erfahrungen. Je weniger du sie bewertest, desto schneller gehen sie wieder vorbei. Lass sie ziehen.

6.    Du bist schon angekommen.

Mache dir immer wieder bewusst, dass dein Zuhause bereits in dir angelegt ist. Du brauchst also kein Ziel zu erreichen, nirgendwohin gehen, nichts besonders gut machen. Mach dir bewusst, dass es nicht um Leistung geht. Lass die Illusion los, dass du ein anderer, spirituellerer, besserer Mensch werden musst, bevor du ein Zuhause in dir findest. Dein Zuhause liegt nicht außerhalb von dir und auch nicht irgendwo in der Zukunft. Dein Zuhause ist immer da und bereits hier.
 

Literaturtipps:
Tara Brach: Nach Hause kommen zu sich selbst. Im erwachten Herzen Zuflucht und Geborgenheit finden, Koha Verlag 2014
Ethan Nichtern: In dir selbst zu Hause sein. Buddhas Lehre für die heutige Zeit, Arbor Verlag 2015

 

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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