Kennst du diesen Moment in der Meditation, in dem du immer mehr in die Stille abtauchst, immer mehr in der Leere versinkst, und dein Ich dabei ist, sich vollkommen aufzulösen? Und dann, mitten im fliegenden Fall, sucht dein Ich nach Halt – krallt sich fest an der Angst, an der Unsicherheit oder an dem Verstand – und vorbei ist es mit der Stille, mit dem Aufgehen in der Leere.

Ich habe diese Erfahrung immer wieder und auch die Schüler des Meditationslehrers Joseph Goldstein scheinen sie zu kennen. In seinem Buch Vipassana-Meditation schreibt er darüber. Er schreibt, dass die Angst vor dem Unbekannten, vor der Befreiung, sie in ihrer Praxis hemmt. Die Angst vor dem Unbekannten hemmt sie daran, sich hineinzubegeben. Es handelt sich seiner Ansicht nach aber nicht um die Angst vor der Erleuchtung, sondern vielmehr um die Angst vor den Vorstellungen von der Erleuchtung.

Ja, das stimmt. Auch ich habe eine bestimmte Vorstellung davon: dass ich mich dann in einem bunten Knall auflöse, es zu einer Lichtexplosion kommt und ich mich total auflöse. Der Verstand kann viele Bilder erzeugen. Der Kreativität des Verstandes sind hier keine Grenzen gesetzt.

Befreiung bedeutet, das Leiden loszulassen, behaupten Goldstein, Buddha und all die Weisen aus dem Yoga und anderen spirituellen Traditionen. Goldstein stellt folgende Fragen, die ich auch gerne an dich weitergebe:

Hast du Angst vor der Aussicht, von Gier befreit zu sein?
Hast du Angst davor, von Wut und Selbsttäuschung frei zu sein?

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Wahrscheinlich hast du genauso wenig Angst davor wie ich, oder?

Befreiung bedeutet, dass wir uns von jenen Eigenschaften des Geistes reinigen, diese und all jene Dinge und Menschen loslassen, die uns so viel Leid in unserem Leben bereiten – so Goldstein weiter.

Und ich frage mich und lade dich ein, es dich auch zu fragen:

Warum halte ich an manchen Menschen, Umständen und Dingen fest, die mir Leid bescheren?
Warum halte ich innere Freiheit so schlecht aus?

Goldstein hat ein schönes Bild aufgegriffen in seinem Buch:
Stellen Sie sich vor, Sie hielten ein glühendheißes Stück Kohle in der Hand. Sie hätten keine Angst, es loszulassen. Es wäre sogar so, dass Sie es sehr schnell loslassen würden, sobald Sie es einmal bemerkt hätten, dass Sie es festhalten. Es scheint an uns festzuhalten.

Recht hat er!

Die Praxisübung ist also folgende:

  1. Mach dir bewusst, wie Leid in deinem Geist entsteht.
  2. Mach dir dann bewusst, wie sehr du dich damit identifiziert hast. Und lerne dann, es loszulassen.
  3. Nimm einfach direkt und unmittelbar wahr und schau dir hierfür den Prozess so lange an, bis du es verstanden hast.

Das klingt natürlich sehr, sehr einfach! Erfordert aber tatsächlich viel Praxis, Aufmerksamkeit und auch sehr viel Geduld.

Aber als allererstes solltest du dich fragen:

  1. Will ich das Leid tatsächlich beenden?
  2. Möchte ich tatsächlich innerlich frei werden?

Nimm diese Fragen mit in den Tag, mit in die Nacht. Nimm sie mit auf deine Yogamatte und mit auf dein Meditationskissen. Beantworte sie ehrlich und schau, wer antwortet…
Je ehrlicher du dir selbst diese Fragen beantwortest, desto mehr wirst du die Angst vor der Erleuchtung verlieren.

 

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Doris Iding
Doris leitet Seminare, Fort- und Ausbildungen zum Thema Yoga, Meditation und Achtsamkeit. Nach dem Motto „Alles was ist, darf sein. Es gibt kein Richtig und Falsch, sondern immer nur die eigene subjektive Erfahrung des gegenwärtigen Moments“ ist es ihr sowohl in ihren Kursen als auch in ihren Artikeln und Büchern ein großes Anliegen, den Menschen zu vermitteln, dass es in der Praxis um Selbsterkenntnis geht, nicht aber um Selbstoptimierung. Begegnen wir uns also mit viel Selbstmitgefühl, Wohlwollen und Geduld, wird das Leben leichter und die Achtsamkeits- und Meditationspraxis erfüllender. 18 ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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