Auch wenn die meisten Yogapraktizierenden in Deutschland Frauen sind, machen nicht alle von ihnen eine Praxis, die ihr Frausein unterstützen kann. Was am „Yoga für Frauen“ so besonders ist, erfährst du von Christine Ranzinger. Christine lebt und lehrt Yoga mit Begeisterung. Sie hat einige Bücher zum Thema Yoga geschrieben, wobei in allen Büchern die Frauen im Vordergrund ihrer Arbeit stehen.

Interview

YOGA AKTUELL: Du hast dich unter anderem auf Yoga für Frauen spezialisiert. Was unterscheidet Yoga für Frauen in deinen Augen von Yoga für Männer?

Christine Ranzinger: Yoga wurde ja ursprünglich entwickelt, um die Männer im alten Indien zu lehren, während der Meditation gut sitzen zu können. Frauen waren damals eher eine Seltenheit im Yoga, und das hat sich in unseren Tagen grundlegend verändert. Wir Frauen sind durch den monatlichen Zyklus an einen biologischen Rhythmus gebunden, der über den Hormonzyklus auch unsere Stimmungen beeinflusst. Aus meiner Sicht sollte dies ebenso berücksichtigt werden, wie die Zyklen der Schwangerschaft und zum Beispiel der Wechseljahre, sodass die Yogapraxis an diese Gegebenheiten angepasst werden sollte. Insgesamt denke ich, dass es mehr und mehr darum geht, dass wir uns während des Übens den Raum geben, uns selbst zu spüren, und so üben, dass wir uns mit Freude auf die Yogamatte begeben, und nicht „weil wir es tun sollten“. Wie das im Einzelnen aussieht, hängt sowohl vom Temperament jeder einzelnen von uns ab, als auch von der Lebensphase in der wir uns befinden, und den Anforderungen, die das Leben gerade an uns stellt. Ich denke, dass das was wir mit Freude tun, relativ einfach den Weg in unser Leben finden kann.

Jedes Zeitalter hat seine Herausforderungen für uns Frauen. Wenn du jedem Jahrzehnt eine Asana- und eine Pranayama-Übung zuordnen solltest, welche wären das und warum.
Es macht mehr Sinn, auf die Art des Übens einzugehen, als ein neues Programm anzubieten. Es geht darum, das Vertrauen in die eigene Intuition zu stärken. Für Mädchen und junge Frauen kann eine spielerische Herangehensweise hilfreich sein, ergänzt mit Partnerübungen, und Anregungen zur Selbstreflexion. Für die Frau in der Blüte des Lebens, also in den ca. 40 Jahren während des Zyklus, glaube ich, dass der wesentliche Faktor ist, sich regelmäßig Zeit zu nehmen, um die eigenen Bedürfnisse zu spüren – meistens wird das wohl eine Kombination aus ruhigen und kraftvollen Übungen sein, eine ganz wunderbare Möglichkeit ist aus meiner Sicht wie auch später in den Wechseljahren eine Praxis des Yin Yoga, die auf die Meditation vorbereitet. Ich habe oft festgestellt, dass ich zum Beispiel während des Eisprungs eher kraftvolle, dynamische Yogazyklen geübt habe, und während der Menstruation sehr sanfte Übungen oder auch Yin-Haltungen, die oft im Liegen stattfinden. Und natürlich ist auch das Thema „Beckenboden“ ganz wesentlich – sowohl während der Wechseljahre, als auch während der Rückbildung nach Geburten.

Gibt es unterm Strich für dich eine Thematik, die sich bei Frauen allgemein durch das Leben zieht? Wie zum Beispiel zu wenig Selbstvertrauen in die eigene Intuition? Sich selbst zu wenig lieben? Und wenn ja, wie kann Yoga den Frauen dabei helfen? Was sind deine persönlichen Tipps?
Wir sind auch als Frauen einfach sehr verschieden, und haben deshalb unterschiedliche Prägungen mitbekommen, an denen wir arbeiten dürfen, aus denen wir lernen dürfen. Allgemein scheint – da hast du ganz recht – das Thema Selbstvertrauen eine große Rolle zu spielen, wie auch Selbstfürsorge, und vielleicht noch wichtiger: dass wir uns selbst so annehmen und ja, auch lieben, so wie wir sind. Zum Teil auch deswegen, damit wir uns nicht in einen Käfig engmaschiger Bemühungen setzen, um einem Ideal zu entsprechen, sondern uns auf der Basis einer grundlegenden Selbstliebe, die uns Freiheit und die Luft zum Atmen lässt verändern dürfen – wenn es für uns ansteht. Es geht aus meiner Sicht weniger darum, ein Ziel zu erreichen, als von dort aus, wo wir sind, spielerisch zu entdecken, was uns guttut, was uns nährt, und uns das Gefühl von Heimat in uns selbst gibt. Insofern gilt der alte Spruch: „Der Weg ist das Ziel“. Schritt für Schritt, möchte ich hinzufügen.

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In meinen Augen sind wir Frauen viel mehr mit der eigenen Intuition verbunden als Männer. Aber viele Frauen trauen sich nicht, ihr zu glauben. Machst du ähnliche Erfahrungen? Wenn ja, kann Yoga Frauen deiner Erfahrung nach darin unterstützen, sich besser mit der eigenen Intuition zu verbinden?

Vielleicht ist einfach der Zugang zu unserer Intuition anders, und deshalb für uns fühlbarer. Oft scheint es so zu sein, dass sich Männer von der Ratio in ihren Empfindungen „hinunter spüren“ müssen, während wir Frauen oft zuerst fühlen, und dann denken. Und natürlich wird das von Mensch zu Mensch sehr verschieden sein. Aus meiner Sicht liegt die Wahrheit hinter dem Raum von Denken und Fühlen. Wenn wir uns jeden Tag ein Zeitfenster erschaffen, in dem wir still werden, das wir dem Erforschen unserer Glaubenssätze und emotionalen Strukturen widmen, können wir uns näher an unseren eigentlichen Lebenssinn heran tasten, und dann können innerer Lebenssinn und Lebensaufgabe zusammenfinden. Eine sehr schöne Möglichkeit dafür sehe ich in der Praxis des Yoga Nidra. Eine Schlüsselfrage ist hier: Was macht dir Freude? Was bringt dein Herz zum Singen? Denn das ist meistens auch das, wofür du hier bist.

Welche Asanas bringen Frauen deiner Erfahrung nach mehr in den eigenen Körper und unterstützen sie darin, sich wohler im eigenen Körper zu fühlen. Bitte nenn doch 2-3 Übungen und wenn möglich die Anleitungen dazu.

Im Grunde jedes Asana, das mit Freude praktiziert wird, am besten in Verbindung mit dem bewussten Atem in den einzelnen Körperräumen. Manchmal sind es auch sehr unspektakuläre Übungen, wie die Rückenmassage, die Beckenschaukel, oder das herzöffnende Krokodil.

Übung 1: Rückenmassage: Überkreuze in der Rückenlage beide Schienbeine, und male eine liegende Acht. Gib dir den Raum zu spüren, wie sich Atem und Bewegung verbinden. Überkreuze nach einer Weile wechselseitig, und male die liegende Acht in die andere Richtung.



Übung 2: Herzöffnendes Krokodil: Diese Übung beginnt im ruhenden Schmetterling in der Rückenlage: beide Fußsohlen sind aneinandergelegt, die Knie fallen nach außen, die Arme waagrecht, mit den Handflächen nach oben.

In der ersten Variation lässt du den unteren Rücken fest auf dem Boden liegen, in der zweiten bewegt er sich mit, sodass die Beine jeweils aufeinanderliegen.

Das Wesentliche ist die Armbewegung: 
Führe ausatmend die rechte Hand in einem Halbkreis durch die Luft auf die linke. Streiche beim Einatmen über die Mittellinie – den linken Arm, Achselhöhle, linke Brust, rechte Brust, und leg dann den Arm wieder waagrecht ab. Mit dem nächsten Ausatmen die linke Hand … und fahre so fort, im freien Atemfluss. Achte darauf, dass deine Finger den Körper wirklich berühren; dadurch wird der Fluss der Lymphe aktiviert.

Hast du noch eine abschließende Empfehlung für speziell für Frauen?

Nimm dir Zeit für dich. Vertrau auf dein Gefühl, und hab den Mut, ihm zu folgen.
 Und vor allem – glaub dir, dass du richtig bist, so wie du bist.


Herzlichen Dank für das Interview!

Zum Weiterlesen:

Christine Ranzinger
  • Yoga ein Leben lang. Ein Übungsratgeber für Frauen, Synergia Verlag 2018
  • Sanftes Yoga: Mit Achtsamkeit körperlich und geistig beweglich bleiben, Irisiana Verlag 2017
  • Yoga Nidra. Tiefenentspannung – beflügelt Körper und Geist, Trias Verlag 2016

Alle Bücher der Autorin findest du hier: https://yogashakti.de/medien/buecher/
Weitere Informationen zu Christine findest du hier.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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