Yoga zur gezielten Beeinflussung des Hormonsspiegels, z.B. mit dem Ziel eines harmonischen Erlebens der Wechseljahre, ist immer mehr im Trend. Wir haben uns gründlich für Sie informiert.

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Es ist Sonntagmorgen in einer Münchner Yogaschule. Sieben Frauen zwischen 30 und 50 Jahren sind versammelt, um den zweiten Teil eines Wochenend-Workshops in Hormonyoga zu absolvieren. Sie sitzen hier, weil sie mit speziellen Übungen etwas für ihr Hormonsystem tun wollen. Eingangs werden Neuigkeiten ausgetauscht. Petra, eine Teilnehmerin, hat heute Nacht Ihre Regelblutung bekommen. Und das einige Tage früher als erwartet. „Es ist gut möglich,“ sagt die Yogalehrerin Brigitta Kraus, „dass mit der intensiven Bhastrika-Atmung die Gebärmutterschleimhaut zum Abbau angeregt wurde. Das kann am Anfang mal passieren, aber grundsätzlich normalisiert  Hormonyoga den Zyklus.“

Die jüngeren Frauen in der Gruppe wollen mit Hilfe von Hormonyoga Zyklusprobleme und prämenstruelles Syndrom in den Griff bekommen oder sogar schwanger werden. Allen anderen hoffen, die unangenehmen Symptome der Wechseljahre wie Hitzewallungen, Schlafprobleme, depressive Verstimmung, Trockenheit der Schleimhäute und Gelenkbeschwerden zu lindern oder gar zum Verschwinden zu bringen. Viele Jahre waren Hormonpräparate das Allheilmittel für all diese Frauenleiden. Heute jedoch suchen immer mehr Frauen nach Alternativen, nachdem wissenschaftliche Studien die massiven Gesundheits-Risiken der Hormonersatztherapie aufgedeckt haben. Schon Anfang der neunziger Jahre hat die Brasilianerin Dinah Rodrigues eine Yogareihe entwickelt, die das weibliche Hormonsystem stimulieren soll. In Deutschland wird dieses „Hormonyoga“ in den Medien als Geheimrezept gepriesen. So titelte Brigitte Woman, ein Ableger der Brigitte für Frauen ab 40, im Oktober 2007 „Yoga statt Hormone – mehr Vitalität und Ausgeglichenheit in den Wechseljahren“. Der Fernsehsender Arte stellte an einem Themenabend über „Hormone“ auch Dinah Rodrigues und ihr Hormonyoga-Programm vor. In der Yogaszene erfreut sich Hormonyoga einer wachsenden Fangemeinde, gerade auch unter Yogalehrerinnen.

Die Yogareihe von Rodrigues besteht aus sechs Aufwärm- und 14 Hauptübungen, die zum großen Teil sehr kraftvoll und anstrengend sind. Dazu kommen noch einige sanfte Übungen zum Stressabbau. Je nach Stärke der Wechseljahrsbeschwerden sollen die Hauptübungen zwei bis drei Mal die Woche oder täglich jeweils eine halbe Stunde geübt werden. Die sieben Teilnehmerinnen des Münchner Workshops, die zum Teil noch nie Yoga gemacht haben, sind von der Intensität der Übungen überrascht. Im Laufe des Workshops ist immer wieder das eine oder andere Stöhnen und Ächzen zu hören. Da vor allem die Eierstöcke aktiviert werden sollen, hat die Brasilianerin Yogahaltungen gewählt, die das Becken entweder stark überdehnen oder Druck auf das Becken ausüben, wie Schulterbrücke, Kopf zum Knie Haltung oder Drehsitz. Für Teilnehmer mit Knie- oder anderen körperlichen Problemen hat Rodrigues einfachere Ersatzübungen im Repertoire. Ein Großteil der Asanas wird dynamisch ausgeführt. Mit schnellen Bhastrikas, einer aktivierenden Atmung, bei der die Übende die Bauchdecke im Atemrhythmus kräftig vor und zurückbewegt, sollen Energien (Prana) geweckt werden, die dann in der anschließenden Konzentrationsphase mit Gedankenkraft zu den Hormondrüsen geleitet werden. Dazu kommt die Kontraktion des Beckenbodens (Mula Bandha) – und das alles in einem Asana!

Ganze fünf Minuten erfordern Übungen im halben Schulterstand (Viparita), auch das eine Herausforderung für die sieben Workshop-Teilnehmerinnnen. In fünf verschiedenen Variationen werden jeweils sieben Bhastrikas  ausgeführt mit anschließendem Beckenbodenverschluss und Energielenkungen, diesmal aber zu Schilddrüse und Hypophyse. Die Hypophyse sitzt im Gehirn und fungiert als zentrales Steuerungsorgan des Hormonsystems. Brigitta Kraus rät, das Gesäß auf ein festes Kissen zu legen, für den Fall, dass während dieser fünf Minuten die Kraft ausgehen sollte. Ein paar der sieben Pos gehen prompt nach unten. Der Schulterstand ist das zwölfte Asana. Und alle atmen auf, dass Nummer 13 und 14 nun Entspannungsübungen sind, die die aktivierte Energie harmonisieren sollen. Trotz aller Anstrengung fühlen sich die sieben Frauen aber am  Ende des Workshops energiegeladen, beschwingt und positiv gestimmt.

Einige Teilnehmerinnen des Workshops haben lange Fahrtwege in Kauf genommen, um die Hormonyoga-Reihe kennen zu lernen. Auch Yogalehrerinnen fahren weit, wenn Dinah Rodrigues einmal im Jahr einige wenige Weiterbildungswochenenden in Städten wie Düsseldorf oder Berlin anbietet. Die Seminare sind Monate im Voraus schon ausgebucht. Nur wer sich bei der Brasilianerin persönlich weiterbilden lässt, bekommt ein Zertifikat und darf „Hormonyoga nach Dinah Rodrigues“ unterrichten. Auch Brigitta Kraus, die Leiterin des Münchner Workshops, war bei einem der Rodrigues-Wochenenden und wurde von ihr zertifiziert. Als Erinnerung hat sie Photos auf ihre Website gestellt, auf denen sie zusammen mit der Brasilianerin abgebildet ist. Arm in Arm mit Brigitta steht eine fröhlich dreinblickende ältere Dame in knallfarbigen ärmellosen Top.
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