Ruhende Stille, Fasten, Schweigen, Enthaltsamkeit und die Überwindung des Schlafes, sind in der indischen Yoga-Tradition mit die wichtigsten Grundsäulen des Sadhana (spirituelle Praxis). In diesem Artikel beschäftigen wir uns mit den ersten Dreien
Anzeige

Alle Säulen der Yoga-Praxis sind voneinander abhängig. Man kann nicht nur eine praktizieren, ohne auch die anderen auszuüben. Wenn man eine richtig durchführt, kommen die anderen ganz automatisch nach. Es ist ebenso richtig wie falsch, dass  die ruhende Stille die Hauptsäule und die anderen vier die flankierend-unterstützenden Säulen sind; oder das Schweigen sei die hauptsächliche Säule und die anderen sekundär, etc. Deshalb können wir resümieren, die Säulen des sadhana seien mit einer Blume vergleichbar, die fünf Blütenblätter hat.


Die erste Säule des Sadhana

1. Die ruhende Stille des ganzen Körpers
Die ruhende Stille in den Körperhaltungen gleicht der Stille der Meditationshaltung. Sie kann im Liegen, im Sitzen und im Stehen ausgeübt werden.  Dann ist da der Zustand der Stille in den Yoga-Stellungen. Man sollte den Punkt erreichen, da man in der jeweiligen Stellung absolut still ist. Diese ruhende Stille unterscheidet sich von der Bewegung, die dich ins Zentrum dieser Ruhestellung bringt.

2. Ruhende Stille der Gliedmaßen
Beispielsweise Ruhestellung der Hände, der Füße, usw. Sind deine Füße tatsächlich völlig still oder rutschen sie hin und her wenn du stehst? Einmal beobachtete ich Leute, die hinter einem Tor standen, das nach unten hin offen war. Ich konnte die Schuhe der draußen stehenden Menschen betrachten.

Es ist interessant, nur die Füße der Leute zu beobachten, oder nur die Hände, wie sie sich bewegen. Man kann dann viel über ihren Charakter aussagen. Als mein Meister mir die Stille der Gliedmaßen lehrte, ließ er mich häufig rufen, um etwas zu besprechen, und absichtlich tat er dann etwas, um mich zu provozieren. Sowie ich mich aufregte, schossen meine Hände in die Höhe. Er blickte dann auf meine Hände, sagte nichts; und mir wurde seine Lektion bewusst.

Die ruhende Stille der Gliedmaßen hat drei Unterabteilungen:

  • a)  Gleichzeitige Stille aller Gliedmaßen.
  • b) Stille eines Körperteils, während die anderen tätig sind.
  • c)  Eine Seite ist tätig, während die andere gänzlich ruht. Man kann das mit Anspannungs-Entspannungsübungen erlernen, bzw. mit einer bewegungslosen Übung, bei der man eine Hand anspannt, die andere entspannt. Kannst du die rechte Hand schnell bewegen, dabei die linke Hand ganz entspannt lassen?


3. Ruhende Stille der wahrnehmenden Sinnesorgane
Die Stille der wahrnehmenden Sinne teilt sich auf in:

  • a) Alle wahrnehmenden Sinnesorgane ruhen gleichzeitig still.
  • b) Ein oder zwei Organe ruhen, während die anderen aktiv sind. Ich bin nicht sicher, ob du tatsächlich ein Auge bewegen und das andere stillhalten kannst; das wäre wirklich eine Leistung.

Aber es gibt Übungen, bei denen etwas Ähnliches stattfindet. Wenn wir uns z. B. auf den inneren Klang konzentrieren, verschließen wir das linke Ohr und lauschen nur mit dem rechten. Das heißt nicht, daß man einen Wachspfropfen ins linke Ohr steckt; man unterbricht nur die Verbindung zum Ohr.

4. Ruhende Stille des Atems
Die ruhende Stille oder die Ruhigstellung des Atems ist von zweierlei Art:
Die eine ist jene, die wir normalerweise im Rahmen der ersten Meditationsübung praktizieren: Atem, der so glatt und sanft fließen soll wie nur möglich.

Die andere, die zwar bekannter ist, aber in meiner Tradition nicht so ausführlich gelehrt wird wie in der Tradition des Hatha Yoga, besteht im Anhalten des Atems an einem gewissen Punkt des Pranayama. An dieser Stelle möchte ich eine Warnung wiederholen, die ich hinsichtlich des Anhaltens der Atmung öfters aussprach. Dieses Anhalten ist eine machtvolle Übung. Doch der große Fehler, der von den Leuten gemacht wird, ist erstens, daß sie beginnen, den Atem anzuhalten, ehe sie die korrekten Atmungstechniken gemeistert haben, d. h. ehe sie aus dem Zwerchfell, dem Magen und dem Solar Plexus atmen können.

Während sie also nichts anderes als Brustatmung kennen, fangen sie an, den Atem anzuhalten. Was da aber zurückgehalten wird, ist kein Atem, sondern ein Keuchen, und es wird drangvoll zurückgehalten. Dadurch wird der Geist, anstatt kraft des Anhaltens ruhevoll zu werden, im weiteren Verlauf hin- und hergerissen.

Zweitens werden durch das Anhalten des Atems wirklich alle ‚samskaras‘ (Neigungen) und Tendenzen in einer Person verstärkt. Hat also jemand die schlechte Angewohnheit, falsch zu atmen, so wird das Atemanhalten diese Gewohnheit verstärken. Welche negativen Kräfte auch immer in der Psyche gespeichert sind, sie werden stärker werden – die ärgererfüllte Person wird noch ärgerlicher, die lüsterne Person wird noch lüsterner.

In meiner Tradition empfehlen wir das Atemanhalten solange nicht, bis die korrekte Atemtechnik nicht ganz natürlich geworden ist. Erlernt man das richtige Atmen, so reinigt das auch den Inhalt des Geistes, sowie des Gemüts. Zum jetzigen Zeitpunkt und für unsere Zwecke ist die empfohlene Ruhe in der Atmung einfach ein langsames, sanftes Atmen.

5. Stille des Geistes
Wenn wir durch Entspannung, Konzentration und Kontemplation in die Meditation gelangen, herrscht diese ruhende Stille. Eines wichtigen Aspektes bei allen fünf Säulen des sadhana sollten wir uns bewußt sein – es handelt sich immer um einen zweigleisigen Vorgang: von außen nach innen und von innen nach außen. Indem man z. B. den Körper beruhigt, beruhigt man den Geist. Das wäre der Ablauf von außen nach innen.
Leichter ist es aber, den Geist zu beruhigen, was den Körper automatisch und mit sehr wenig physischem Training dazu bringt, ruhig zu werden. Das wäre der Vorgang von innen nach außen.

Es gab viele Studenten, die unser Meister Swami Rama nie ermutigte die Reinigungsübungen im Hatha Yoga zu praktizieren. Ich selbst habe diese nie vorgenommen. Ich fragte ihn einmal: „Swamiji, muß ich diese Dinge durchführen, soll ich das nicht auch lernen?“ Er sagte: „Nein, nicht nötig; deine Rolle ist innen.“ Also lernte ich, den Körper zu beruhigen, indem ich meinen Geist beruhigte.

Tatsächlich unternahm ich nie Anstrengungen, den Körper physisch zu beruhigen, auch nicht, um Stille und Schweigen zu üben. Ich schlug mich nie mit dem Problem der Enthaltsamkeit herum. Ich pflegte zu fasten, ehe der Meister 1969 in mein Leben trat und mich fragte: „Warum tust du all diese Dinge? Ich habe sie doch schon für dich getan!“ Viele Schüler und Studenten müssen, nachdem sie ihren Meister getroffen haben, dieses ganze tapasya (Askese) durchführen.

Ich aber führte ein bequemes Leben, da mein Meister es für mich tat. Mein Vorgehen war von innen nach außen. Sobald man die Stille des Geistes entwickelt hat, kommen die anderen „Säulen“ wie von selbst zur Geltung. Unter den acht Vorbedingungen des Yoga ist pratyahara (Verinnerlichung) die fünfte.

Die Leute verstehen vielfach nicht die genaue Bedeutung von pratyahara. Wenn der Geist beruhigt ist, wenn die Energie der Sinne, mit dem beruhigtem Geist verschmilzen und selbst ruhevoll und still werden – das ist ‚pratyahara’. Viele der Atemübungen im Yoga werden ‚pratyahara’ genannt, da sie den Geist beruhigen und die Sinne mit dem beruhigten Geist verschmelzen lassen.

Also, mit anderen Worten, das Vorgehen von der Stille des Geistes, zu den äußeren „Säulen“ ist ein leichtes Vorgehen und geschieht wie von selbst.

Die Bewegung von außen nach innen ist schwieriger. „Fastet“ sozusagen der Geist, so hat man keinerlei Wunsch nach irgendeiner Speise. Zum Beispiel bemerkte ich, daß das Begehren nach Gaumenfreuden automatisch verschwand, wenn ich Schweigen praktizierte. In diesem Zusammenhang kann der Vorgang in beide Richtungen laufen.

Das Schweigen beruhigt den Geist, worauf der Prozeß von innen nach außen verläuft – der beruhigte Geist annulliert den Wunsch nach Gaumengenuß. Allerdings passiert das nicht immer und nicht bei jedem. Ich habe Leute bei dem Versuch gesehen, eine der fünf „Säulen“ zu erreichen, wonach sie darauffolgende Entzugserscheinungen kompensierten, indem sie in etwas anderem schwelgten. Zum Beispiel sprechen sie am Fastentag weitaus mehr und gleichen damit die Versagung der einen oralen Tätigkeit, mit der Maßlosigkeit der anderen aus.

D. h. also, man muß im Auge behalten, daß die Ausführung einer der fünf „Säulen“ nicht nur eine körperlich-physische bleibt, sondern zu einer Einwärtsbewegung des Geistes wird. Der Geist sollte dann „automatisch“ die anderen vier Säulen erschaffen. Man kann das mit jeder der fünf Säulen, gleich in welcher Abfolge, durchexerzieren.

Das oberste, letzte Ziel der ruhenden Stille ist samadhi (reines Bewusstsein). Es heißt, daß man samadhi erlangen kann, wenn man für drei Stunden und dreiunddreißig Minuten völlig stillzusitzen vermag. Absolute Stille bedeutet, nicht einmal ein Augenzucken oder ein Körperrucken darf stattfinden. Doch zu dieser Stille wird es ohne eine intensive Disziplin in den anderen Übungen nicht kommen. Nun wollen wir über die Säule des Fastens sprechen.


Die zweite Säule des Sadhana

Fasten
Fasten ist eine Art des Schweigens, eine Art der Enthaltsamkeit, eine Art der Stille. Es ist die Ruhe und Stille in einem der Sinne, nämlich im Geschmackssinn; es ist die Ruhe in einem der inneren Organe; es ist die Stille im gesamten endokrinen System. Alle diese stillen „Sendepausen“ stehen untereinander in Wechselbeziehung. Es gibt mehrere Arten des Fastens.

1. Die beste Art des Fastens ist, mäßig zu essen.
Texte über Ayurveda und Yoga geben uns diesen Ratschlag: die Hälfte des Magens sollte mit Nahrung gefüllt sein; ein Viertel des Magenraums sollte für Wasser, und ein Viertel für den Atem reserviert bleiben.

2. Esse fünf Mundvoll weniger, als zur Füllung des Magens nötig wäre.
Das ist die schwierigste Art zu fasten. Einige Ärzte empfehlen, jeweils eine halbe Stunde vor und nach dem Essen kein Wasser zu trinken, außer ein, zwei Schlucke, oder sich nur mit der Flüssigkeit in der Speise zu begnügen. Ich persönlich fand, daß das sehr bekömmlich ist. Doch liegt es bei dir, das auszuprobieren.

3. Teilfasten
In allen Kulturen der Welt gibt es spezielle Fastentage; auch bei den Christen finden sich diese. In der vorösterlichen Fastenzeit wird vierzig Tage lang teilgefastet, d. h. man läßt ein oder zwei Essensbeilagen weg. Wenn in Indien Menschen eine Pilgerfahrt nach Hardwar und Rishikesh unternehmen oder über diese Städte weiter zu einem heiligen Ort in den Bergen pilgern, opfern sie nach Ankunft an dem Ort die Verhaftung an eine Lieblingsspeise, und zwar für alle Zeit – abgesehen von der üblichen Puja und den dazugehörigen Opfergaben.

Die Lieblingsspeise können Kartoffeln oder können Mangofrüchte sein. Das ist eine sehr gängige Praxis. Es ist auch eine Form des Teilfastens. Die Muslime fasten während der dreißig Tage von Ramadan; auch dies ist ein Teilfasten, da sie nur vor Sonnenaufgang, nach Mondaufgang oder nach Sonnenuntergang essen. Selbst in der heißen arabischen Wüste trinken sie untertags kein Wasser.

Einmal flog ich von Delhi nach New York – ein 24-Stunden-Flug. Es waren Muslime an Bord; während des ganzen Fluges aßen und tranken sie nichts. Die Maschine kam um 3 Uhr früh in New York an, es dauerte also noch einige Stunden, ehe sie ihr Fasten beenden konnten. Diese Art des Fastens gibt große innere Stärke.

Der Zweck des Fastens mag variieren. Voll- oder Teilfasten kann für die körperliche Gesundheit oder zugunsten einer inneren Reinigung durchgeführt werden. Oder man fastet zur Buße.

In Indien findet sich diese Tradition: Wenn man weiß, daß man etwas Schlechtes oder Falsches getan hat, kann man das dadurch verursachte Karma gleich darauf zum Reifen bringen, anstatt darauf zu warten, daß es in einem anderen Leben heranreift. Zwei Begriffe beziehen sich eben darauf: Erstens der Begriff pashchat tapa, was soviel bedeutet wie ein inneres Brennen zu verspüren, nachdem man eine Gesetzesübertretung beging.

Die unpassende westliche Übersetzung ist „Schuldgefühl“. Es gibt keine Schuld, vielmehr ist es die Erkenntnis eigener Unvollkommenheit, eigenen Versagens und die Annahme der Verantwortung dafür. Man reinigt sich von diesem Karma durch, zweitens, prayaschitta, was Vorwärtsschreiten des Geistes bedeutet. Man befreit sich kraft eines Aktes der Buße. Prayaschitta kann eine Pilgerschaft, eine lange Schweigezeit oder unterschiedliche Arten des Fastens bedeuten.

4. Fasten für das kollektive Wohl
Gandhi machte das zu seiner spirituellen Methode, die die ganze Nation mit einbezog. Wenn die Nation nicht tat, was er ihr zu tun riet, erklärte er sich für unvollständig und führte sein Fastentapasya durch, um sich selber innerlich zu reinigen; denn wäre er reiner, so sein Gedanke, würde die Nation auf ihn hören. Tatsächlich ist das eine uralte Tradition in Indien.

Sie wird auch in Familien angewendet und erscheint dann geradezu als emotionale Erpressung. Es ist durchaus normal, daß Leute, wenn sie ärgerlich sind, einfach nicht mehr essen. Das geht ein, zwei Tage so, und dann beginnt die ganze Familie zusammenzukommen und zu fragen, „was ist denn los, nun komm schon, sag doch etwas!“

Das hat also seinen Nutzeffekt; es wird auch mißbraucht; aber recht häufig wirkt es als radikale Familienkatharsis. Wie man sieht, die indische, vielleicht generell die asiatische Mentalität läßt die Menschen nicht so sehr gegen andere aggressiv handeln, als vielmehr diese gleiche Energie in Form einer Selbstaufopferung gegen sich selbst zu wenden.

5. Körperbedingte Beschränkungen beim Fasten
Es gibt bestimmte Krankheiten, bei denen man nicht fasten soll. Andererseits kann man bei einigen Krankheiten spezielles Fasten durchführen, wie etwa Saftfasten. Fasten bedeutet innere Reinigung. Falls man eine Art des Fastens länger durchführt, sollte man auch die Regeln der inneren Reinigung kennen. Einige der Hatha Yoga-Übungen erweisen sich dann als hilfreich.

Während einer Fastenperiode muß man entscheiden, welche Stellungen und wie viele man ausführen kann. Dazu muß man jemand Sachkundigen befragen. Man beginne nie eine spirituelle Übung mit dem Ehrgeiz, zum Höchsten, zum Äußersten gelangen zu wollen. Sei maßvoll.

6. Das Vollfasten
Auch hier kann es einen körperlichen oder einen spirituellen Zweck geben. Zwischen dem Körperlichen und dem Spirituellen kann das Fasten die Ausübung der anderen vier „Säulen“ des sadhana auch hier unterstützen.

Ich selbst habe mit allen möglichen Arten des Fastens experimentiert und ihre Wirkung beobachtet: 15 Tage lang nur Gemüse essen, 15 Tage nur Milch trinken, 15 Tage nur Wasser mit etwas Zitronensaft und Honig trinken. All das könnt ihr auch ausprobieren,aber auch hier gilt, man sollte die eigene Fähigkeit einschätzen können und man sollte immer innerhalb der eigenen  Grenzen bleiben.

Das Fasten kann einen finalen Zweck erfüllen. In Indien gibt es die spezielle religiöse Tradition der Jainas. Bei ihnen ist dieser finale Zweck des Fastens wohlbekannt. Wenn ein Mönch oder eine Nonne von hoher spiritueller Entwicklungsstufe entscheidet, daß er/sie den geistigen Zweck seines oder ihres Lebens erfüllt hat, so mag der Mönch bzw. die Nonne aufhören, Nahrung und Wasser zu sich zu nehmen, und so langsam, in tiefer Meditation und unter japa, schließlich den Leib verlassen. Das ist nicht mit Selbstmord zu verwechseln. Suizid ist das Ergebnis einer geistigen Störung; diese Art des Verlassens des Leibs in der Jaina-Tradition ist das Ergebnis vollkommenen geistigen Friedens.

Die dritte Säule des Sadhana

1. Schweigen
1. Das Prinzip des praktizierten Schweigens ist auf der ganzen Welt Teil einer richtigen Erziehung und Teil der Kultur.
Bereits in der Kindheit lehren uns die Eltern, nicht so laut zu schreien oder nicht über andere zu schwätzen, bringen uns also einen gewissen Grad Schweigen bei. Dies ist ein praktisch angewendetes Element des Schweigeprinzips. In manchen Dingen schweigen wir automatisch.

Über gewisse Angelegenheiten zwischen Ehepartnern wird normalerweise öffentlich nicht gesprochen. Hier wollen weder Mann noch Frau das eheliche Vertrauen mißbrauchen. Das Prinzip des Schweigens und der Stille finden wir vertieft im moralisch-ethischen Schweigen: Man kennt das Geheimnis von jemand – und man schweigt darüber.

2. Jede Nacht sind wir gezwungen, acht Stunden lang zu schweigen. Der Schlaf ist eine unfreiwillige Anwendung des Schweigens.

3. Schweigen kann auch Teil der Geduld sein.
Beispiel: Jemand ist zornig, und du bist mit der Person geduldig und schreist nicht zurück. In dem Fall ist Schweigen auch ein Teil des Aktes der Vergebung.

4. Schweigen in Hinsicht auf besondere spirituelle Angelegenheiten.
Man sagt z. B. niemandem sein persönliches Mantra; man schweigt darüber. Der Zweck dieses Schweigens ist, das Mantra in sich selbst aufzunehmen und dessen Energie zu bewahren, die durch Sprechen darüber verloren ginge.

5. Schweigen über spirituelle Erfahrungen
Man spricht nicht über die eigenen spirituellen Erfahrungen zu anderen, es sei denn, man ist Lehrer und einige Hinweise auf spirituelle Erfahrungen könnten für die Schüler hilfreich sein. Prüfe dich, ob du nicht aus dem Ego, aus Prahlsucht über deine spirituellen Erfahrungen sprichst: „Schau, welch große spirituellen Erfahrungen ich mache!“ So wie Ehemann und Ehefrau über gewisse Dinge zwischen ihnen nicht sprechen, so sprechen auch Lehrer und Schüler oder Guru und Schüler nicht über gewisse Dinge zwischen ihnen. Der Guru kennt die Geheimnisse deines Geistes und hält sie vor anderen verborgen. Der Guru enthüllt nichts voreilig über die Zukunft, die er kennt. Er könnte dasitzen und jedes Ereignis, das im Leben eines Schülers stattfinden wird, schildern; aber er schweigt.

6. Schweigen ist auch in den Beziehungen zwischen den Schülern angemessen.
Du weißt zum Beispiel, daß dein spiritueller Lehrer einen Mitschüler tadeltet. Du schweigst darüber. Was zwischen dem Lehrer und einem anderen Schüler abläuft, ist deren Sache; du hast damit nichts zu tun.

Es gibt noch einen anderen Aspekt des Schweigens zwischen Lehrer und   Schüler; er tritt ein, wenn der Schüler zunehmend empfänglich wird für die stille Kommunikation seitens des Lehrers. Diese mag sich in Handlungen des Lehrers äußern, die dem Studierenden etwas anzeigen, ohne daß der Lehrer ein Wort darüber sagt. Oder es kann eine kleine Geste sein, die dem dafür empfänglichen Schüler eine sehr detaillierte Orientierung vermittelt.

Schließlich gibt es die schweigende, ohne jegliche Handlung oder Rede erteilte Belehrung, bei der unmittelbares Wissen vom Geist des Guru zum Geist des Schülers übertragen wird.

7. Zeiten, in denen man zum Zweck spiritueller Praxis schweigen will.
Alle prinzipiellen Regeln, die auf das Fasten angewendet werden, kann man gleichfalls auf das Schweigen anwenden. Angenommen, du hast zwei Stunden im Haus für dich allein, und du beschließt zu schweigen. Im Haus ist niemand zum Sprechen da, also deklarierst du, du übest dich im Schweigen.
Das ist so, wie die Geschichte von einem sehr frommen Mann, die ich vor langem las. Er fastete aus religiöser Überzeugung drei Tage pro Woche. Er war sehr, sehr, sehr arm, und er sagte: „Ich bin doch recht froh, daß ich ein religiöser Mann bin, der drei Tage in der Woche fastet; ich müßte sonst verhungern.“ Verhungern ist nicht gleich Fasten.

Was ist denn der Unterschied zwischen Verhungern und Fasten? In einem steckt die Absicht, im anderen steckt keine Absicht. Ohne Absicht ist es Leiden; mit Absicht wird es zur Reinigung. Beim Schweigen ist es dasselbe.

Wenn man mit dem Schweigen beginnt und sollten es nur ein, zwei Stunden sein, muß man innerlich einen Entschluß fassen, ein sankalpa formulieren: „Ich werde still sein.“ Das bloße Nicht-Reden ist überhaupt kein Schweigen. Das Schweigen muß die Stille des Geistes sein, die Friedlichkeit des Geistes. Welche Art des Schweigens, der Stille demonstrierst du zum Beispiel während jener ein oder zwei Stunden?

Drehst du den Fernseher an? Dann ist das keine Stille. Den emotionalen Aufruhr, die Gedankenkonflikte während dieser Zeit zu befrieden – das ist Schweigen und Stille. Langsam kannst du die Praxis dieses stillen Schweigens vertiefen – und keine Musikkassette anhören, kein Buch lesen, keinen Brief schreiben. Auch nicht herumsitzen und sich langweilen.

Mach etwas mit deinem Geist, übe Kontemplation oder rezitiere dein Mantra. Allmählich verlängerst du deine Zeit der Stille. Es mag ein halber Tag, eine Woche oder länger sein. Auf eines mußt du allerdings achtgeben – viele Leute, die mit der Praxis des Schweigens nicht vertraut sind, können sehr emotional werden. Falls du ehrgeizig bist, kannst du dir ein Ziel setzen: in drei oder in fünf Jahren 41 Tage lang zu schweigen.

Zwei weitere Arten des Schweigens

  • a. Die eine heißt akara mauna; dabei wird nur die sprachliche Kommunikation unterlassen.
  • b.  Die andere heißt kastha mauna und meint jene Qualität des Schweigens, bei der gar nichts mehr ausgedrückt wird, auch nicht mit Augen oder Handgesten.

Es gibt noch eine weitere Unterteilung hinsichtlich der Ebenen des Schweigens:

  • a. Schweigen, anstatt Sprechen, ist eine Ebene.
  • b. Die andere Ebene zeigt die schwierigste Art des Schweigens: man praktiziert die Stille des Geistes, ohne die Rede schweigen zu lassen. Bei dieser Stille des Geistes wird lediglich ein kleiner Bereich des Verstandes zum Sprechen verwendet.

Ein Meditationslehrer sollte Meister in dieser Art des Schweigens sein. Mit solcherart Schweigen kann man Organisationen leiten, an Vorstandssitzungen teilnehmen, alle seine Tätigkeiten ausführen – und trotzdem innerlich still sein. Man braucht diese Art des Schweigens, wenn man mit negativen Emotionen anderer konfrontiert wird. Wenn nötig, kann man sogar protestieren und seinem Ärger Ausdruck geben und erhält doch diese Art der Stille aufrecht.

Im Hindi gibt es das Wort kiriya. Es wird verwendet, wenn jemand auf etwas schwört, und ist die Kurzform für saccha kiriya, was „Akt der Wahrheit“ bedeutet. Ein Akt der Wahrheit wird vollzogen, indem man die akkumulierte Kraft eines bereits lange mit sich getragenen Geheimnisses benutzt. Es kursieren viele Geschichten über solche „Akte der Wahrheit“. Hier ist eine davon.

Es wird erzählt, daß Kaiser Ashoka – im 3. Jhh. v. Chr. – am Gangesfluß stand, in der Nähe seiner Hauptstadt. In der Geschichte Indiens gilt Ashoka allseits als der nobelste Herrscher. Als Kaiser konnte Ashoka natürlich jeder seiner Launen nachgeben; also sprach er zu seinen Ministern: „Ich frage mich, ob es irgend jemandem möglich ist, den Gangesfluß zurück zu den Bergen fließen zu lassen!“ Die Minister wollten den Kaiser nicht aufbringen und sagte sehr sanft: “Eure Hoheit, viele Dinge sind möglich, aber vielleicht gehört diese nicht dazu.“ Eine Kurtisane kam gerade vorbei, und sie sagte: „Ihr seid alle weise Minister, und wer bin ich, daß ich mir in der Gegenwart eines großen Kaisers zu sprechen herausnehme, doch bitte, darf ich mit Eurer Erlaubnis sprechen?“

Also wurde ihr die Erlaubnis gewährt. Sie sagte: „Selbst jemand so Niedriger wie ich kann den Fluß rückwärts fließen lassen.“ Man bat sie, das zu beweisen. Sie stand da, schloß die Augen und tat einen saccha kiriya, einen Akt der Wahrheit. Und der Kaiser sah, daß der Fluß tatsächlich zurück zu den Bergen floß. „Das reicht“, sagte er, „laß den Fluß wieder seinen natürlichen Lauf nehmen.“

Und sie ließ den Fluß wie immer fließen. Der Kaiser und seine Minister fragten sie, was denn ihr Geheimnis wäre. Wie konnte eine Prostituierte solche Macht besitzen? Sie erklärte: „Als ich jung war und die Umstände mich auf diese Lebensbahn brachten, sprach ich zu mir, daß es in diesem Leben recht wenig Gutes zu tun gebe, womit ich mich weiterbringen könne, doch müsse ich wenigstens etwas tun.

Deshalb legte ich vor mir selbst den Schwur ab, daß, obwohl ich das Leben einer Prostituierten führe, ich jeden, der zu mir komme, sei er Prinz oder Aussätziger, in Geist und Körper völlig gleich behandeln werde. Und ich habe mich mein ganzes Leben an diese geheime Wahrheit gehalten. Bis auf den heutigen Tag habe ich nie darüber gesprochen.

Kraft der Macht dieser Wahrheit konnte ich den Fluß rückwärts fließen lassen.“ Doch zur Erlangung solcher Macht muß man seine Wahrheit als Geheimnis bewahren. In der nächsten Ausgabe lesen Sie über Enthaltsamkeit und die Überwindung des Schlafs.Anzeige