Schwer zu fassen, aber kraftvoll zu spüren – ein Annäherungsversuch an eine komplexe Tradition.
Im großen Mosaik der Yogarichtungen gehört Kriya Yoga zu den ältesten Traditionen und vermutlich auch zu den bekanntesten. Nicht zuletzt dürfte beispielsweise die berühmte und inspirierende „Autobiographie eines Yogi“ von Paramahansa Yogananda dazu beigetragen haben, dass Kriya Yoga  einer enormen Vielzahl Yoga-Interessierter und -Praktizierender zumindest ein Begriff ist. Indes haben wohl viele dennoch keine konkrete Vorstellung, was genau nun diese Yogarichtung charakterisiert – schon allein da sie eben sehr alt ist und im Laufe der Zeit viele große Lehrer und Meister und leicht divergierende Unterzweige hervorgebracht hat, ist es nicht unbedingt verwunderlich, dass man sich etwas intensiver mit dem Kriya Yoga befassen muss, um Ein- und Überblick zu erlangen. Hinzu kommt, dass die spezifischen Lehren bzw. Techniken dieser Richtung sozusagen nicht gerade an die große Glocke gehängt werden, sondern nur diejenigen in sie eingeweiht werden, die sich entschieden haben, den Kriya Yoga auch tatsächlich zu erlernen und zu üben. Das hat mit der Komplexität dieser Methode zu tun, die allein mit Worten schwer vermittelbar ist und für welche daher die persönliche Anleitung durch einen erfahrenen Lehrer als erforderlich gilt.

Etwas widersprüchlich dazu wird Kriya Yoga allerdings in der „Autobiographie eines Yogi“ als eine einfache, psycho-physiologische Methode und sogar als „Schnellstraße zur Erleuchtung“ bezeichnet. Zum einen ist dazu anzumerken, dass die ungeheure Geschwindigkeit in Relation zu einer ohne die Hilfe yogischer Methoden ablaufenden Bewusstseins-Evolution zu verstehen ist, zum anderen aber auch, dass heute teilweise ein etwas verkürzter Kriya Yoga gelehrt und praktiziert wird, der nur einige ausgewählte Elemente dieser ursprünglich sehr umfassenden Tradition berücksichtigt. Diese reduzierte Form jedoch stellt sicherlich auch einen Kompromiss bezüglich der Umsetzbarkeit oder mehr noch der Umsetzungsbereitschaft der Mehrzahl der Menschen dar – gäbe es nur die Alternativen „ganz oder gar nicht“, würden sich viele vermutlich für „gar nicht“ entscheiden. Ohne aber gleich in eine Erörterung einzusteigen, ob die Essenz des Kriya Yogas den Verzicht auf einen Teil der alten Praktiken erlaubt und unter welchen Voraussetzung diese Essenz erfahren werden kann, soll zunächst unter Berücksichtigung verschiedener Quelltexte beschrieben werden, was sich eigentlich der Beschreibung entzieht.

Bei Kriya Yoga handelt es sich wie auch bei den anderen Wegen des Yoga um eine dogmenfreie, religionsungebundene Methode, ausgeübt mit dem Ziel, sich von den Ich-bezogenen, illusionären Anhaftungen zu befreien und so wahre Selbstverwirklichung zu erlangen. Kriya Yoga  (Kriya=„Handlung“,“Ausüben“, „Ritus“, herrührend von der der Sanskrit-Wurzel kr-„tun“) kann verstanden werden als ein Yoga, bei dem das Bewusstsein der eigentlichen Seele und der Einheit mit dem Göttlichen in jeder Handlung des täglichen Lebens präsent ist. Zugleich kann der Begriff „Kriya“ auch auf die Aktivität des Bewusstseins bezogen werden, das in stetiger Bewegung bleibt und verfeinert und erweitert wird.

Im Yogasutra ist die Rede von Kriya Yoga als Praxis von Tapas (im Sinne positiver geistiger und spiritueller Übungen), Svadhyaya (Selbststudium, damals allerdings primär als Studium der heiligen Schriften verstanden) und Ishvara-Pranidhana (Darbringen aller Handlungen an das Göttliche). Hieraus wird bei weitem nicht der gesamte Umfang des Kriya Yoga deutlich, so gehören zum Kriya Yoga z.B. auch Techniken der Kundalini-Erweckung. Eine Schlüsselrolle spielen neben Meditationstechniken vor allem spezielle machtvolle Pranayama-Praktiken, wobei immer wieder die Wissenschaftlichkeit der Methode betont wird. Ein Wesenszug des Kriya Yoga besteht also darin, für die Realisierung der göttlichen Seele den Atem zu nutzen, den schon die alten Rshis als subtile Verbindung zwischen physischer Existenz und Seele erkannt hatten. Die Verfeinerung von stofflicher Energie und Bewusstsein wird insbesondere über eine Neuausrichtung des Stroms der Lebensenergie (prana) rund um die Wirbelsäule herum angestrebt: anstatt Prana nach außen zu den Sinnen fließen zu lassen, wird er nach innen gelenkt. Bei dieser Art von Pranayama wird dem menschlichen Blut Kohlendioxyd entzogen und Sauerstoff zugeführt. Eine solche Praktik beschreibt Krishna in der Bhagavadgita (4.29) mit den Worten:

„Andere wiederum bringen die Einatmung der Ausatmung dar und die Ausatmung der Einatmung, indem sie beide Atemströme beherrschen und in tiefer Konzentration auf die Lebenskraft sind.“ Die mit den feinen Elixieren der Wirbelsäule verbundene Energie beruhigt die energieraubenden mentalen Prozesse und wenngleich sie von den körperlichen Prozessen zurückgezogen wird, wird sie gerade dadurch auch für die Körperzellen zu einem Lebenselixier. Durch die Harmonisierung der physischen, psychischen und mentalen Energien ergibt sich die für die Meditation erforderliche Konzentration wie von selbst, ohne dass man sich mühsam dazu zwingen muss. Insofern ist Kriya Yoga in der Tat erfreulich einfach – ein wahres Geschenk für alle, die gern meditieren möchten, es aber immer wieder schwierig finden, den unruhigen Geist nicht abschweifen zu lassen.

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Einweihungen
Dass man nicht häufig auf genaue Beschreibungen von Kriya Yoga stößt und es nur im Rahmen von Einweihungen wirklich erlernen kann, hat nichts mit Elitegehabe oder dergleichen zu tun. Stattdessen steht dahinter vor allem die Überzeugung, dass es besser ist zu handeln als große Worte zu machen und dass viel Gerede der Sache eher schaden als dienen könnte. Wenn man sich hier aber an Worte halten wollte, so weist ja bereits der Name Kriya Yoga darauf hin, dass es sich um etwas dem Wesen nach in der Praxis Vollzogenes handelt. Es ist ein Prozess, dessen Essenz sich nicht mit Worten fassen sondern nur erleben lässt. Wer Kriya Yoga lernen möchte und sich an die unterrichtenden Schulen, Lehrer und Organisationen wendet, erhält natürlich die nötige Anleitung, aber auch unter den Schülern und Eingeweihten gilt es als wichtig, untereinander nicht zuviel über das Erlernte und ihre eigenen Erfahrungen damit zu sprechen. Unter anderem spielt hier wohl eine Rolle, dass das In-Worte-Fassen das Erfahrene auf die Gedankenebene ziehen und in Schubladen einsortieren würde und dass man sich selbst und andere dadurch möglicherweise in der Unvoreingenommenheit für das weitere spirituelle Erleben beeinträchtigen könnte. Für Einweihungen in den Kriya Yoga wird eine gewisse Vorbereitung als wichtig erachtet. Gemeint ist nicht, dass man bereits ein großer Yogi sein muss, Vorerfahrung kann sich manchmal sogar als eher hinderlich erweisen. Auch ist für den Kriya Yoga weder Gelenkigkeit von Nöten, noch sonst irgendeine besondere Befähigung. Jeder, der den Wunsch dazu hat, kann Kriya Yoga ausüben. Es wird jedoch empfohlen sich, schon vorher mental auf die Veränderungen einzustellen und dafür bereit zu machen, indem man z.B. innere Stille und yogische Reinigungstechniken praktiziert und auch die Beherrschung gewisser Mudras und Bandhas spielt als Vorbedingung für den eigentlichen Kriya Yoga eine Rolle. Üblicherweise kann man Kriya Yoga auch nicht in Crashkursen lernen – entweder die Einweihungsseminare selbst beinhalten eine Phase der Vorbereitung oder für die Teilnahme daran wird der vorherige Besuch einführender Kurse vorausgesetzt.

Die Einweihung in den Kriya Yoga wird zumeist in mehreren Stufen vollzogen, wobei immer noch dieselben Zeremonien verwendet werden, mit denen schon die ersten Meister eingeweiht wurden, bis zu denen sich der Kriya Yoga zurückverfolgen lässt.

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