Wohl kaum eine spirituelle Praxis wird so missverstanden wie Tantra. YOGA AKTUELL fragte führende Tantra-Anbieter nach ihrer PerspektiveTantra wird hier im Westen in erster Linie mit Sex in Verbindung gebracht. Wie kommt es Ihrer Meinung nach dazu? Wolf Schneider: Sex gilt als tierisch, und das Tierische als unspirituell. Nicht nur bei uns im Westen, auch in den Köpfen der Menschen anderer Kulturen klaffen diese beiden Bereiche weit auseinander. In der klassischen indischen Kultur aber, teils auch in China und bei einigen Naturvölkern, gibt es Traditionen spiritueller Sexualität, die man unter dem Oberbegriff Tantra zusammenfassen kann. Bei uns im Westen hingegen ist das noch neu. Hellwig Schinko: Der Import tantrischer Ideen in den Westen fiel zeitlich mit der „sexuellen Revolution“ der 60er und 70er Jahre zusammen, und so fokussierte man von Anbeginn auf die Befreiung der Sexualität und auf das Experimentieren mit neuen Lebens- und Beziehungsformen. Saleem Matthias Riek: Wir sind in unserer Kultur nach wie vor sexuell tief verwundet. Die alten Tabus sind nur an der Oberfläche aufgebrochen, und statt einer echten Befreiung sind all die sexuellen Leistungsanforderungen hinzugekommen. Tantra ist eine der wenigen spirituellen Traditionen, die unsere Sexualität voll bejaht und mit spirituellem Wachstum verbindet. Wenn heute beim Tantra vor allem die sexuellen Aspekte wahrgenommen werden, hat das aber mehr mit unseren Verletzungen als mit Tantra zu tun. Der sexuelle Tunnelblick auf Tantra als eine exotische sexuelle Spielart ist selbst Ausdruck einer Wunde wie auch der Sehnsucht nach deren Heilung. Bjørn Leimbach: Dies ist ein ähnliches Phänomen, wie wir es in der Werbung beobachten können:  Sexualität in möglichst originellen oder exotischen Facetten wird als Teaser benutzt, um Aufmerksamkeit zu bekommen. In einer durch visuelle Medien geprägten Gesellschaft sind wir täglich mit Nacktheit und Sexualität in der Medienwelt konfrontiert, die Kluft zum eigenen Erleben wird jedoch immer größer. Die Auswertung […]

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