Christoph Quarch ist Autor der Bücher „Die Erotik des Betens“ und „Flirten mit Gott“.  Im Gespräch mit YOGA AKTUELL zeigt er auf, wie Erotik unsere Spiritualität beseelt

Anzeige

In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Was haben Sinnlichkeit, Erotik und Leidenschaft bitteschön mit Spiritualität zu tun? Halten diese Aspekte uns nicht eher davon ab, uns ganz dem Göttlichen hinzugeben? Keineswegs! – Behauptet der deutsche Philosoph Christoph Quarch, der in seinen Büchern und Seminaren für eine sinnliche Spiritualität plädiert und die Leser seines neuen Buchs sogar dazu einlädt, mit Gott zu flirten. Für ihn ist eine leidenschaftliche Hingabe auf dem spirituellen Weg sogar essenziell, und in seinen Augen ist es an der Zeit, den Eros in der Spiritualität neu zu beleuchten und ihn nicht mehr als etwas Schmuddeliges oder Sündhaftes darzustellen, sondern ihn zu dem zu rehabilitieren, was er im ursprünglichen Sinne ist: ein leidenschaftlicher Mittler zwischen Seele und Gott.

YOGA AKTUELL: In Ihren Büchern geht es immer um Sinnlichkeit, Erotik und Leidenschaft in Bezug auf die spirituelle Praxis. Wie kam es zu diesem Themenschwerpunkt in Ihrer Arbeit als Autor?

Christoph Quarch: Ich bin aus verschiedenen Richtungen auf dieses Thema zugesteuert. Zu einem gewissen Grad hat das mit meiner ganz persönlichen Biografie zu tun, zu einem großen Maße aber auch mit meinen philosophischen und spirituellen Interessen. Ich habe in der Vergangenheit unterschiedliche Weisheits- und Übungswege erprobt, die mich aber alle nicht wirklich befriedigten. Teils waren sie mir zu asketisch, teils zu vergeistigt, teils zu verkopft. Nach einigen Umwegen über asiatische Traditionen bin ich zuletzt dort gelandet, wohin mich schon immer meine Neigung zog, bei dem, was mich schon immer hingerissen hat: bei der antiken griechischen Weisheit und Kultur. Hier – vor allem im Platonismus – habe ich eine integrale Deutung der Welt und des Lebens gefunden, die ganz im Zeichen gelingender, heiterer und ganzheitlicher Lebendigkeit steht und in deren Zentrum als wichtigste Kraft und Energie der Eros tanzt: Eros als ein innerer Antrieb, der uns dazu anspornt, unser Potenzial zu entfalten, Leben in Fülle zu bejahen und nichts Lebendiges zu unterdrücken.

Was genau verstehen Sie unter „Erotik des Betens“ oder „Flirten mit Gott“, zwei Titeln Ihrer Bücher?

Erotik ist in meinem Verständnis eine Beziehungsqualität. Wenn ich ein erotisches Verhältnis eingehe, dann lasse ich mich dabei ganz auf die Geliebte ein, lasse mich von ihr hinreißen, gebe mich ganz ihrem Sog hin. Darin erfahre ich ein höchstes Maß an Verbundenheit und Verbindlichkeit, weiß mich darin aber gleichzeitig absolut frei, da ich mich in meiner Hingabe ebenso wie die Geliebte ohne Wenn und Aber bejahen kann. Bei alledem aber bleibt die Unverfügbarkeit des anderen gewahrt. Wo Eros waltet, bleiben das Geheimnis und die Andersartigkeit, das Fremde und Unverfügbare der Geliebten unangetastet. Das unterscheidet Erotik von Pornografie. In einem erotischen Verhältnis spielen Verbergen und Enthüllen ineinander, in der Pornografie wird alles nackt in grelles Licht gezerrt. Da ist kein Platz für das Geheimnis, kein Platz für das Spiel. Genau das aber braucht es nach meinem Verständnis in menschlichen Beziehungen, und ebenso in unserer Beziehung zum Heiligen. Mir schwebt eine dialogische Spiritualität vor, die sich dem Göttlichen in liebender Verbundenheit, dabei aber spielerischer Freiheit zuwendet – mit offenem Ausgang. Dafür scheint mir der Flirt eine passende Metapher zu sein: ein zärtliches Sich-Einspielen auf das Unbekannte, Mysteriöse; ohne es in Dogmen fixieren zu wollen, ohne es sich in mystischer Ekstase einverleiben zu müssen, ohne es durch bestimmte Praktiken herbeizuzwingen.

Wie kam es Ihrer Meinung nach zu der Abspaltung der Sinnlichkeit in der Kirche?

Das lässt sich relativ präzise rekonstruieren. Die ersten Jahrhunderte unserer Zeit, also die römische Kaiserzeit, waren auch außerhalb der jungen christlichen Gemeinden geprägt von einem sinnesfeindlichen – oder zumindest sinnesskeptischen – Geist. Unter dem Einfluss des römischen Stoizismus meinte man damals, Sinnlichkeit, Sexualität, Erotik allenfalls als lästige Übel in Kauf nehmen zu müssen, da sie für die Fortpflanzung unentbehrlich sind. Diese rechtfertigende Funktion wollten einige führende christliche Theologen aber nicht mehr anerkennen, da nach ihrem Verständnis das Ende der Zeiten ohnehin anstehe und es deshalb keinen Sinn mehr habe, Kinder zu zeugen. Vielmehr sei es geboten, sich in Keuschheit und Besitzlosigkeit auf das Himmelreich vorzubereiten. In diesem geistigen Klima vollzog sich das, was ich den theologischen Sündenfall nenne: Das zentrale Motiv der Verkündigung Jesu von Nazareth, die Liebe, wurde seiner erotischen und sinnlichen Komponenten beraubt. Liebe erschien nicht mehr als „erotikon pathos“, als erotische Leidenschaft, wie Gregor von Nyssa noch sagen konnte. Sie wurde zu einer rationalen Tugend des Willens. Und Eros wurde als sündhafte und gefährliche „irdische Liebe“ der „himmlischen Liebe“, der Caritas, gegenübergestellt.

Sie sprechen in Ihrem neuen Buch „Flirten mit Gott“ über die christliche Kirche, die sich in einer dramatischen Krise befindet, weil ihr die sinnlich-leidenschaftliche Spiritualität verlorengegangen ist. Gilt das nicht auch für andere Religionen?

In der Tat scheint mir eine ähnliche Dynamik in allen großen monotheistischen, teilweise aber auch in den östlichen Religionen beobachtbar zu sein. Vermutlich hängt das mit einer evolutionären Tendenz zusammen, die in allen Kulturen dazu geführt hat, dass sich Menschen stärker als Ego deuten und meinen, kraft ihres Wollens, Könnens und ihrer Macht nicht nur ihr Leben zu meistern, sondern auch zur spirituellen Vollendung zu gelangen. Eine erotische Leidenschaftlichkeit und Hingabe passt dazu schlecht. Für die christliche Tradition ist diese Abspaltung von Eros und Religion allerdings besonders fatal, weil das Christentum dadurch sein ur­eigenes Kernkonzept, die Liebe (griechisch: Agape), verrät.

Sprachgeschichtlich lässt sich zeigen, dass Agape ursprünglich eine erotische Beziehung meinte. Dadurch, dass sie von der westlichen Theologie zur moralischen Haltung der Caritas transformiert wurde, wurde sie bis zur Unkenntlichkeit verzerrt.

Immer wieder kommt – egal in welcher Religion – sexueller Missbrauch vor. Selbst bei Yogalehrern, die nicht in einem monastischen Kontext leben, oder bei bekannten buddhistischen Lehrern ist Missbrauch von Schülerinnen immer wieder ein Thema. Wie kommt es Ihrer Meinung nach dazu?

Der Religionsforscher Walter Schubart hat in seinem epochalen Werk „Religion und Eros“ geschrieben: „Wo Eros und Religion sich trennen, wird er gemein, und sie erkaltet.“ Ein überaus wahres Wort. Alle spirituellen Wege, die Eros und Religion trennen, laufen Gefahr, einerseits in einen kalten Dogmatismus, in leere Rituale und erstarrte Institutionen zu führen und andererseits Eros zu einer lieblosen, gefühllosen, geistlosen Sexualität zu transformieren. Asketische Wege wie Yoga, Zen oder das zölibatäre Chris­tentum sind deshalb besonders anfällig für einen „gemeinen Eros“. Und das wird so lange so bleiben, wie nicht die sinnliche, leidenschaftliche, körperliche Komponente der Liebe – Eros – als eine genuin spirituelle Kraft wiederentdeckt wird. Ganz im Sinne Platons, der lehrte, Eros sei der Vermittler zwischen Mensch und Gott.

Würde der Missbrauch abnehmen, wenn Sinnlichkeit und Erotik mehr mit in die spirituelle Praxis einbezogen würden?

Am wichtigsten erscheint mir ein Umdenken, eine Transformation unseres Bewusstseins. Wir müssen begreifen, dass wir unserer Lebendigkeit nur dann gerecht werden, wenn wir der unseligen Trennung von Geist und Materie, Bewusstsein und Körper abschwören. Als Körper sind wir Geist, als Geist sind wir Körper. Und worum es geht, ist auf eine Weise zu leben, dass die Körper-Geist-Einheit, die wir ja sind, ihre Lebendigkeit in Fülle entfalten kann. Eros ist die uns allen innewohnende Kraft, dieses Potenzial zu entfesseln. Deshalb durchdringt er uns in unserer Körperlichkeit genauso wie in unserer Geistigkeit. Er ist die treibende Kraft in der Sexualität genauso wie in der Spiritualität. Alle seine Erscheinungsformen sind heilig. Es geht daher nicht darum, Erotik in die spirituelle Praxis einzubeziehen, sondern Sex und Erotik als spirituelle Praktiken zu verstehen und zu feiern; ohne irgendein spirituelles Eso-Gesäusel, sondern sie ganz einfach in ihrer alltäglichen Erscheinungsform als Fest zu Ehren der Götter zu feiern.

Wie können wir selbst eine erotisch-sinnliche spirituelle Praxis entwickeln?

Indem wir spielen. Eros ist ein Kind, das spielt. Erotische Liebe genügt sich selbst, sie fordert keine Erlösung, kein Heil, keine Erleuchtung. Und sie nimmt sich nicht zu ernst. Denn es geht ihr ja nicht um sich selbst, sondern sie schwebt im Sog des Geliebten, des Heiligen. Ich meine, wir sollten weder unsere spirituellen Ansprüche übermäßig ernst nehmen, noch unsere sexuellen Ansprüche. Wer vom Eros beseelt ist, weiß, dass es nicht um ihn geht, sondern darum, mit dem großen, göttlichen Leben in Resonanz zu sein, das Leben zu feiern, indem man es spielt. Und dazu gehören selbstverständlich genauso Niederlagen und Verletzungen, Grenzen und Tod. Eros stört sich daran nicht. Er weicht dem nicht aus, macht sich wissentlich verletzbar und wehrlos. Aber das ist ein Mysterium, das hier nur angedeutet sein kann.

Welche Techniken sind besonders hilfreich, um eine solche sinnliche Spiritualität zu entwickeln?

Gar keine. Eine erotische Spiritualität kann nur leben, wo wir aller Technik entsagen. Wer nach Techniken und Methoden fragt, will etwas machen, ist vom Willen zur Macht bewegt, nicht von Eros. Er vertraut auf sein Leistungsvermögen und nicht auf das Leben. Das Einzige, was es um Eros’ willen zu tun gibt, ist, sich mitten im ganz stinknormalen Leben zu öffnen, sich empfänglich zu halten, berührbar zu machen; so können wir einen Raum öffnen und Eros einladen. Ob er aber kommt oder nicht, liegt an ihm, nicht an uns. Eigentlich wissen wir das: Wenn wir uns verlieben, ist das immer ein Geschenk, eine Widerfahrnis – und niemals das Ergebnis einer Technik oder spirituellen Schulung.

Wie kann ich Zugang zu einer sinnlichen Spiritualität finden, wenn ich tendenziell eher rational, unsinnlich und spröde bin?

Es gibt eine Erotik des Körpers, eine Erotik der Sinne, eine Erotik der Ratio. Wenn ich nicht fühle, wie hinreißend das Heilige in der Welt ist, wenn ich die Schönheit der materiellen, sichtbaren Welt nicht sehe, so kann ich sie doch denken. Schon manche große Liebe wurde durch Einsicht entfacht. Warum nicht auch die Liebe zum Göttlichen?

Kann eine sinnlich-erotische Spiritualität uns wirklich in die Tiefe führen, oder laufen wir dabei nicht Gefahr, uns in der Sinnlichkeit zu verlieren?

Rumi sagte: „Die Liebe packt uns alle beim Genick und schleppt uns Zappelnde zu Gott.“ Ich glaube nicht, dass wir uns in Sinnlichkeit verlieren können. Denn Sinnlichkeit, die wirklich Sinnlichkeit ist, bringt uns immer in die Wirklichkeit – unsere Sinne sind das Tor zur Welt. Worin wir uns verstricken, sind nicht unsere Sinne, sondern unser Wollen und unser Werten, unsere Konzepte und unsere spirituelle Eitelkeit. Eros bleibt auf der Strecke, wenn wir sagen: „Oh, dieser Taumel der Sinne, so soll es immer sein, das will ich auskosten; oh, ich hatte eine Erfahrung, ich bin ein spiritueller Mensch.“ Wo wir so denken, haben wir Eros bereits verjagt und unsere Konzepte und Ideen an seine Stelle gesetzt. Eros hingegen zieht uns immer mehr in die Welt hinein, bis wir uns zuletzt liebend – und zwar sinnlich liebend – zu allem verhalten können. Gerade weil er unsere gängigen Konzepte und Werte unterläuft. Eros ist subversiv.

Welchen Tipp können Sie jenen Lesern geben, die eher über Leistung und Abstinenz einen Zugang zu Gott finden und sich mit dem spielerisch-sinnlichen Zugang schwerer tun?

Halten Sie’s mit den Beatles: Let it be!

Herzlichen Dank für das Interview!

INFOS
Christoph Quarch, Philosoph aus Leidenschaft, hat in Heidelberg und Tübingen Philosophie und Theologie studiert, eine Doktorarbeit über die Seele bei Platon geschrieben und an verschiedenen Universitäten unterrichtet. Immer bewegt von dem Wunsch, dem Leben tief ins Herz zu blicken – wie Nietzsche es einmal gesagt hat. Sein Ziel: Philosophie und Lebenskunst vermitteln.

Internet: www.lumen-naturale.de

Bücher von Christoph Quarch:

  • Die Erotik des Betens. Eine mystische Gebetsschule von Mechtild von Magdeburg und Rumi, Kösel Verlag 2007
  • Flirten mit Gott: Warum Christsein Sinnlichkeit und Leidenschaft braucht, Pattloch Verlag 2012

Anzeige

Teilen
Vorheriger ArtikelLiebe in Indien
Nächster ArtikelBhakti-Yoga mitten im Leben
Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.