Sehnsucht nach Vereinigung und Anziehung ist eine Kraft, die dem ganzen Universum zugrunde liegt. Liebe ist auf psychologischer Ebene die Manifestation dieser Kraft. Jeder Mensch hat die Freiheit zu wählen, auf welcher Ebene er diese Kraft zum Ausdruck bringen möchte
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Wenn wir im Metropolitan Museum oder im Louvre vor einem alten Meister stehen, tun wir gut daran erst einmal einen Schritt zurückzutreten, um das Gemälde in seiner Gesamtheit betrachten zu können und auch zu würdigen. Stehen wir nämlich zu dicht davor, werden wir durch die Pinselstriche und die aufgerissene Farbe abgelenkt. Aus angemessener Entfernung jedoch offenbart sich uns die Gestalt selbst und wir können mit unserem ganzen Wesen darauf antworten.

Ich glaube, das gleiche gilt auch für alle anderen Aspekte des Lebens. Sich das größere Bild zu vergegenwärtigen, ist immer angemessen und erstrebenswert. Nur so können wir die Dinge in ihrem richtigen Zusammenhang erfassen. Schließlich ist es immer der Zusammenhang von etwas, der einen Sinn und eine Bedeutung für uns schafft. Notwendigerweise enthält der Zusammenhang die gesamte Dimension der Zeit – also auch die Dauer von Geschichte.

Größere geschichtliche Zusammenhänge zu betrachten scheint besonders dann wichtig zu sein, wenn wir uns dem Thema Sexualität zuwenden. Wir haben heutzutage die Angewohnheit, das große Mysterium der Sexualität mit bloßen, in den Genitalien fixierten Empfindungen zu verwechseln. Unsere Vorfahren jedoch waren sich dieses unbegrenzten Mysteriums sehr wohl bewusst.
Was die Beschäftigung mit Sexualität anbelangt, ist unsere Zeit sicherlich nicht einmalig, wenngleich unsere westliche Zivilisation mit ihrer Besessenheit auf genitalen Sex und Orgasmus ziemlich alleine dastehen mag. Der Orgasmus ist eine kurze Entladung neuraler Energie, die für einen kleinen Moment unser Bewusstsein mit lustvollen Gefühlen überflutet und unsere Sorgen und Ängste darin ertränkt. Darauf folgt typischerweise ein Absinken der Bioenergie, die sich, je nach Vitalität und Gesundheit der Person, in einer schläfrigen Art von Entspannung oder Erschöpfung äußert. Der Orgasmus bewirkt nicht selten eine unzufriedene und depressive Stimmung, die uns dazu führt, den Akt zu wiederholen, was die Dinge oftmals nur noch verschlimmert.

Betrachten wir nun jedoch das größere Bild: Der Orgasmus ist nur ein kleiner Knall verglichen mit der gewaltigen Explosion, die, wie uns die Kosmologen erklären, das Weltall hervorbrachte. Die orgastische Erregung, die von vielen Millionen Menschen erfahren oder gesucht wird, ist immer noch durch dieses kataklystische Ereignis am Anfang unseres Universum geprägt. Die Tatsache, dass sich Liebende nicht nur der Zeugung wegen einander zuwenden, sondern auch, um sich Genuss, und seltener vielleicht, Glückseligkeit in ihrem Körper und Geist zu verschaffen, wurde bereits in der Ursuppe des Gesamtsystems angelegt.

So weit uns bekannt ist, entstand der Kosmos, so wie wir ihn kennen, vor 15 Milliarden Jahren. Die Kosmologen behaupten kühn, dass sie langsam zu verstehen beginnen, wie dieser großartige Prozess stattfand. Sie müssen aber gleichsam zugeben, dass sie uns die Gründe für die Entstehung nicht erklären können. Dennoch ist klar, dass sich scheinbares Chaos von alleine in Ordnung verwandelte, und dass innerhalb dieser Ordnung das Wunder der sexuellen Differenzierung und des menschlichen Bewusstseins entstand.

Die Reise vom Chaos zum Kosmos beinhaltet viele Stufen. Die meisten werden nur unvollständig verstanden und letzten Endes bleiben sie in der endlichen Sprache der Wissenschaft unaussprechlich. Die Geschichte von der Geburt des Kosmos wurde bislang auf unterschiedlichste Weise erzählt. Es gibt die traditionellen Mythologien, einschließlich der des Christentums, und die Mythologie der modernen Kosmologie, gestützt auf die Quantenphysik und Mathematik. Neuerdings findet zwischen den Modellen der zeitgenössischen Kosmologen und den mystischen Geschichten der Traditionalisten eine merkwürdige Annäherung statt.
Der Kosmologe Brian Swimme z.B. versucht in seinem Buch „Das Universum ist ein grüner Drache“ diese beiden Auffassungen bewusst miteinander zu verknüpfen. In dem Buch gelingt es ihm, das neue Schöpfungsmodell in einem Dialog zu entwickeln. Das Gespräch findet zwischen „Youth“ (er symbolisiert die menschliche Rasse, die in der kosmischen Szene jung auftritt) und dem scharfsinnigen „Thomas“ (der Name ist zu Ehren von Swimmes Lehrer Thomas Berry) statt. Swimme lässt Thomas folgende bedeutsame Worte sprechen:

“Wenn wir etwas lernen möchten, müssen wir vom Kosmos, der Erde und den Lebensformen ausgehen.
Liebe beginnt als Verlockung – als Anziehungskraft. Stell dir den gesamten Kosmos vor: alle 100 Milliarden Galaxien wie sie durch den Raum stürmen: die grundlegende Dynamik auf der kosmischen Skala ist die Anziehungskraft die jede Galaxie für jede andere hat.” [1]

Und Thomas fährt fort:

“Die Anziehungskraft ist eine gewaltige und geheimnisvolle Tatsache der Existenz. Wir wachen auf und entdecken, dass diese verführerische Aktivität die grundlegende Wirklichkeit des makroskopischen Universums ist.” [2]

Wir können diese kosmische Verführung oder Liebe genauso gut Eros („Begierde“) nennen. Platon verstand den Begriff tatsächlich so. Eros ist ein tiefes Verlangen nach Vereinigung. Selbst wenn Platon erklärt, Eros befinde sich in der Mitte zwischen Haben und Nicht-Haben, ist in der Begierde der Wunsch inbegriffen, vom begehrten Objekt Besitz zu ergreifen. Deshalb wird Eros mit Recht als „auf Erwerb gerichtete Liebe“ umschrieben.

Diese Definition ist aber etwas irreführend, weil Eros versucht, sein begehrtes Objekt durch direkte Teilnahme in den eigenen Seinzustand aufzunehmen. Dies wird besonders dann deutlich, wenn das begehrte Objekt das Göttliche selbst ist. Wie kann ein sterbliches Wesen jemals behaupten, das Göttliche zu erwerben oder gar zu besitzen.
Die Botschaft aller mystischen Traditionen ist, dass das Göttliche, da es kein Ding ist, auch nicht wie ein Ding behandelt werden kann. Der Mystiker kann nur an ihm teilhaben und es in diesem Sinn „besitzen“ oder passender formuliert: von ihm „besessen sein“. In der Mystik geht es um Vereinigung von Mystiker und dem Göttlichen. Und die Antriebskraft hinter dieser unio mystica, die diese Vereinigung ermöglicht, ist Eros.

Der platonische Eros ist die Sehnsucht das höchste Glück durch die Vereinigung mit dem höchsten Guten, dem Göttlichen, zu erlangen. Der Durst nach Unsterblichkeit ist einerseits ein eigennütziges Verlangen, aber auch gleichzeitig ein Verlangen kosmischen Ursprungs.

Mindestens ein Jahrtausend zuvor, wurde Platons Begriff des Eros von den sanskrit-sprechenden Weisen Nordindiens mittels der Idee von kama („Verlangen“) beschrieben. In der archaischen Rig-Veda, die auf das 2. Jahrtausend v. Chr. datiert wird, wahrscheinlich aber noch ein oder zwei Jahrtausende älter ist, finden wir beispielsweise diese Hymne:
“Am Anfang kehrte das Verlangen in das Universum zurück;

Das Verlangen war der erste Samen des Geistes. Durch die auf das Herz gerichtete Intuition entdeckten Weise das verwandtschaftliche Band zwischen dem Existierenden und dem Präexistierenden.” [3]

Die vedischen Seher-Barden wurden von dem universalen Verlangen nach Vereinigung getrieben. Sie zogen ihre Aufmerksamkeit von der äußeren Welt ab und richteten sie ganz auf die verborgene Passage im Menschen – auf das Herz. Durch ausgedehnte Meditation entdeckten sie hier die höchste Wirklichkeit, die vor aller kosmischen Existenz steht. Diese Wirklichkeit nannten sie „präexistierend“ oder das „Nicht-existierende“ wie einige Übersetzer das Sanskrit Wort asat wörtlich wiedergeben.
Verlangen, oder kama, ist das, was der Welt Struktur verleiht. Von kama bezieht die Welt ihr verborgenes Ziel – auf griechisch telos genannt. Dies offenbart sich in dem Drang, eine Vereinigung der getrennten Teile kosmischer Existenz zu erreichen. Kama ist die treibende Kraft des Universums. Diese Idee wird auch im Epos Mahabharata zum Ausdruck gebracht, das lange vor der oben genannten Stelle aus der Rig-Veda verfasst wurde:

“Ohne kama verlangt man keinen materiellen Wohlstand;
Ohne kama wünscht man keine Tugend;
Ohne kama gibt es kein Verlangen. Deshalb ist kama etwas ganz besonderes.
Sogar die Weisen, welche Askese praktizieren, unterliegen dem kama.” [4]

Diese Stelle legt dar, dass das Verlangen allem menschlichen Handeln zugrunde liegt, selbst  Handlungen – wie Askese -, die nicht auf weltliche Ziele ausgerichtet sind. Sogar auf dem spirituellen Weg, der auf die Befreiung von den Fesseln der Ego-Persönlichkeit gerichtet ist, ist Verlangen die treibende Kraft. Der Asket muss die Befreiung oder Vereinigung mit dem Göttlichen wollen, nicht nur um seiner Enthaltsamkeit einen Sinn zu verleihen, sondern auch um mit ihr Erfolg zu haben.

In der Tat zählen die heiligen Schriften des Hinduismus das Verlangen nach Befreiung (mumukshutva) als wesentliche Voraussetzung des spirituellen Lebens auf. Sie meinen, Verlangen nach Befreiung sei die höchst mögliche Form von kama auf der Ebene der menschlichen Existenz. In unserer Welt offenbart sich kama jedoch in den meisten Fällen als ein Verlangen, das am anderen Ende des Spektrums men-schlicher Motivation angesiedelt ist – als ein rein sexuelles Verlangen, als Sexualdrang.

Eros und das sexuelle Spiel
Der kosmische Eros ist die Grundlage des sexuellen Wechselspiels zwischen den Menschen. Bei allem, was wir tun, geht es immer um Anziehung und Verlockung. Das, was wir Liebe nennen, ist auf psychologischer Ebene die Manifestation des Gesetzes von der Anziehungskraft. Der erotische Impuls, welcher Vereinigung sucht, ist nichts als der körperliche Ausdruck dieser „Liebesgravitation“. Der Sexualtrieb ist in seinem gewöhnlichen Verständnis lediglich ein beschränkterer Aspekt des kosmischen Eros: Das Universum selbst ist ein leidenschaftlicher, erotischer, sexueller Prozess.

Dieses universale Liebesspiel ist in den traditionellen Mythologien, die mit sexuellen Metaphern und Bildern durchzogen sind, weitläufig bekannt. Da gibt es zum Beispiel die vedische Purusha und Prakriti, die tantrischen Shiva und Shakti, die tibetisch buddhistische yab-yum (Mutter-Vater), die assyrische Apsu und Tiamat, die zoroastrische  Ahura Mazda (Ormazd) und Ahriman, die slawische Byelobog und Chernobog, die griechische Gäa und Eros, die doppelköpfige römische Gottheit Janus, die Sonnengottheit der Inkas Inti und seine Schwester und Gattin Quilla, Niparyaya der peruanischen Indianer und seine Gattin Amayicoyondi und so weiter. Sogar in den abstrakteren metaphysischen Prinzipien von Yin und Yang findet sich dieselbe sexuelle Polarität wieder.

Diese ursprüngliche Polarisation ist Teil des symbolischen Erbes vieler frühen Kulturen. Heute scheint es, als finde sie auch in der modernen Physik, die eine grundlegende Periodizität oder einen Rhythmus als wesentliche Struktur des Kosmos erkennt, eine neue Rechtfertigung. Diese beiden Ansätze liefern uns die Spannung zweier Pole, die eine für die richtige Differenzierung notwendige Dynamik erzeugen. Das Universum ist in ständiger Bewegung. Es ist Shivas ewiger Tanz.
Der Physiker Fritjof Capra, der durch seine Pionierarbeit verblüffende Parallelen zwischen westlicher Quantenphysik und östlicher Mystik aufzeigte, drückt es folgendermaßen aus:

“Die moderne Physik hat gezeigt, dass der Rhythmus der Schöpfung sich nicht nur im Wechsel der Jahreszeiten und in der Geburt und dem Tod der Lebewesen offenbart, sondern auch das grundlegende Wesen der anorganischen Materie ist. Alle Wechselwirkungen zwischen den Bestandteilen der Materie finden entsprechend der Quantenfeldtheorie durch Emission und Absorption virtueller Teilchen statt.” “Der Tanz von Schöpfung und Zerstörung ist die Grundlage der gesamten materiellen Existenz, da alle materiellen Teilchen durch Emission und Absorption virtueller Teilchen „selbst wechselwirken“. Deswegen hat die moderne Physik entdeckt, dass jedes subatomare Teilchen nicht nur einen Energietanz aufführt, sondern ein Energietanz ist; ein pulsierender Prozess von Schöpfung und Zerstörung.” [5]

Der kosmische Tanz ist einerseits ein Paarungstanz und andererseits ein Tanz, der den Übergang vom Sein zum Nichtsein feiert. Wir wissen ja aus der Weltliteratur, dass alle Liebe den Tod nach sich zieht. Eros und Thanatos sind sich ergänzende Prinzipien, die in der Weite des Makrokosmos genauso am Werke sind wie in der unerschöpflichen Tiefe des Mikrokosmos.

Von der DNA zum erotischen Geist
Wenn wir nach diesen hochfliegenden Betrachtungen wieder auf den Boden der Realität zurückehren erkennen wir, dass sexuelle Unterscheidung eine vergleichsweise späte Erscheinung in der Evolution unseres fünf Milliarden Jahre alten Planeten ist. Zellen, Viren und Bakterien, die als erstes vor ca. einer Milliarde Jahren in Erscheinung traten, sind selbst-reproduktiv.
Viren, die geschlechtslose Doppelgänger sind und kaum als lebendig bezeichnet werden können, verschmelzen gelegentlich miteinander und tauschen ihre DNA aus. Dies wird als “Rekombination” – eine Art ursprünglicher sexueller Akt  – bezeichnet. Bakterien, die sich in der Regel selbst teilen, lassen gelegentlich Plasmide in sich eindringen, die als Nabelschnur zwischen zwei Bakterien fungieren. Auch dies stellt quasi eine sexuelle Vereinigung dar.

Bei höheren Lebewesen wie Pflanzen und Tieren ist Fortpflanzung gewöhnlich eine gemeinsame Bemühung zwischen zwei Individuen, dem männlichen und dem weiblichen Teil derselben Gattung. Daher spricht der Biologe Renato Dulbecco in seinem bemerkenswerten Buch „Konstrukteure des Lebens“ von der „sexy“ D N A [6]. Biologisch gesprochen ist Sex ein Prozess, bei dem zwei getrennte Organismen (oder Zellen) genetisches Material austauschen.

Um jedoch die menschliche Sexualität zu verstehen, ist diese Ebene der Erklärung ungeeignet. Einer der wichtigsten Aspekte, der uns vom Tier unterscheidet, ist, dass wir nicht an einen Paarungszyklus gebunden sind. Unser sexueller Impuls ist von der biologischen Notwendigkeit der „Brunft“ befreit. Dies bedeutet, dass unser Sexualverhalten nicht mehr vollständig von unserer DNA gesteuert wird.

Vagina und Penis geraten zwar immer noch in Erregung, sobald gewisse Reize angeboten werden. Jedoch besitzt der menschliche Geist grundsätzlich die Fähigkeit, Kontrolle über die Situation zu erlangen. Wir haben die Wahl, unseren sexuellen Erregungen zu folgen oder aber wir nehmen sie gelassen zur Kenntnis und enthalten uns jeglicher weiterer Handlungen.

Dieser Unterschied findet sich auch in unserem Wortgebrauch wieder: Tiere paaren sich, Menschen hingegen lieben sich. Intelligenz und Vorstellungskraft beherrschen den „genetischen Schub von unten“ oder sind zumindest zur Beherrschung fähig. Aus dem gleichen Grund sind Individuen, die biologisch gesehen männlich sind, durchaus in der Lage, sich mit dem weiblichen Geschlecht zu identifizieren oder umgekehrt – und tragen so zum Mysterium der Sexualität bei.

Aber selbst wenn wir der biologischen Erklärung von Sexualität soziales und psychologisches Verstehen hinzufügen, haben wir die Bedeutung des Sex für uns Menschen noch nicht befriedigend erfasst. Wir müssen auch noch spirituelles Verstehen hinzufügen. O. Schwarz hat diese äußerst wichtige Dimension der Sexualität folgendermaßen ausgedrückt:

“Der sexuelle Impuls ist blind: der Mann vereinigt sich mit der Frau, das heißt, irgendeine Frau tut es mit irgendeinem Mann und irgendein Mann tut es mit irgendeiner Frau. Der Vorgang ist von Anonymität umnebelt. Wirkliche Liebe aber macht den Menschen sehend. Sie öffnet unsere Augen für das Sein, die inneren persönlichen Werte des Geliebten. Im sexuellen Akt dringen wir forschend tief in das Mysterium einer anderen Seele ein.” [7]

Weiter meint Schwarz, dass die menschliche Sexualität in ein Geheimnis gehüllt ist. Er erklärt:

“Damit meine ich nicht die scheinheilige Pseudomoral mit der die Sexualität in der Vergangenheit betrachtet wurde, sondern das wesentliche Geheimnis, das unseren Ursprung umgibt: das Mysterium der Herkunft, Begleiter des Mysteriums des Todes, das Unbekannte, aus dem wir kamen und das Unbekannte, in das wir gehen.
In jedem einzelnen sexuellen Akt erfahren Mann und Frau dasselbe Geheimnis der Schöpfung: Das Bewusstsein schwindet, die Zeit steht still und die beiden sinken in die unergründlichen Tiefen des Raumes – für die beiden ist es ein Moment puren Seins und Quelle neuen Lebens.” [8]

Diese letzte Empfindung bringt die traditionelle Sichtweise von Schöpfung und Offenbarung als ein Zeugnis erotischer Heiligkeit gut zum Ausdruck. Um es zu betonen: das Universum ist nicht nur erotisch, sondern auch heilig. Und gerade diese Heiligkeit der Welt haben wir trauriger Weise aus unserem Blickwinkel verloren.

Der Scientismus – sprich die Wissenschaft in eine quasi-religiöse Ideologie gekehrt – liefert uns eine „entmythologisierte“, keimfreie Sicht des Universums. Uns wird versichert, das Universum sei weder erotisch noch heilig. Alles beruhe nur auf einem Zufall. Sollte die kosmische Existenz wirklich bloßer Zufall sein, dann ist es zweifellos ein sehr beachtlicher. Doch wenn wir auch nur ein bisschen sensitiv sind, wird uns die überwältigend anmutende Verbindung aller Dinge in wortloses Staunen und Ehrfurcht versetzen.

Die Tatsache, dass bei höheren Lebewesen die Vereinigung zweier Individuen für ihre Fortpflanzung ausreicht und nicht drei oder mehr benötigt werden, ist ein wunderbares Geheimnis. Und wir sind frei, dieses Geheimnis in jedem Augenblick sexueller Vereinigung zu empfinden, wenn wir  uns nur selbst diese Freiheit erlauben. In dieser Hinsicht können wir von unseren frühen Vorfahren noch einiges lernen.

Der transpersonale Eros
In ihrem wunderbaren Buch, „A passion for this earth“ (Leidenschaft für diese Erde), erinnert Valerie Andrews daran, dass die griechische Dichterin Sappho darüber wehklagte, keinen Liebhaber neben sich liegen zu haben. Dann macht die Autorin folgende scharfsinnige Beobachtung:

“Das für uns Unangenehme ist, dass sich diese Göttin nicht darum sorgt, wer nun kommt, um die Rolle neben ihr auszufüllen. Sie ist nicht an der Beständigkeit oder Einzigartigkeit eines Partners interessiert. Ihr Verlangen ist vielmehr unpersönlich; es ist der Hunger nach der Erneuerung der Welt. Eros lebt in uns und durch uns. In dem Moment, wo wir uns mit dieser archetypischen Kraft konfrontiert sehen, sind wir nur zweitrangig.” [9]

Die unpersönliche Natur des Eros, die Leidenschaft der Göttin, stört und erschreckt uns heute, die wir es gewohnt sind, alles aus der Perspektive der Ego-Persönlichkeit  zu betrachten. Eros verlangt jedoch Aufopferung, die Aufgabe des persönlichen Standpunktes. Er drängt uns nach Vereinigung, nach Einheit. Wir können auf biologischer, auf psychologischer, auf sozialer oder auf spiritueller Ebene auf diesen Drang reagieren. Wir können, mit anderen Worten, das kosmische Verlangen, die Suche nach Erfüllung in uns, durch Paarung, Schaffung von innerer Harmonie, einander Lieben oder unsere Herzen dem Göttlichen zuwenden, stillen. Dies sind die mannigfaltigen Gesichter des Eros. Um jedoch ein vollkommenes Leben zu führen, können wir keines von ihnen ausschließen. Diese Einsicht vermittelt uns die Tradition des Tantra, in der z.B. gerade sexuelle Begierde als Hebel verwendet wird, um zum Göttlichen zu gelangen.

Eros und  Agape
Eros ist eine überpersönliche Kraft, die sich in jedem von uns offenbart und uns antreibt. Oftmals jedoch erscheint sie als ego-motiviertes Verlangen. Dies wirft wiederum die Frage auf, in welcher Beziehung Eros zu selbstloser Liebe (Agape) steht. In seinem Buch „Agape and Eros“ grenzt der schwedische Bischof Anders Nygren die christliche Vorstellung der Agape von der nicht-christlichen Auffassung des Eros scharf ab [10]. Nach seiner Ansicht ist nur erstere selbstlos, spontan, völlig motivlos und eine Frucht göttlicher Gnade.

Wenn wir jedoch diese Schlüsselbegriffe etwas genauer untersuchen, werden wir feststellen, dass der Unterschied zwischen ihnen vielleicht gar nicht so eindeutig ist, wie ihn der Bischof gerne hätte. Denn ohne jeden Zweifel ist auch im Eros ein Element der Selbsthingabe enthalten, gerade weil es eine kosmische Kraft ist, die das Individuum und seine oder ihre Motivationen transzendiert. Die Sehnsucht nach Vereinigung ist in uns angelegt. Unsere Freiheit besteht darin zu wählen, wie und auf welcher Ebene wir diese Sehnsucht zum Ausdruck bringen, also ob wir uns in sexuellen Ausschweifungen oder in mystischer Vereinigung verlieren. In diesem Zusammenhang können wir sagen, dass Agape gleich Eros ist, allerdings ein Eros, der sich aller egoistischen Impulse entledigt hat, soweit dies möglich ist. Es ist Liebe, die den anderen nicht zum Objekt des eigenen Verlangens macht.
Im Neuen Testament wird das Wort Agape verwendet, um der Liebe Gottes für die Menschheit einen Namen zu geben. Erst später wurde es auch für die menschliche (christliche) Liebe verwendet, die die göttliche Qualität motivloser Selbsthingabe beinhaltet. Der weitverbreitete Anspruch, das Christentum sei einzigartig in seiner Lehre von Agape, wurde im Lichte des Dialogs zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen angezweifelt. Demzufolge hat der Jesuit Aloysius Pieris in seinem Buch „Liebe und Weisheit“ die Sprachgrenzen zwischen Christentum und Buddhismus durchbrochen und eine Verwandschaft zwischen dem christlichen Agape und dem buddhistischen karuna, oder Erbarmen entdeckt. [11]

Zusammenfassung
Unser neuzeitlicher Gebrauch des Wortes „erotisch“ ist zu sehr begrenzt. Es wäre gut, seine ehemalige Bedeutung als „allumfassendes Begehren“ oder als „kosmische Anziehungskraft“ wieder zu entdecken. Dann beginnen wir vielleicht klarer zu sehen, dass Sexualität nur ein Aspekt des Eros ist und wir sind gut beraten, diesen einen Teil nicht mit dem Ganzen zu verwechseln.

Diese Einsicht trifft auch auf das erhabene Ideal selbstloser Liebe, oder Agape, am anderen Ende des Spektrums zu. Eine solche Liebe kann als eine besonders geläuterte Form des Eros betrachtet werden. Wir können nach ihr streben, ohne uns von den anderen Manifestationen des Eros, vor allem der Sexualität, zu trennen. Jede Spiritualität, die vorgibt, den ganzen Menschen zu retten, muss nicht nur die sexuelle Dimension unseres Lebens  bewahren, sondern auch unsere agapischen Eigenschaften sichern.

Anmerkungen
1. B. Swimme; Das Universum ist ein grüner Drache; Claudius, München. 3. Meine Übersetzung der Rig-Veda (X.129.4). 4. Eigene Widergabe des Mahabharata II.161.28-29). 5. F. Capra, Das Tao der Physik; O. W. Barth, Mchn.;
6. Siehe R. Dulbecco, Konstrukteure des Lebens; Piper, Mchn.; 7. O. Schwarz, The Psychology of Sex Harmondsworth, England: Penguin Books, 1949). 9. V. Andrews, A Passion for this Earth (San Francisco: HarperSanFrancisco, 1990). 10. A. Nygren, Agape and Eros (Philadelpha, PA: Westminster Press, 1953). 11. Siehe A. Pieris, Liebe und Weisheit. Begegnung von Christentum und Buddhismus; M. Grünewald, Mainz.
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