Vieles ist und wird über die wohltuenden Wirkungen von Meditation geschrieben und die überwiegende Zahl der Männer und Frauen, die Yoga praktizieren, hat auch Erfahrungen mit Meditation gemacht. Dabei stellt man gerade in der Anfangszeit fest, dass es nicht so einfach ist, aus unserem unruhigen, pulsierenden Alltag kommend über das Meditieren den Weg zu innerer Ruhe, Stille und Entspannung zu finden.

Üblicherweise erfolgt die Meditation im Sitz mit gekreuzten Beinen, der Rücken ist gerade, der Nacken lang, der Hinterkopf strebt nach oben, die Hände liegen entspannt auf den Oberschenkeln oder sind vor dem Schambein zu einer Schale geformt. Die Atmung geht ruhig und gleichmäßig, ist aber nicht hörbar. Diese Haltung soll möglichst lange in Stille und Bewegungslosigkeit konzentriert eingenommen werden. Mit verschiedenen Techniken wird versucht, die Sinne zu beruhigen und den Gedankenstrom zu stoppen. Alles was belastet, beschäftigt, beunruhigt sollen und wollen wir loslassen, um im Idealfall Samadhi zu erreichen, den glückverheißenden, überbewussten Zustand.

Das hört sich gut und erstrebenswert an – ist aber, wie die meisten wissen, nicht so leicht zu erreichen. Es erfordert viel Übung, und selbst nach mehrjähriger Praxis sind die Momente recht selten, in denen wir gelassen im Einklang mit unserem göttlichen Kern sind und die Ruhe, Harmonie und Geborgenheit unseres inneren Wohlfühlraums genießen können. Tatsächlich treten bei vielen Meditierenden gerade am Anfang Probleme auf: Der Rücken fängt an zu schmerzen, in Füßen, Beinen oder Händen kribbelt es, am Körper oder im Gesicht juckt es, manchmal stellt sich ein Hustenreiz ein. Man möchte ruhig werden, wird aber von Unruhe befallen. Das, was man mit der Meditation beabsichtigt und sich von ihr erhofft, stellt sich nicht ein. Wir alle haben diese Erfahrung schon gemacht.

In Bewegung zur Ruhe finden
Manchmal ist es besser, die körperliche und mentale Anspannung zunächst über sanfte, rhythmische Bewegungen abzubauen – um dann nach und nach in einen meditativen Zustand zu kommen. Nun gibt es in anderen Kulturen alternative Meditationswege, die mit dem Yoga teilweise verwandt sind, aber auch zusätzliche Elemente aus Thai Chi, Qi Gong oder tänzerische Einflüsse aus dem Orient beinhalten. Richtungsweisend waren unter anderem die Impulse von Osho, der bereits in den 1970er Jahren bedeutende Bewegungsmeditationen entwickelt hatte. Er propagierte, dass es zwei Wege gibt, um zur Achse, zur Mitte, zum Höchsten zu gelangen: “Der eine Weg besteht darin, so beständig und still zu sein, bis nicht mehr das geringste Hin und Her in Dir ist und Du geradewegs in Dein Zentrum gelangst. Der andere Weg verläuft genau umgekehrt: Du kommst in eine so ungeheuer starke Bewegung, dass das Rad sich mit Höchstgeschwindigkeit dreht und dadurch die Achse sichtbar und erkennbar wird.” Dieser zweite Weg war nach Osho der leichtere, der in seinen dynamischen Meditationen exzessiv ausgelebt werden konnte.

Die „Sufi-Bewegungsmeditation der vier Himmelsrichtungen“ hat zwar dynamische Elemente – unterscheidet sich aber von Oshos Meditationen und vollzieht sich ganz anders als die verbreiteten stillen asiatischen Meditationsformen. Im Mittelpunkt steht die harmonische rhythmische Körperbewegung im Stehen. Die Bewegungen werden mit einfühlsamer, inspirierender Musik unterstützt, die Ausatmung soll kräftig und hörbar sein. Es ist also eine aktive Meditation, die Schwingung erzeugt. Wir warten nicht auf das, was irgendwann eintritt, wenn wir uns still und bewegungslos verhalten, sondern der Meditationsprozess wird aktiv und bewusst aus der Körpermitte heraus vollzogen. Durch diese Konzentration auf Bewegung, Atmung und Körperausdruck, die wir nach außen in die Welt bringen, können wir uns innerlich befreien, loslassen und so zur Ruhe kommen.

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Die Effekte dieser Meditation sind vielfältig: Der Kreislauf wird aktiviert, wir erreichen einen gesteigerten Bewusstseinszustand, werden nicht nur äußerlich sondern auch innerlich bewegt, die Körperbewegung harmonisiert sich und die Körperzentrierung wird gestärkt. Muskuläre und emotionale Spannungen lösen sich, die Lebensenergie kann wieder frei fließen. Durch die zunehmend aktiver werdenden Bewegungen vertieft sich unsere Atmung, die wir deutlich hörbar vollziehen. Indem wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf Bewegung und Atmung richten, gelingt es, sich vom nervenden Gedankenstrom zu befreien. Ein Gefühl von Leichtigkeit, Freude und Zufriedenheit breitet sich aus. In der abschließenden Endentspannung können wir dann regenerieren, nachspüren und ein entspanntes, befriedigendes Wohlgefühl genießen.

Der Kern des Sufismus
Sufi ist ein geheimnisvolles, mystisches Wort. Die Wurzeln des Sufitums sind in allen Traditionen zu finden und können vom Propheten Mohammed über die Stammväter wie Abraham bis zum ersten Menschen Adam zurückverfolgt werden. Das Sufitum ist älter als der Islam, das Christentum und das Judentum. Mit dem Aufkommen des Islam reifte und entwickelte es sich und islamische Mystiker (Sufis) hatten nachweislich enormen Einfluss auf das Gedankengut der westlichen Kulturen. Die Essenz des Sufismus ist die innere Ausrichtung des Herzens auf Gott sowie das Aufgeben des Egos. Hier sehen wir eine Parallele zur Yogaphilosophie, die diese Tugenden auch hervorhebt. Oberstes Ziel eines Sufis ist es, Gott nahe zu kommen und dabei die eigenen Wünsche zurück zu lassen. Im Mittelpunkt der sufistischen Lehre steht die Liebe, die im Sinne einer Hinwendung zu Gott zu verstehen ist. Durch die Liebe wird der Sufi zu Gott geführt, wobei der Suchende (Liebende) danach strebt, die Wahrheit schon in diesem Leben zu erfahren. Ähnlich wie Yogis glauben auch die Sufis, dass Gott in jeden Menschen einen göttlichen Funken gelegt hat, der tief im Herzen verborgen ist. Durch tägliche, regelmäßige Meditation (Dhikr) hat der Suchende die Möglichkeit, das Göttliche in sich zu finden oder wieder zu entdecken.

ANLEITUNG:
Die Sufi- Bewegungsmeditation in der Gruppe

Die Sufi-Bewegungsmeditation der vier Himmelsrichtungen besteht insgesamt aus neun Teilen. Jedes Element dauert sieben Minuten, dazwischen liegt jeweils eine Minute Pause, wo wir uns sammeln, regenerieren und neu ausrichten können. Wichtig ist die Begleitung durch passende Musik (z.B. Meditation der Himmelsrichtungen“ von Jabrane Mohamed Sebnat).

1. Zu Beginn richten wir die Körpervorderseite nach Norden aus, stehen bequem mit leicht gegrätschten Beinen, legen beide Hände auf den Bauch, links und rechts neben dem Nabel. Dann atmen wir durch die Nase ein und machen mit der hörbaren Ausatmung (durch den Mund) einen Schritt mit dem rechten Fuß nach vorn und strecken gleichzeitig den rechten Arm mit einer einladenden, öffnenden Handbewegung aus. Wir geben auf diese Weise etwas von uns hinaus in die Welt – Lächeln, Freundlichkeit, Vertrauen, Zuversicht, Wertschätzung. Wenn wir wieder in die Ausgangsstellung zurückkehren bringen etwas von der Welt mit. Denn all das, was wir der Welt geben, wird uns auch zurückgegeben. Danach machen wir dieselbe Bewegung auf der linken Körperseite. Wichtig ist, dass wir uns darauf konzentrieren, alle Bewegungen leicht, geschmeidig, lächelnd und vertrauensvoll auszuführen.

2. Wir bewegen uns in gleicher harmonischer Weise nach rechts (Osten) und nach links (Westen).

3. Wir bewegen uns nach hinten rechts und hinten links (Süd).

4. Wir verbinden die Bewegungen in die vier Himmelsrichtungen und begrüßen nacheinander den Norden (rechts/links), den Osten (rechts), den Westen (links) und den Süden (rechts/links).

Über allen Übungsteilen steht das Motto: „Bewege Dich, atme, werde Dir Deiner Körperharmonie bewusst und bringe Deine innere Schönheit zum Ausdruck.“ Deshalb ist es wichtig, dass jeder Teilnehmer seine ganze Aufmerksamkeit auf sich richtet und nicht danach schaut, wie sich die anderen bewegen. Nur durch volle Achtsamkeit werden sich die gewünschten Effekte einstellen.

5. Wir bewegen uns im Kreis und ahmen den Drehtanz der Derwische nach. Dazu heben wir den rechten Arm angewinkelt seitlich bis zur Höhe der Augen, neigen den Kopf leicht zur rechten Schulter und schauen in unsere rechte Handfläche hinein. Sie ist unser Fixpunkt für das Gleichgewicht und auch der Spiegel unserer Befindlichkeit. Der linke Arm und die linke Hand hängen als Gegengewicht und Stabilisator locker neben der linken Körperseite. Wir drehen uns am Anfang erst ganz langsam gegen den Uhrzeigersinn und spüren, welche Wirkungen die Drehung bei uns auslöst. Während des sieben Minuten dauernden Drehtanzes können wir die Geschwindigkeit der Drehung variieren und so wechselnde Erfahrungen machen. Die kreisende Drehung um die Körpermitte – unser Zentrum – erfordert Mut, Selbstvertrauen und Hingabe. Aber sie öffnet uns auch für unsere Lebensenergie und löst die Blockaden unserer Liebe.

6. Nachdem wir die Himmelsrichtungen besucht haben, stellen wir die Beziehung zwischen Himmel und Erde dar. Dazu springen wir zu einem ekstatischen Rhythmus auf und ab, nehmen die Arme nach oben und verbinden das Ausatmen mit dem Wort „Ha“. Die Teilnehmer bewegen sich tanzend frei im Raum und jeder gibt seinem Gefühlszustand durch Körperbewegung und lautes Ausatmen den individuellen Ausdruck. Hier kann man loslassen und dem Körper die Chance geben, sich frei und ungezwungen zu bewegen. Oft entsteht ein sehr lebendiger gruppendynamischer Prozess.

7. Wir kommen zur Ruhe und ehren mit einer stillen Kurzmeditation im Stehen die Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft. Diese wesentlichen Elemente finden wir in allen Himmelsrichtungen und ohne sie würde es kein Leben geben. Wir ehren diese Elemente, bedanken uns bei ihnen, schöpfen Kraft und Zuversicht aus ihrem Beispiel. Und wir erinnern uns daran, dass es unsere Verantwortung ist, diese lebenswichtigen Elemente zu schützen und zu bewahren.

8. Dieser Teil bildet den Abschluss der aktiven meditativen Übungen. Wir stehen stabil mit leicht gegrätschten Beinen, atmen intensiv und schwingen harmonisch unseren Oberkörper von links nach rechts, indem wir mit unseren Armen und Händen eine liegende Acht in den Raum zeichnen. So lassen wir die Bewegungsmeditation der Himmelsrichtungen nach und nach ausklingen und erzeugen noch einmal eine sanfte, harmonische Schwingung in unserem Körper. Die Aufmerksamkeit sollte darauf gerichtet sein, dass die Atmung rhythmisch im Gleichklang mit der Körperschwingung erfolgt.
Diese Schwingung wird dann mitgenommen in die Schlussentspannung, für die eine Körperstellung eingenommen werden sollte, die dem aktuellen Gefühlszustand entspricht, z.B. Shavasana, embryonale Seitenlage, Lotussitz, Fersensitz oder dergleichen.

Der Übergang in die abschließende Entspannungsphase lässt sich zum Beispiel einleiten mit einem stimmungsvollen Sufi-Gedicht von Hazrat Inayat Khan:

Ich suchte Dich
Ich suchte, doch ich konnte dich nicht finden.
Ich rief laut nach Dir vom Minarett.
Ich läutete die Tempelglocke mit dem Aufgang und Untergang der Sonne.
Ich nahm ein Bad im Ganges, vergebens.
Ich kam von der Ka’aba zurück, enttäuscht.
Ich sah mich um nach Dir auf Erden.
Ich suchte nach Dir im Himmel, mein Geliebter (meine Geliebte),
doch endlich habe ich Dich gefunden – als verborgene Perle
in der Muschel meines Herzens.


Literaturtipp:

Yan d’Albert: Sufi-Weg des Herzens und der Heilung, Lüchow Verlag 2008

 

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