Die Sonne als Quelle des Lebens, der Liebe und des Bewusstseins: eine Rückkehr zur Sonne als spiritueller Macht. David Frawley über die vedische Religion der Sonne und des Lichts
Was wäre, wenn die mächtigste Kraft, aus der jede Yogapraxis Energie beziehen kann, so offensichtlich und so gut sichtbar wäre wie die Sonne? Tatsache ist: Sie ist es. Die Sonne, die nicht nur als äußere, sondern auch als innere Energiequelle verstanden werden kann, reflektiert das höchste Licht des Yoga sowohl in unseren Herzen als auch in der Welt der Natur um uns herum.

Die Sonne stellt augenscheinlich den mächtigsten Einfluss in der Natur dar, verantwortlich für das Licht, durch das alles Leben auf der Erde möglich ist, und die Schwerkraft, durch die sich die Erde dreht. Die Sonne ist der Herrscher oder kosmische Herr hinter unserem Sonnensystem und allem, was darin geschieht. Und doch – obwohl wir alle täglich das Sonnenlicht willkommen heißen, denken wir selten über die spirituelle Wirklichkeit der Sonne nach oder ehren ebenso selten die heilige Präsenz oder den höheren Geist hinter der Sonne.

Wir betrachten das Sonnenlicht als selbstverständlich oder schätzen es lediglich als alternative Energiequelle. Wenn man jedoch einen Blick auf traditionelle und alte Kulturen aus verschiedenen Teilen der Welt wirft, entdeckt man ein starkes Bewusstsein für die Sonne als spirituelle Kraft und als Symbol für eine höhere Wirklichkeit sowie eine Tür zu derselben. Wir stoßen auf elaborierte religiöse, spirituelle, yogische, astrologische und schamanische Traditionen, die der Sonne auf vielerlei Art Ehre erweisen und danach streben, die Weisheit, Anmut und Mildtätigkeit hinter ihrer äußeren Form zu verstehen.

Die Sonne als „Gesicht Gottes”
Die Sonne ist die sichtbarste Repräsentanz der Gottheit, das wahrhaftige „Gesicht Gottes“, wie die Veden sagen. Sie ist kein bloßer Ball aus leuchtender Materie und auch nicht bloß ein Licht im äußerlichen Sinne, sondern die Quelle des Lebens, der Intelligenz, der Liebe und des Bewusstseins: auch Licht im inneren Sinne also. In der gesamten Welt des Altertums, in manchen Gegenden noch bis heute, finden wir eine Verehrung der Sonne als Teil einer größeren Religion bzw. eines größeren spirituellen Weges des Lichts, der Erleuchtung und der Selbst-Verwirklichung. Diese Sonnenreligion oder dieser Sonnen-Dharma tritt in der Regel zusammen mit einem Kult des heiligen Feuers und des mystischen Mondes sowie anderer Aspekte des Lichts auf sowie als Teil der Verehrung der Natur und des kosmischen Geistes.

Eine Sonnenreligion herrschte bei den alten Ägyptern, den Persern, den Hindus und den Skythen, um nur einige zu nennen, und reichte bis zu den Azteken, den Mayas, den Inkas und den Pueblo-Indianern der „neuen Welt“. Alte vorchristliche europäische Traditionen der Griechen, Römer, Kelten, Germanen und Slawen enthalten ebenfalls eine starke Sonnensymbolik. Sogar spätere monotheistische Ansätze wie Judentum, Christentum und Islam enthalten, wenn auch keine direkte Sonnensymbolik, so doch eine Symbolik des Lichts. Eine starke Sonnensymbolik findet sich indes im Zoroastrismus, im Buddhismus und in der Shinto-Religion sowie in noch vielen weiteren spirituellen Traditionen, die hier nicht alle aufgezählt werden können. Solche spirituellen Lehren setzen den Menschen für gewöhnlich mit der Sonne in Beziehung und machen uns zu Kindern der Sonne, Formen von Licht, die sich auf der Erde verkörpern, um den Willen der Sonne, der auf größeres Licht und Bewusstsein abzielt, zu erfüllen.

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Immer wieder trat die Frage auf, ob die uralte Sonnensymbolik auf eine tiefere spirituelle Praxis wie etwa Yoga hindeutet, oder ob sie lediglich den hervorstechenden Einfluss der Sonne in der Natur widerspiegelt. Während einige Wissenschaftler die spirituellen Implikationen der alten Sonnenkulte herunterspielen, wird es mit zunehmendem Verständnis und zunehmender Wertschätzung für indigene Tradtionen immer klarer, dass hinter der alten Verehrung des Lichts etwas zutiefst Mystisches steckt und dass es sich nicht bloß um eine primitive Naturverehrung handelt. Dieser alte Pfad des Lichts ruft aus der Vergangenheit und aus der Zukunft nach uns, denn das ökologische Zeitalter, das nun anbricht, erfordert, dass wir die heilige und göttliche Präsenz in der Natur ehren, besonders die Sonne.

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