Im dritten Teil der Reihe Kumbhaka geht es darum, die durch Pranayama erzeugte pranische Energie über die Energieschleuse Jalandhara Bandha gezielt zu steuern
Der Begriff Pranayama lässt sich auf zwei Weisen deuten: Prana Ayama = das freie Fließen lassen der Energie und Prana Yama = das Lenken der Energie (in eine bestimmte Richtung). Beides ist im Hatha-Yoga gleich wichtig, jedoch scheint es sinnvoll zu sein, sich zuerst darum zu kümmern, dass unsere Lebensenergie überall in unserem Körper frei zu strömen vermag, bevor man beginnt, sie in eine bestimmte Richtung zu lenken. Meiner Ansicht nach sind im Laufe der Jahrhunderte viele der Asanas und Bewegungsabläufe aus genau diesem Grund entwickelt worden: sie sollen uns helfen, den Körper auf der Ebene der Gewebe wie auch auf mentaler Ebene zu reinigen und Blockierungen zu lösen, damit der Prana uns durchströmen kann.

Wenn der Prana dann gelenkt werden soll, braucht es diese Durchlässigkeit, denn er beginnt sich sonst an den Blockaden so zu stauen, dass auf der körperlichen Ebene Probleme wie Verspannungen oder Schmerzen entstehen.

Mittels der Bandhas wird der frei strömende Prana kanalisiert

Sobald der Prana jedoch frei fließen kann, können wir ihm mit den Bandhas Wehre bauen. Sie dienen dazu, den Prana auszurichten, so dass er am Ende eines längeren Prozesses entlang der feinstofflichen Achse im Inneren der Wirbelsäule – Sushumna Nadi genannt – aufsteigen kann. Den Hatha-Yogis ist es sehr wichtig, dass diese Energie nicht irgendwo aufsteigt, wo sie gerade Platz findet, denn dieser pure Prana trägt zurecht den Beinamen Shakti (=Urkraft / Schöpfungskraft), was darauf hinweist, dass ihn eine gewaltige Kraft auszeichnet, die durch die Sushumna Nadi kanalisiert und gebändigt werden muss.

Sobald durch das Üben von Pranayama  der Prana frei geworden ist, würde er ohne solch ein Wehr einer riesigen Welle gleich im Körper aufsteigen – mir kommt dabei spontan das Bild der zerstörerischen Kraft eines Tsunami. Die Energie würde das Gehirn überfluten und dadurch die Tore des Unbewussten öffnen, so dass unkontrolliert eine Flut von Gefühlen, Erinnerungen, Bildern usw. den Verstand unter sich begraben würde. Immer mal wieder geschieht es ja tatsächlich, dass Yoga-Übende unbedarft – den Zauberlehrlingen gleich – mit Pranayama Kräfte wecken, die sie hinterher nicht mehr beherrschen können. Die Folge sind zumeist psychotische Zustände, die sich nur mühsam wieder beherrschen lassen.

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Will man also wirklich einsteigen in den Prozess, der dazu führt, dass die Bewusstseinsenergie – die Prana-Shakti – erwacht und wir unser volles Potential entfalten können, dann kommt man nicht umhin, sich sorgfältig die Übungen zu erarbeiten, die der Yoga uns einem Wehr gleich anbietet: die Bandhas.

Im letzten Heft hatten wir bereits den Wurzelverschluss Mula Bandha beschrieben. Jetzt folgt der »Kehl-Verschluss« Jalandhara Bandha.

Er muss (!) immer dann gesetzt werden, wenn man in einem Pranayama in einer Pause in der Atemfülle verweilt, die länger als 3-4 Sekunden dauert, denn jeder kann leicht überprüfen, wie schnell in einer solchen Atempause der innere Druck steigt, da die eingeatmete Luft sich in uns auszudehnen beginnt.

Was Jalandhara Bandha für den Körper bewirkt
Das kommt daher, dass sich während des Haltens der Luft in der Atemfülle der Blutdruck schnell und deutlich erhöhen kann. In einem solchen Fall schlägt das Herz schneller und man verspürt häufig eine innere Unruhe bewirkt durch das Ansteigen des Drucks.
Setzen wir jedoch Jalandhara Bandha  – den Kinnverschluss – in einer solchen längeren Atemverhaltung, dann wirken wir dem entgegen. Die Ausübung dieses Kinnverschlusses bewirkt eine starke Anspannung der vorderen Halsmuskeln, wodurch ein Druck auf die Halsschlagadern und den Sinus Carotis (Nervengeflecht in der Halsschlagader) entsteht. Als Auswirkung des Drucks des Kinnverschlusses werden Nervenimpulse an  das Reizerregungszentrum des Herzens gesandt, wodurch ein Absinken der arteriellen Spannung hervorgerufen wird. Alsbald wird sich nun die Frequenz des Herzschlages wieder verlangsamen und die Unruhe und das Unwohlsein treten gar nicht erst auf.

Jalandhara Bandha maßgeschneidert für die beiden Atemtypen
Würden wir Jalandhara Bandha in der Atempause nicht setzen, dann schlüge uns – im wahrsten Sinne des Wortes »das Herz bis zum Halse«. So wird klar, warum es sich wirklich lohnt, sich mit diesem Bandha anzufreunden. Viele Menschen machen jedoch instinktiv einen weiten Bogen um diese Übung, denn sie ist schwer zu meistern und braucht vor allem wieder eine genaue Abstimmung auf den Atem-Konstitutionstyp, da der Ausatem-betonte Typ im Nacken eine Dehnungszone und im oberen Rumpf eine Kontraktionszone  hat und der Einatem-betonte Typ dagegen im Nacken eine Kontraktionszone und im oberen Rumpf eine Dehnungszone hat.

Das bedeutet konkret, dass alle Ausatem-betonten Menschen gerne einen »langen Nacken« machen und das Kinn sogar ohne Zögern bis zum Brustbein absenken mögen. Was sie nicht so gerne mögen, ist dagegen das intensive Heben des Brustkorbs.
Die Einatem-betonten Menschen würden sich durch ein solch starkes Senken des Kinns ihren Nacken stark überdehnen, so dass Schmerzen im Nacken und evtl. auch im Kopf die Folge wären. Wahrscheinlich sind es also gerade diese Menschen, die feststellen, dass Jalandhara Bandha »nichts für sie ist« und vielleicht sind sie es ja auch, die dadurch die Lust am Üben der Kumbhakas verlieren.

Diese Menschen mögen jedoch in der Regel sehr gerne ihren Brustkorb intensiv heben. Für den Einatem-betonten Typ gilt es also, den Bandha gewissermaßen von der anderen Seite her aufzubauen, indem erst mit der Einatmung ihr Brustbein so weit wie möglich gehoben wird und dann in der Atemfülle behutsam noch etwas das Kinn zum Brustbein sinken kann.

Wichtig ist, dass Sie den Eindruck bekommen, dass sich das Üben nach einer gewissen Eingewöhnungsphase stimmig und richtig anfühlt. Geschieht das nicht, wird man es nur üben, wenn es sich nicht vermeiden lässt und – da das Üben unangenehm bleibt – wird der Körper es nicht integrieren mögen. Das würde dann auch das »Aus« für den Pranayama bedeuten.

Sie müssen gar nicht wissen, welcher Atemtyp Sie sind (obwohl das natürlich auch nicht schadet); wenn Sie sich selbst beim längeren Üben der beiden Varianten achtsam beobachten, werden Sie bald wissen, welche sich richtig und stimmig anfühlt und welche nicht.

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