Polizeisirenen klingen in meinen Ohren und lassen mich hellhörig werden. Es ist nicht ein einzelnes Auto. Auch nicht zwei, drei oder vier, die schon mal über die große Zufahrtsstraße in der Nähe meiner Wohnung rasen. Nein, es sind zehn, zwanzig und werden immer mehr. Bald darauf macht mich mein Handy auf eine Eilmeldung aufmerksam. „Schüsse in München“. Mein Herz klopft. Noch mehr Sirenen. Mein Herzklopfen wird lauter und ich betroffen.
Was dann die nächsten Stunden passiert, ist schwer in Worte zu fassen, obwohl in den letzten Tagen so viel darüber geschrieben und geredet wurde: Ein 18-jähriger tötet und verletzt zahlreiche Menschen und bringt danach sich selbst um. Was für eine Wahnsinnstat.
Als ich die ersten Polizeiautos höre ahne ich noch nichts vom Ausmaß der Tragödie. Ich bin verabredet mit einem guten Freund, der mit mir auf das Tollwoodfestival gehen möchte, auf das ich mich freue. Doch daraus wird vorerst nichts. Die darauffolgenden Stunden sitzen mein Freund und ich in meiner Wohnung und lauschen den Neuigkeiten. Zutiefst betroffen verfolgen wir, was gerade einmal 10 Minuten von meiner Wohnung entfernt passiert ist: ein Blutbad wurde angerichtet.

Angst, Verunsicherung, Mitgefühl

Die Polizei fordert die Münchner auf, die Wohnungen nicht zu verlassen. Mir schnürt es das Herz zu. Ich habe mich immer sicher, frei und wohl gefühlt in Deutschland. Zum ersten Mal fühle ich mich bedroht bei dem Gedanken, jetzt das Haus zu verlassen. Die Idee, aufs Tollwood zu gehen, verwerfen wir. Mein Freund ist mutiger als ich und schlägt vor, zum Italiener um die Ecke zu gehen, um dort etwas zu essen. Mir ist der Appetit vergangen. Wir einigen uns darauf, dass ich Pasta koche und er Rotwein an der Tankstelle holt, die nur ein paar Minuten von meiner Wohnung entfernt ist. Ich bin erstaunt über die Entschlossenheit meines Freundes, sich nicht einschränken zu lassen. Er holt den Wein. Allerdings als letzter Kunde an diesem Abend. Auch die Tankstelle wird dann aufgefordert, zu schließen.
Den Rest des Abends sitzen wir da wie paralysiert. Hubschrauber kreisen über den Straßen, die Sirenen wollen nicht weniger werden. Ich versuche, die Meditation des Mitgefühls zu machen. Für die Opfer. Für deren Familien. Für die Polizisten. Für den Täten. Der Schmerz in meinem Herzen wird immer größer und ich empfinde immer mehr Mitgefühl für den jungen Mann: Wie verletzt, wie leidend, wie blind muss ein Mensch sein, wenn er eine solche Tat begeht. Ich bin zutiefst betroffen. Und mit mir Millionen anderer Menschen.
Heute, einige Tage später ist meine Betroffenheit ungebrochen. Über die Tat, aber auch über die Panik, die bei so vielen Menschen ausgebrochen ist. Ich weiß zwar, dass die Wahrscheinlichkeit, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen geringer ist als an Essen zu ersticken – wie die Medien zur Beruhigung der Bevölkerung mittteilen –  aber ich weiß auch, dass Anschläge in Europa zunehmen werden und dass in den großen Metropolen Deutschlands Menschen davon betroffen sind.

Leben, lieben, praktizieren

Diese schreckliche Tat macht mir wieder einmal bewusst, wie kostbar unser Leben ist. Es zu nutzen für die wesentlichen Dinge – das ist die Botschaft, die wir aus den Anschlägen ziehen sollten. Das Leben zu genießen – das sollten wir daraus lernen. Jeden Tag, jeden Moment als ein Geschenk zu betrachten. Die Menschen, die wir lieben, noch mehr zu lieben. Die Menschen, mit denen wir im Streit sind, wieder zu unseren Freunden zu machen. Oder zumindest den Streit zu schlichten, damit die Saat der Wut, des Hasses, des Neids, der Eifersucht nicht in uns oder in den Menschen, mit denen wir im Konflikt sind, wachsen können.
Mir wird auch wieder einmal bewusst, dass es sinnvoller ist, zu praktizieren als sich von den Horrormeldungen aus der ganzen Welt immer mehr einschüchtern zu lassen. Ich glaube, wir können diese Zeiten nur durchstehen, wenn wir Achtsamkeit, Yoga, Meditation, Metta und Bhakti Yoga praktizieren. Nur dann, wenn wir diese Energien stärken und uns und unser Umfeld damit nähren, können wir diesem Terror etwas entgegensetzen. Das ist das, was wir aus solch schrecklichen Taten lernen können.

Solidarität & Verbundenheit

Immerhin eine Sache erfreut mich aber in diesen Tagen: Die Solidarität unter den Menschen nimmt zu. Türen wurden nach dem Attentat geöffnet, Herzen ebenfalls, weil der ganze Nahverkehr in München in dieser Nacht lahmgelegt wurde und die Menschen die Stadt nicht verlassen konnten.
Die Solidarität zu stärken unter den Menschen, ist nicht das Ziel der Attentäter und trotzdem passiert es. Diese Samen sollten wir säen. Und zwar so, dass wir die Türen und die Herzen füreinander nicht nur an so schrecklichen Tagen offenhalten, sondern auch an jenen, an denen es uns gut geht. Den Blick wieder auf das zu richten, was uns als Menschen verbindet, erscheint mir sinnvoller, als auf das zu schauen, was uns trennt. Nur durch so können wir ein Zeichen setzen gegen den Terror und für uns, jene Menschen die in Frieden und Freiheit leben wollen.

Öffnen wir unsere Türen und unsere Herzen, dann denken wir auch nicht länger nur an uns und an unseren Vorteil, sondern begreifen uns auch wieder als eine Gesellschaft und leben entsprechend. Yoga hilft uns dabei.
Alles, was wir also tun können, ist weiter an diesem unsichtbaren Netz der Liebe, des Mitgefühls und des Miteinanders zu weben. Atemzug für Atemzug. Moment für Moment.

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Doris Iding
Doris leitet Seminare, Fort- und Ausbildungen zum Thema Yoga, Meditation und Achtsamkeit. Nach dem Motto „Alles was ist, darf sein. Es gibt kein Richtig und Falsch, sondern immer nur die eigene subjektive Erfahrung des gegenwärtigen Moments“ ist es ihr sowohl in ihren Kursen als auch in ihren Artikeln und Büchern ein großes Anliegen, den Menschen zu vermitteln, dass es in der Praxis um Selbsterkenntnis geht, nicht aber um Selbstoptimierung. Begegnen wir uns also mit viel Selbstmitgefühl, Wohlwollen und Geduld, wird das Leben leichter und die Achtsamkeits- und Meditationspraxis erfüllender. 18 ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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