Achttausend Techniken, jede mit ihrer eigenen Zielsetzung und Wirkung, wer kann das schon überblicken? Allein das Katalogisieren und Aufschreiben der Meditationen ist schon eine riesige Arbeit. Zur Zeit läuft in Bangalore/Indien ein Projekt, bei dem erst einmal alle Meditationen in einer Datenbank im Computer eingebracht werden. Danach müsste alles noch kategorisiert und studiert werden.

Wir werden hier, obwohl dieses endgültige Studium noch lange nicht abgeschlossen ist, den Versuch machen, die bekanntesten Meditationen des Kundalini-Yoga nach Yogi Bhajan in Kategorien einzuteilen. Teilweise überlappen sie sich natürlich, aber es ist eine nützliche Methode, einigermaßen Zugriff auf diese Materie zu bekommen. Und es lädt dazu ein, auszuprobieren! Wir werden versuchen, zu jeder Kategorie ein Beispiel zu geben.

1. Mantra-Meditationen
Beispiel: Sitze in einfacher Haltung (die Beine gekreuzt im Schneidersitz, oder auf einem Stuhl mit geradem Rücken und die Füße flach auf dem Boden, ohne die Beine zu kreuzen). Schließe die Augen. Die Handflächen sind sanft zusammengedrückt vor der Brustmitte. Singe SA(AAA)T NAM. Sat (Wahrheit) wird dabei siebenmal so lang wie Nam (Identität) gesungen. Wiederhole 7 Minuten lang. Fördert innere Harmonie und Konzentration.

2. Bewegungsmeditationen
Beispiel: Sitze in einfacher Haltung, die rechte Hand auf dem rechten Knie mit den Fingern in Gyan Mudra (Zeigefinger- und Daumenspitze zusammen), halte die linke Hand mit der Handfläche nach innen etwa 20 cm vor der dem Herzen. Singe sanft auf einen Atemzug zweimal „ICH BIN“, beim ersten ICH BIN bringe die linke Hand dicht an die Brust heran, ohne diese jedoch zu berühren, beim zweiten ICH BIN bewege sie 10 cm weiter von der Brust weg. Wiederhole diese Bewegung mit dem Mantra 11 Minuten lang, dann sitze ganz still und lausche in dich hinein. Wirkt auf das Bewusstsein des höheren Selbst.

3. Atemmeditationen
Beispiel: In einfacher Haltung. Atme fünf Sekunden lang ein, halte den Atem zehn Sekunden lang, atme fünf Sekunden lang aus. Versuche, ganz bewusst zu atmen. Wiederhole 5 Minuten lang. Beruhigt den Geist und fördert das meditative Bewusstsein.

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4. Tanzmeditationen
Beispiel: Charan Jap (Meditation mit den Füßen). Fange an, zu rhythmischer Musik zu tanzen. Jedes Mal, wenn dein Fuß den Boden berührt, chante HAR (die kreative göttliche Kraft) Das R wird dabei mit der Zungenspitze ausgesprochen. Wirkung: Erdung.

5. Spaziermeditationen
Beispiel: Draußen, gehe in einem normalen Tempo. Wenn dein linker Fuß den Boden berührt, chante (oder denke) SAT NAM (Wahre Identität), wenn dein rechter Fuß den Boden berüht, chante (oder denke) WHAHE GURU (Ekstase bringende Weisheit). Gehe so mindestens eine halbe Stunde lang. Wirkung: Erdung, innerer Ausgleich.

6. Tratakam
Tratakam ist meditatives Starren. Beispiel: Setzte dich vor eine Kerzenflamme (am besten auf Augenhöhe). Konzentriere dich auf die blaugraue Pforte in der Flamme, zwischen Docht und heißem, gelben Teil. Du kannst eventuell deine Augen dabei halb schließen, aber versuche, nicht zu blinzeln. Starre 11 Minuten lang. Wirkung: Einswerden, innerer Frieden.

7. Stille Meditationen
Beispiel: In einfacher Haltung. Nimm deinen ganzen Körper wahr, alle Sinneseindrücke. Lausche auf deinen entspannten Atem. Jedes Mal, wenn du einatmest, denke SAT, wenn du ausatmest, denke NAM. Lausche 11 Minuten lang. Wirkung: Geistige Reinigung.

8. Haltungsmeditationen
Beispiel: In einfacher Haltung. Halte die Hände vor deiner Brustmitte wie eine Schale zusammen. Erkenne das Universum als spendende, nährende Instanz um dich herum, das deine Schale mit allem füllt, was du brauchst. Halte 7 Minuten lang. Wirkung: Dankbarkeit.

9. Gong-Meditationen
Beispiel: In einfacher Haltung. 3 Minuten sanfte Schläge zum Einstimmen. 3 Minuten Crescendo, um Ängste zu vertreiben, 6 Minuten Floating (permanenter Klang). Wirkung: energetische Reinigung.

10. Mala-Meditationen
Beispiel: Lass eine Perlenkette durch die Finger gleiten. Jedes Mal, wenn eine Perle zwischen Zeigefinger und Daumen durchgleitet, denke WHAHE GURU (ekstatische Weisheit).

11. Focus-Meditationen
Beispiel: Sitze in einfacher Haltung, deine linke Hand liegt im Schoß. Die Finger deiner rechten Hand fühlen den Pulsschlag im linken Handgelenk. Mit jedem Pulsschlag denke SAT NAM, 15 Minuten lang. Wirkung: Innerer Einklang.

12. Finger-Meditationen
Beispiel: In einfacher Haltung, deine Hände liegen auf den Knieen. Singe SA (Geburt) und drücke Daumen und Zeigefinger zusammen, TA (Leben) Daumen und Mittelfinger, NA (Tod) Daumen und Ringfinger, MA (Wiedergeburt, Unendlichkeit) Daumen und kleinen Finger. Singe 2 Minuten lang in normaler Lautstärke, 2 Minuten lang flüsternd, 4 Minuten lang in Gedanken, 2 Minuten lang flüsternd, 2 Minuten lang in normaler Lautstärke. Wirkung: Reinigung des Unterbewußten.

13. Chakra-Meditationen
Beispiel: Die Sieben-Wellen-Meditation. Sitze in einfacher Haltung mit den Händen in Gyan-Mudra, chante SAAAAAAAT NAM. Singe SAT in sieben langsamen Wellen, wandere dabei mit deiner Konzentration: 1. Damm, 2. Mitte des Schambeins, 3. Nabel, 4. Brustmitte, 5. Kehle, 6. Punkt zwischen den Augenbrauen, 7. Scheitelpunkt. Wenn du Nam singst, spüre deine Aura. Wiederhole mindestens drei Minuten lang. Wirkung: Verbindet das Bewusstsein mit seinem Ursprung.

14. Bandha-Meditationen
Beispiel: Sitze in einfacher Haltung. Halte die Hände im Abstand von 20 cm vor der Brustmitte, die Handflächen einander zugekehrt. In einem Rhythmus von 1 mal pro Sekunde chante HAR und ziehe dabei kräftig den Bauch ein und spanne den Beckenboden an. Mit jedem HAR bewege beide Hände schlagartig 20 cm nach außen, dann wieder etwas langsamer zurück in ihre Ausgangsposition. Wiederhole 7 Minuten lang. Wirkung: Öffnet das Herz.

15. Heilmeditationen
Beispiel: Sitze in einfacher Haltung. Lege die rechte Hand vor der Brustmitte in die linke, den rechten Daumen über den linken. Chante langsam und getragen: RA MA DA SA, SA SE SO HONG, 7 Minuten lang. Wirkung: Selbstheilung

16. Visualisationsmeditationen
Beispiel: Stelle dir vor, du bist auf einer Bergspitze. Du erblickst weit unter dir das Dorf oder die Stadt, wo du wohnst. Jetzt spüre, wie du wächst, bis du den ganzen Kontinent anschauen kannst. Gehe noch weiter und sehe jetzt die ganze Erde. Erkenne, dass der ganze Planet sich in deinem Kopf befindet. Expandiere und erfasse das Sonnensystem. Dann nimm das ganze Universum wahr, aber ohne deinen Körper zu verlassen. Spüre die riesigen Energiemengen, die fließen. Dehne das kleine ICH aus zum großen ICH. Gehe über die Zeit hinaus in die Unendlichkeit und Ewigkeit. In dieser Weite sehe das Licht der Reinheit, ein einfaches, schimmerndes, sanftes Licht. Richte deine Aufmerksamkeit darauf. Spüre es in deiner Zirbeldrüse. Schaue nichts anderes als dieses blaue Licht. Bleibe so lange in dieser Schau, wie du magst. Wirkung: Verstärkt dein inneres Licht.

17. Meditation für Kinder (u. d. innere Kind)
Beispiel: Sitze in einfacher Haltung, die Hände vor den Schultern zu Fäusten geballt, die Zeigefinger ausgestreckt. Bewege die Hände im Rhythmus auf und ab und chante: ICH BIN GLÜCKLICH, ICH BIN GUT (2x), SATENAM SATENAM SATENAM DJI, WHAHE GURU WHAHE GURU WHAHE GURU JI (2x). Wiederhole so lange, bis du dich wieder gut fühlst. Wirkung: Hilft Kindern, bei sich zu bleiben, z.B. wenn die Eltern Konflikte miteinander haben.

Wir können hier natürlich nur eine Auswahl  dieser verschiedenen Kategorien vorstellen und von jeder Kategorie nur einfache Beispiele. Viele Meditationsformen sind zu kompliziert, um so kurz beschrieben zu werden, zum Beispiel die verschiedenen Gruppen- und Partner-Meditationen, die komplizierten, tanzähnlichen Bewegungen der „Celestial Communications“, oder die auf Meditation basierende Heilmethode des Kundalini-Yoga , Sat Nam Rasayan. Alle haben sie aber eines gemeinsam: Die Auffassung, dass der Geist unser Diener ist, nicht unser Meister, und dass es unser Geburtsrecht ist, glücklich zu sein.

Manche mögen erwarten, dass es bei den Kundalini-Yoga-Meditationen mehr darum geht, die Kundalini zu spüren; dass es kribbelt, heiß wird, rauschende Visionen und ozeanisches Einssein gibt. Es stimmt, manchmal passiert tatsächlich viel in der Meditation. Aber, wenn sich die Kundalini in einem harmonischen, sanften Tanz entfaltet, geht es nicht an erster Stelle um diese spektakulären Energie-Phänomene. Es geht um das Wachstum des Bewusstseins, der Intuition, der Liebe. So gebrauchen wir dann auch im Kundalini-Yoga normalerweise für die Kundalini-Energie nicht das Symbol der Schlange. Yogi Bhajan übersetzt Kundalini (Kundal bedeutet buchstäblich Spirale) mit „die Locke im Haar des Geliebten“.

Fußnoten:
*) Ein Kundalini-Yogi ist kein Eremit. Er (oder sie) versucht, das Leben im Alltag zu meistern, und betrachtet Partnerschaft, Kinder aufzuziehen, zu arbeiten usw. als ein Geschenk. Das Soziale ist im Kundalini-Yoga die große Bewusstseinsübung – das Zusammenleben die wichtigste Meditation.
**) Spirituelle Disziplin, bestehend aus zweieinhalb Stunden Yoga-Übungen und Meditation in den „ambrosischen“ Stunden des frühen Morgens.

Mehr Info:
www.3ho.de

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