In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Chance der Enttäuschungen, Gefahr der Zufriedenheit

Nicht nur Kinder lernen durch schmerzvolle Erfahrungen. Wenn wir auf unser Leben zurückblicken, sind es oft gerade jene bitteren Enttäuschungen und einschneidenden Schicksalsschläge, die unserem Leben letztendlich mehr Tiefe und Sinn gaben. Leid ist der beste Lehrmeister, denn es kann unser Leben manchmal stärker zum Positiven transformieren als tiefsinnige Bücher oder weise Mitmenschen. So „durfte“ ich beispielsweise mit Anfang Zwanzig durch eine „early life crisis“ einen so großen Leidensdruck erfahren, dass dieser mich dazu veranlasste, alles hinter mir zu lassen, nach Asien zu reisen und dort buddhistischer Mönch zu werden. Auch wenn diese Entscheidung aus einem tiefen Schmerz heraus getroffen wurde, waren diese zwölf Jahre eine für mich bis heute unersetzliche Lebensschule.

Damit will ich sagen, dass nicht jede leidvolle Situation Mitgefühl verdient, sondern manchmal können wir darin unverhofftes Potenzial erfahren. Andererseits beinhaltet eine oberflächliche Zufriedenheit die Gefahr, dass wir in unserer Entfaltung steckenbleiben und die Sehnsucht nach größerem Glück versiegt. Unter der spirituellen Lupe betrachtet, scheint ein solches Leben eher Mitgefühl als Mitfreude zu verdienen.

4. Upekkha

Upekkha (Sanskr. Upeksha) hat die Bedeutung, über weltliches Geschehen erhaben hinwegzublicken und dabei die unberührbare Wahrheit im Herzen zu bewahren. In diesem Zustand von wacher Gelassenheit, die vom Sattva-Guna durchdrungen ist, wird ein Frieden berührt, der nicht mehr von den acht weltlichen Phänomenen (Attha-Loka-Dhamma) erschüttert werden kann, die jeder mehr oder weniger im Leben erfährt: Glück, Unglück, Gewinn, Verlust, Verehrung, Verachtung, Gutes und Böses.

Die herausragende Bedeutung dieses vierten Brahmavihara wird dadurch unterstrichen, dass Buddha Upekkha als das letzte der sieben Erleuchtungsglieder (Bojjhanga) definiert. Aus der unerschütterlichen Einsicht über die Vergänglichkeit von allem Existierenden entfaltet sich ein erhabener Gleichmut, der zwar oberflächlich einer tamasischen Gleichgültigkeit ähnlich ist, jedoch nichts mit Lethargie, Acht- und Respektlosigkeit gemein hat.

Die menschliche Neigung, Unangenehmem zu entfliehen und Angenehmes zu erreichen und zu bewahren, hält uns wie einen Hamster in seinem kleinen Rad vom Morgen bis zum Abend auf Trab und im großen Rad des Samsara gefangen. Wie sehr aber Gleichmut gegenüber der Welt uns zum inneren Frieden führt, hat wohl kaum einer poetischer zum Ausdruck gebracht als Hermann Hesse in dem Gedicht „Glück“:
„Solang du nach dem Glücke jagst, bist du nicht reif zum Glücklichsein, und wäre alles Liebste dein. Solang du um Verlorenes klagst und Ziele hast und rastlos bist, weißt du noch nicht, was Friede ist. Erst wenn du jedem Wunsch entsagst, nicht Ziel mehr noch Begehren kennst, das Glück nicht mehr mit Namen nennst, dann reicht dir des Geschehens Flut nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.“

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Persönlichkeiten und Yoga-Traditionen

Für mich repräsentieren bestimmte Persönlichkeiten und klassische Yoga-Traditionen einen dieser vier „grenzenlosen Zustände“. So ist für mich der Dalai Lama eine Personifizierung von bedingungsloser Güte (Metta), die sich auch im Bhakti-Yoga durch die liebevolle Hingabe gegenüber Gott und der göttlichen Essenz aller Wesen widerspiegelt. Der kompromisslose Einsatz Mahatma Gandhis für die indische Freiheitsbewegung entsprang aus einem tiefen Mitgefühl (Karuna) und konnte durch Karma-Yoga (Yoga der selbstlosen Handlung) in gewaltfreie Aktionen umgesetzt werden. Die Schaffenskraft von Künstlern, mit ihren Meisterwerken andere zu berühren, und die Fähigkeit von spirituellen Lehrern, Tugend und Weisheit zu vermitteln, ist in tiefer Mitfreude (Mudita) verwurzelt. Sri Ramana Maharshi war ein Jnana-Yogi (Yogi der Einsicht), dessen ganzes Leben ein Ausdruck von Stille und Gleichmut (Uppekha) war. Natürlich gibt es auch in der modernen Yogaszene Persönlichkeiten, die eine oder mehrere dieser Qualitäten zur Entfaltung gebracht haben und wunderbar weitergeben. Allerdings fällt mir auf, dass nicht selten die körperliche Praxis so im Vordergrund steht, dass die Kultivierung dieser vier essenziellen Bhavanas vernachlässigt wird.

Brahmaviharas und Asana-Praxis

Wie können diese inneren Haltungen unsere Einstellung zum Körper und zur Asana-Praxis positiv beeinflussen? Wer sich sehr ehrgeizig und nur auf Äußerlichkeiten bedacht auf die Yogamatte begibt, ohne dabei auf die eigene Intuition zu achten, sollte mehr Metta integrieren. Karuna könnte dann ein wichtiger Aspekt sein, wenn durch eine körperliche und psychische Verletzung oder Schwäche ein „Ausnahmezustand“ eingetreten ist, der ungewöhnlich viel Beachtung braucht. Eine Praxis, die Mudita in den Vordergrund stellt, wäre dann angebracht, wenn Sinn und Lebensfreude sowohl im Üben als auch im Leben verloren gegangen sind. Und jenen unter uns, die engstirnig ihrer Asana-Praxis und ihrer körperlichen Gesundheit verhaftet sind, könnte Uppekha zu der Einsicht verhelfen, dass es im Yoga eigentlich um mentale Gesundung geht: Denn egal wie fit, kräftig und beweglich sich dieser Körper gerade anfühlt, nichts davon werden wir mit ins Grab nehmen können. Und nicht einmal ein Super-Yogi kann vorhersehen, wann der Tod eintritt.

Auch wenn eine Transformation unserer menschlichen, einengenden Emotionen zu diesen transpersonalen, grenzenlosen Brahmaviharas nicht über Nacht eintreten wird, sollten wir hier und da innehalten, um uns bewusst zu machen, dass es nur von diesen vier inneren Gefühlszuständen abhängt, wie zufrieden wir tatsächlich sind.

Infos

indexFlorian Palzinsky war 12 Jahre buddhistischer Mönch in Thailand und in Sri Lanka. Mit 35 hat er seine Robe abgelegt und hält seither Yoga-Retreats und Workshops mit den Schwerpunkten Meditation, Asanas, Pranayama und Philosophie.
www.simple-wisdom.net, www.millretreats.at

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