Vom äußeren zum inneren Ton: ein Weg der Meditation im Hatha-Yoga
In der Sichtweise des Tantra, aus dem ja auch der Hatha-Yoga hervorgegangen ist, hat die Beschäftigung mit dem Klang, dem Ton und damit der Schwingung einen äußerst hohen Stellenwert. Die zentrale Stellung von Klang und Ton – Nada genannt – hat ihre Grundlage im tantrischen Schöpfungsmythos. Darin heißt es, dass am Anbeginn aller Zeiten das Reine Bewusstsein (para-shiva) ganz in sich ruhte und ganz bei sich war, bis eines Tages in ihm der Wunsch aufkeimte, sich selbst zu erfahren. Da das Sich-Erfahren eines Körpers der Sinne und der Verarbeitung der Sinneseindrücke mittels eines Geistes bedarf, entließ Para-Shiva aus sich die Schöpfungskraft Shakti, damit sie die vielfältigen Formen der Materie erschaffen möge. Das Erste, was Shakti erschuf, war die Schwingung des uranfänglichen Klangs (nada). Er breitete sich durch das ganze, bis dahin vollkommen leere Universum aus und erfüllte es mit der Vibration (spanda) seiner Schwingung. Damit war der Urgrund aller Materie entstanden.

Dann setzte Shakti den Schöpfungsprozess fort, und es entstanden Raum und Zeit, die Qualitäten des universellen Geistes (buddhi) und des persönlichen Geistes (ahamkara, manas), die Sinne als Wahrnehmungskräfte, die Tatkräfte und die Elemente bis hin zur Erde. An diesem grobstofflichsten Pol angelangt, kam der Schöpfungsprozess zur Ruhe, denn es gab nun alle Bestandteile, aus denen sich alles, was je war, ist und sein würde, zusammensetzen konnte. In diesem tantrischen Mythos wird die Schöpfung als Fleischwerdung des Geistes verstanden.

Die Geschöpfe, die nun ganz „eingebunden“ in die Materie sind, wissen nichts mehr von ihrem Ursprung im Reinen Bewusstsein. Verhaftet mit der Welt der Materie und der Form beginnen sie, alle ihre Interessen und Triebe auf die Welt der Materie und der Form auszurichten, zu der in diesem Konzept übrigens auch der persönliche Geist gezählt wird, der sich in einer ganz bestimmten Individualität ausdrückt.

Alles ist Rhythmus und Schwingung
Alles, was Shakti je erschaffen hat, trägt aber weiterhin in sich den allerersten Schöpfungsimpuls: Es sind der ewig pulsierende Rhythmus des Lebens und die Beziehung zwischen Raum und Welle, die – wie wir heute auch aus der Quantenphysik wissen – den Urgrund aller Materie bezeichnet. Jede Zelle pulsiert, ist Raum und Schwingung, jedes Molekül und jedes Atom sind Raum und Schwingung, die auf ihre – in der jeweils spezifischen Materie ganz eigene – Weise pulsiert: schnell oder langsam, fein oder dicht.

Hatha-Yoga als Weg, die Materie zu vergeistigen
Der tantrische Hatha-Yoga nun wurde entworfen als ein Weg zurück in die Erfahrung des Reinen Bewusstseins / des Reinen Gewahrseins und zum Wieder-Verschmelzen (laya) mit diesem zeitlosen, formlosen und unkonditionierten Geisteszustand. Es geht bei allen seinen Techniken deshalb letztendlich um die Vergeistigung alles Materiellen, beginnend beim grobstofflichen Körper bis hin zu den feinsten Schwingungen des Reinen Bewusstseins. Hatha-Yoga versteht sich damit als der Weg zurück in die von Glückseligkeit (ananda) erfüllte Bewusstheit (chit) des Seins an sich (sat) = Sat-Chid-Ananda (das „t“ von „chit“ verwandelt sich aufgrund des nachfolgenden Vokals von „ananda“ in sein weiches Pendant „d“, Anm. d. Red.). Und jeder Übungsschritt dieses Yogaweges steuert genau dorthin. Der Motor, der den Yogin antreibt, ist seine Sehnsucht, durch die Welt des Persönlichen, Formhaften und Vergänglichen wieder zurückzufinden zum Universellen, Formlosen und Unvergänglichen (dem Ewigen), denn er erkennt, dass jede Anhaftung an die äußere Welt die eigentliche Quelle aller seiner Leiden ist. Typisch für das Tantra ist nun, dass der Weg zurück über die ganz bewusste Erfahrung aller Formen der Materie gewählt wird.

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Nada in Asana erfahren – Hatha-Pradipika, Kap. 1
Wenn wir Asanas und Bewegungsabläufe üben, bringen wir die jeder Zelle innewohnende Lebensenergie (prana) so zum Schwingen, dass sie uns klar und deutlich erfahrbar wird. Je intensiver im Kraftvollen wie im Tiefen und Feinen unsere Körperarbeit ist, des­to mehr bringen wir also unseren Leib zum Pulsieren und Klingen und erfahren die Vibration des uranfänglichen Klangs (nada) in allen unseren Geweben. Dabei schwingt jedes Gewebe auf seine Art: das Bindegewebe anders als die Muskeln oder Knochen, das Herz anders als die Milz, die Nerven anders als die Blutgefäße, die Lymphe anders als das Blut. In diesem Zustand der Erfahrung des Prana fühlen wir uns lebendig, beglückt und frei von Sorgen und sonstigen Gedanken. Eine solch intensive Körpererfahrung führt uns ins Hier und Jetzt und damit ins Sein.

Nada im Atem erfahren – Hatha-Pradipika, Kap. 2
Wenn wir im Pranayama unsere Wahrnehmung auf unseren Atem ausrichten, werden wir nach und nach eins mit seinem Rhythmus. Wir werden erst die äußere Atmung mit ihrem langsamen, dichten Rhythmus erkennen und erfahren lernen, und dann – im Laufe der Jahre – zunehmend auch den feinen, schnellen Rhythmus der inneren Atmung / der Zellatmung wahrnehmen können. Auch wenn wir auf andere Lebewesen schauen, aber auch in der bewussten Wahrnehmung jeder Materie, eröffnet sich uns die universelle Erfahrung, dass alles ständig pulsiert und in seinem ureigensten Rhythmus schwingt.

Je stiller unser äußerer Atem werden wird, bis er fast ganz im Kevala-Pranayama zur Ruhe kommt, desto klarer können wir die feine innere Atmung spüren, die in jedem Moment gleichzeitig in Milliarden Zellen unseres Körpers stattfindet. Im Atem pulsiert die Gesamtheit dieser Zellen, dehnt sich aus und zieht sich zusammen – angeregt vom Rhythmus der Trommel in Form eines Stundenglases, die der tanzende Shiva in einer seiner Hände ohne Unterlass schlägt.

Nada in Mudra erfahren – Hatha-Pradipika, Kap. 3
In der Einübung der Mudras des Hatha-Yoga wird unsere Sensibilität immer weiter geschult. Die Mudras sehen zwar äußerlich oft aus wie Asanas, sind aber reine Energie- und Bewusstseinsübungen, durch die unsere feinstofflichen Sinne geschult werden. Diese Sensibilisierung ermöglicht es uns, immer genauer und differenzierter die Schwingung der Bewusstseinsenergie im eigenen Körper, im Geist und im Körper und Geist umgebenden Energiefeld wahrzunehmen und zu erkennen, dass es in diesem ganzen Sein nichts – aber auch gar nichts – gibt, was von dieser Schwingung abgetrennt ist.

In den Mudra-Übungen – wie übrigens auch in der Arbeit mit den Themen und Bildern der Chakras – beginnen wir uns zunehmend der Erfahrung zu öffnen, dass alles Energie ist, und zwar Energie, die sich ihrer selbst bewusst ist und die ihren inneren Gesetzmäßigkeiten in schier unfassbarer Logik und Kohärenz folgt. Deshalb weisen die Meister des Hatha-Yoga wieder und wieder darauf hin, dass diese Mudra (= Siegel) genannten Übungen den Tod besiegen. Wenn alles Energie ist, kann nichts sterben. Es kann nur wieder in seine Bestandteile zerfallen (wie ein Lied in seine Töne, symbolisiert durch die Noten), und auch dieser Prozess des Zerfallens folgt einem Rhythmus und vibriert und pulsiert. Aufgelöst in seine Einzelteile / seine Moleküle, wird z.B. auch unser Körper eines Tages mit den Bestandteilen der Erde, des Wassers, des Feuers und der Luft schwingen – bis sich daraus wieder ein neuer Körper zusammensetzen wird und so eine neue Form sichtbar werden wird, in der die „alte“ Materie weiterschwingt und pulsiert und dabei den Rhythmus dieses neuen Lebenszyklus annehmen wird. Die Materie wandelt sich, ohne dass die Schwingung der Lebensenergie auch nur einen Moment zur Ruhe kommt.

Den inneren Klang erfahren: Nada-Anusamdhana – Hatha-Pradipika, Kap. 4
Die Mudra-Übungen sind außerordentlich komplex und feinsinnig und erfordern von den Übenden ein Höchstmaß an gelöster Sammlung. Deswegen sind sie nur denjenigen zugänglich, die in der Lage sind, ihren Geist auf Dauer zu sammeln und auszurichten. Da der Hatha-Yoga ursprünglich sehr dem Wissen des Ayurveda verbunden war, wussten  die alten Hatha-Meister, dass einige Menschen von ihrer Konstitution her dazu nicht in der Lage sind, außer, sie würden sich mental außerordentlich anstrengen. In diesem Zustand kann aber keine Öffnung und schon gar kein Verschmelzen geschehen. Deswegen brauchen diese Menschen eine andere Methode – den Weg über ihren Hörsinn. Dieser archaische Sinn, der sich bereits im Mutterleib entfaltet, hilft den Übenden, zurück zur Quelle allen Seins zu finden: zum uranfänglichen Klang. Die Erfahrung der Stille nach jedem Klang erlaubt die Verschmelzung mit dem Reinen Sein.

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