In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Sind wir wirklich bewusst, oder glauben wir bloß, bewusst zu sein? Wer beobachtet den inneren Beobachter? Über die große Falle der Achtsamkeitsmeditation
Konzentration ist ein sehr hilfreiches geistiges Werkzeug. Sie hilft uns, den Körper zu entspannen, und sie bringt unseren Geist relativ in Ordnung. In der Kombination mit Achtsamkeit ist sie ein wirksames Mittel zur Erforschung der Psyche. Und in unseren alltäglichen Verrichtungen ist sie ein überaus wertvolles Werkzeug, das uns erlaubt, unsere Energie zu bündeln und sie in eine bestimmte Richtung oder auf ein bestimmtes Projekt hinzulenken. Konzentration ist ein gutes Werkzeug, und wie jedes andere Werkzeug taugt auch dieses für bestimmte Aufgaben und eignet sich nicht für andere. Konzentration wird uns allerdings wenig nützen, wenn wir uns dessen, worauf wir uns konzentrieren, nicht bewusst sind oder wenn uns gar nicht erst bewusst ist, dass wir konzentriert sind. Achtsamkeit ist eine enorm wichtige Komponente der Suche nach Erleuchtung. Ohne sie würden wir nicht erkennen, dass wir verwirklicht sind, und was würde uns die Verwirklichung dann nützen? Ohne Bewusstheit wäre Jesus ein mittelmäßiger Schreiner mit vielen Pflastern auf den Händen gewesen. Buddha wäre den Versuchungen während jener letzten entscheidenden Nacht der Meditation in Bodh-Gaya erlegen und wäre einfach ein weiterer wandernder Sadhu geworden, wenn auch einer mit vielen interessanten Kräften. Ohne Bewusstheit gibt es keine Heiligen, Propheten oder Religionsstifter.

Bewusstheit ist angesagt
Bewusstheit ist ausgesprochen angesagt, und es fällt schwer, etwas gegen ihre Wichtigkeit zu sagen. Es gibt Kurse in Bewusstheit, Bewusstheitsübungen, und es gibt sogar Vitamine und Kräuter, die als Bewusstheitsverstärker angepriesen werden. Bewusstheit ist in spirituellen Kreisen ein In-Begriff. Jedermann denkt, dass er oder sie Bewusstheit haben sollte. Die meisten wollen mehr davon, als sie haben. Manche verlieren sie regelmäßig, finden sie aber wieder. Jeder kennt einen, der sie dauerhaft verloren hat. Einige wenige behaupten, sie permanent verwirklicht zu haben, und sie lehren gewöhnlich andere, wie man sie bekommt. Jene, die Bewusstheit erlernen wollen, sind Menschen, die sie nicht haben, die sie verloren haben, die davon gehört haben und sie haben wollen, oder denen einfach nur langweilig war und die zufällig in den Bewusstheits-Workshop gekommen sind. Bewusstheit ist so sehr Teil der spirituellen Szene, dass wir unsere Bewusstheit verloren haben. Wir haben vergessen, dass Bewusstheit bloß ein Wort ist, dass es zum Jargon geworden ist, dass es zu etwas geworden ist, was eher für ein Gefühl des Mangels steht als für einen Bewusstseinszustand. Wir gehen nicht zu den Bewusstheitsworkshops, um Bewusstheit zu finden. Wir gehen hin, weil wir bewusst sind. Wir sind uns dessen bewusst, dass wir unglücklich sind.

Es ist ja nicht so, dass unser Leben eine Katastrophe wäre. Wir gehören nicht zu den Leuten, die sich beklagen, ihr Leben sei fragmentiert, schrecklich, sinnlos und, um dem Ganzen eine ironische Wende zu verleihen, auch noch viel zu kurz. Es gibt Menschen, deren Ehe in die Brüche geht, denen der Hausarzt erzählt hat, sich wegen einer Geschwulst keine Sorgen zu machen, ohne dass sie zu einem Spezialisten überwiesen worden wären, um die Diagnose zu überprüfen. Solchen Leuten ist die Kreditkarte gesperrt worden. Und sie sind allergisch auf Laktose.

Die meisten von uns gehören nicht dazu. Die meisten von uns sind bloß nicht mit ihrem Leben zufrieden. Aber Unglücklichsein ist nicht mehr angesagt. Es hat sich abgenutzt. Es lässt sich nicht gut vermarkten. Psychopharmaka wie Prozac sind in. Depression ist out. Depressive Menschen produzieren nicht so viel oder nicht schnell genug. Die Wirtschaft verliert aufgrund von Depressionen jährlich Milliarden von Euros. Sich in der Gesellschaft von Depressiven zu befinden, ist ätzend.

Starbucks, die amerikanische Kaffeehaus-Kette, ist sich dieser Bewusstheitswelle bewusst geworden. Sie begannen damit, Bewusstheit becherweise an die vom Regen durchweichten, niedergeschlagenen Bewohner von Seattle zu verkaufen. Das war so ein Erfolg, dass sich selbst die Börsenhändler der Wall Street dieser Entwicklung bewusst wurden. Seattle erwachte. Mit dem Grunge-Sound aus dieser Stadt war es vorbei. Seelenschmetter verlor an Marktanteilen. Die Firma Starbucks ging an die Börse, und das Geschäft mit der Bewusstheit wurde zur Wachstumsbranche. Marketingfirmen analysieren Aufmerksamkeit. Welche Marke kommt Ihnen zuerst in den Sinn? Welche Assoziationen haben Sie zu welchen Markennamen, und ist das relevant für das Zielgruppenmarketing? Wie viele Zuschauer schenken den Werbeblöcken während Sportsendungen Beachtung, und wie viele sind abgewandert aufs Klo? Aufmerksamkeit ist das große Geschäft. Und Aufmerksamkeit spielt auch in der spirituellen Welt eine große Rolle. Zentren, in denen man Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und Bewusstheit erlernen kann, sprießen wie Pilze aus dem Boden der Gesellschaft.

Anzeige

Sowohl in der buddhistischen als auch in der yogischen Meditationstradition ist die Konzentrationsmeditation eine Vorübung, die es dem Übenden schließlich erlaubt, so weit zur Ruhe zu kommen, dass er oder sie dessen gewahr wird, was vor sich geht. Die östlichen Meditationssysteme haben sehr detaillierte Beschreibungen von Techniken zur Entwicklung von Gewahrsein; und alle diese Verfahren setzen ein gewisses Maß an Sammlung des Geistes voraus. Achtsamkeitsmeditationen, die auf diesen östlichen Systemen beruhen, gehören zu den am schnellsten wachsenden Übungssystemen im Westen. Das liegt zum Teil daran, dass sie so einfach sind, zum Teil daran, dass der Übende damit sehr schnell Resultate erzielt – selbst wenn diese negativ sind. Achtsamkeitsmeditation ist einfach. Sie verlangt wenig mehr als endloses Sitzen, wobei man aufmerksam ist. Wir erlernen einfache Übungen, die uns unweigerlich vor Augen führen, wie unbewusst wir sind. Die Resultate sind „negativ“, aber sie kommen sofort.

Am Anfang bringt man den Schülern bei, Konzentration zu entwickeln, im Allgemeinen durch Achtsamkeit auf den Atem. In einigen Schulen wird dem Meditierenden dann geraten, er solle beginnen, Achtsamkeit zu kultivieren, indem er bewusst wahrnimmt, was Augenblick für Augenblick geschieht, ohne es zu bewerten, ohne es zu mögen oder abzulehnen. Das geht etwa so: Atmen; Empfindung an den Nasenflügeln; Kitzeln; Abneigung gegen das Kitzeln; der Gedanke, sich zu kratzen, steigt auf; der Gedanke vergeht; Schmerz in den Knien; Denken ans Mittagessen; Schmerz in den Schultern; und so weiter und so weiter.

Wenn der Meditierende die Absicht, aktiv zu werden, bemerkt, wird der Prozess des Bemerkens und Benennens subtiler. In einigen Systemen verlangsamt der Übende die alltäglichen körperlichen Abläufe, so dass jedes Detail einer Aktivität beobachtet werden kann. Schließlich fällt der Prozess des Benennens weg, und der Übende ist der Körper- / Geist-Phänomene ohne innere Verbalisierung gewahr. Dies hat die Qualität eines Stroms von Gewahrsein der Augenblick für Augenblick einander folgenden Gedanken, Gefühle und Empfindungen. Und dies ist erst der Anfang der Achtsamkeitsmeditation.

Anzeige