Der amerikanische Psychiater Lee Sannella, war der erste, der die psychiatrische Wissenschaft auf das Kundalini-Phänomen aufmerksam machte. In seinem Buch “Kundalini Erfahrung und die neuen Wissenschaften” (Synthesis-Verlag), dessen zweite Ausgabe von mir redigiert wurde, gelingt es ihm zwischen der spirituellen Kundalini und der von ihm bezeichneten “Physio-Kundalini” zu differenzieren. Die Letztere umfasst all die unterschiedlichen Symptome, die auftreten, wenn die erweckte Kundalini auf Blockierungen im pranischen Körper stößt. Ist dies der Fall, arbeitet die Kundalini-Energie solange an diesen Stellen, bis die Blockaden überwunden sind und sie in ihrem Aufstieg unbeeinträchtigt weiterfließen kann. Menschen, die dies erlebt haben, berichten von großen Schwierigkeiten, von Unwohlsein bis hin zu starken Schmerzen. Derartige Empfindungen sind jedoch keine zwingenden Begleiterscheinungen einer Kundalini-Erweckung. Sie sind lediglich Ausdruck einer mangelnden Vorbereitung. Solange keine tiefsitzenden energetischen Blockaden bestehen, läuft eine Kundalini-Erweckung weitaus weniger dramatisch ab. Der Praktizierende befindet sich einfach im Zustand der Ekstase. Ekstase ist reine Glückseligkeit und keineswegs unbehaglich oder schmerzvoll.

Dr. Sannellas Bemühungen erwiesen sich erwartungsgemäß als wenig einflussreich; zumindest nahmen sie einige Psychiater und Psychologen zum Anlass, sich näher mit dem Thema Kundalini auseinander zu setzen. Der erste Psychotherapeut, der ein starkes Interesse am Kundalini-Phänomen zeigte, war übrigens Carl Jung gewesen. Zusammen mit dem Indologen Johann W. Hauer hielt er im Rahmen der Eranos-7Gesellschaft einen Vortrag über Kundalini-Yoga. Doch hatte es trotzdem etliche Jahre gedauert, bis die Aufzeichnungen von damals wenigstens auf Englisch erscheinen konnten und allen Psychologie-Interessierten zugänglich gemacht wurden. Die Problematik dieser Konferenz bestand jedoch darin, dass allem Anschein nach weder Jung noch Hauer den Kundalini-Yoga tiefer verstanden hatten. Aus anderen Veröffentlichungen von Jung wissen wir, dass er den im Yoga für bedeutungsvoll erachteten Zustand des Samadhi für einen Zustand des Unterbewusstseins hielt; und Hauer glaubte gar im Hatha-Yoga eine Entartung des Kundalini-Yoga zu erkennen. Diese Einstellungen weisen auf eine bedauernswerte egozentrische Haltung hin, die der ganzen Thematik kaum nützlich war.

Wie bereits erwähnt, meinen die meisten Menschen, die von einer sogenannten Kundalini-Erweckung sprechen, ein viel bescheideneres Phänomen: die Erweckung des Prana, was im Sanskrit Prana-Utthana heißt. Prana ist die Energie, die den ganzen Kosmos und somit auch den menschlichen Körper mit Lebenskraft erfüllt. Prana ist die grundlegende Energie, die alle Lebewesen ernährt und erhält, jedoch selbst völlig unbewusst ist. In dieser Hinsicht steht das Prana sogar im Gegensatz zur Kundalini, die eine bewusste oder intelligente Kraft ist. Genauer gesagt ist die Kundalini die Kraft des transzendentalen Bewusstseins und wird in dieser Rolle als Cit-Shakti bezeichnet.

Das Prana, welches den Körper erhält, kann als eine abgestufte Form derselben Energie betrachtet werden. Dennoch spielt das Prana, abgesehen von seinen erhaltenden Funktionen, eine wichtige Rolle beim Erwecken der Kundalini. Es bedarf z.B. einer Atombombe, um eine Wasserstoffbombe zur Explosion bringen zu können. Gleichsam ist konzentriertes Prana notwendig, um jenes Tor aufzubrechen, durch welches die erweckte Kundalini-Göttin sich ihrem göttlichen Gemahl, dem Shiva, nähert.

Entsprechend der indischen Tradition muss ein Yogi zunächst sehr viel Prana ansammeln, um die latent schlafende Kundalini-Göttin erwecken zu können. Das verborgene Tor befindet sich im Muladhara-Chakra, das im feinstofflichen Körper einen Ort beschreibt, der im physischen Körper dem unteren Ende der Wirbelsäule entspricht. Dieser Ort ist uns als “brahmische Öffnung” bekannt. Die zweite “brahmische Öffnung” liegt oben am Scheitel. Die erweckte Kundalini-Göttin wandert durch die niedere Öffnung und gleitet entlang der Körperachse nach oben, bis sie wieder mit ihrem Gatten Shiva vereint ist. Shiva ist reines Bewusstsein. Wenn dies geschieht, verschmelzen Energie und Bewusstsein zu einer untrennbaren Einheit, Man spricht hier von Samadhi, einem Zustand absoluter Glückseligkeit, welche Körper und Geist vollständig überwindet.

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Der Aufstieg der Kundalini zum Sahasrara-Chakra, dem tausendblättrigen Lotos am Scheitel des Kopfes, geschieht normalerweise relativ unauffällig. Die Erweckung offenbart sich als erleuchtender Moment im Samadhi-Zustand. Die ganzen Aufregungen über die Kundalini-Symptome sind deshalb völlig unangebracht. Das einzige, was von Bedeutung ist, ist die glückselige Vereinigung von Energie und Bewusstsein. Im unerleuchteten Menschen sind Energie und Bewusstsein getrennt, so dass man Körper und Geist als begrenzte Teile erlebt. Die Energie, die uns als unerleuchtete Wesen zugänglich ist, ist minimaler Natur. Es ist, als ob wir nur mit einer 12-Volt-Batterie arbeiten im Gegensatz zu der unendlichen und unerschöpflichen Energie des reinen Bewusstseins. Diese universelle Energie des Bewusstsein ist gemäß dem Yoga unsere wahre Natur.

Doch selbst unter den Yogis, die ihr Leben ganz dem Ziel der Erleuchtung darbringen, gibt es nur wenige, die die Schwerkraft von Körper und Geist ausreichend überwinden, um den Zustand der formlosen Ekstase (Nirvikalpa-Samadhi) erleben zu können, ganz abgesehen von der Erlangung des höchsten Zustandes permanenter Erleuchtung. Trotzdem finden wir im Westen mehr und mehr Leute, die behaupten oder vorgeben, erleuchtet zu sein. Ich erlaube mir, solche Behauptungen stark anzuzweifeln.

In den meisten Fällen handelt es sich entweder um pure Selbstüberschätzung oder um eine grundlegende Fehlinterpretation des Wesens der Erleuchtung. Deshalb lege ich jedem, der sich ernsthaft mit spirituellen Dingen beschäftigt, sehr ans Herz, dass er sich gründlich mit den Jahrtausende alten geistigen Lehren des Ostens vertraut macht, die ja auf unzähligen persönlichen Experimenten und Erfahrungen beruhen.

Dasselbe gilt für den gegenwärtigen Kundalini-Wahn in der spirituellen Szene. Auch hier ist dieselbe Vorsicht und Sorgfalt angebracht. Ansonsten wird man leicht das Opfer von selbstgefälligen Missverständnissen, Illusionierung und Fehleinschätzungen. Auf jeden Fall beinhaltet ein echtes Kundalini-Erwachen immer eine tiefgründige Transformation unseres geistigen, emotionalen, und moralischen Lebens. Wenn das Erwachen dieser höchst intelligenten Kraft in uns wirklich stattfindet, dann geht es nicht nur um angenehme oder unangenehme Empfindungen, sondern – um eine biblische Ausdrucksweise zu gebrauchen – unser “alter Adam” wird dann gründlichst reformiert und letztendlich sogar vollständig überwunden. Ein vollkommenes Erwachen der Kundalini-Kraft ist ja nicht nur eine zeitweilige Erfahrung, sondern ein neuer Seinszustand, der mit vollständiger Erleuchtung gleichzusetzen ist.

Obgleich der Erleuchtete von außen betrachtet “menschlich” aussehen mag, wird uns der innere Zustand eines solchen Wesens solange unverständlich bleiben, bis wir ihn selbst verwirklicht haben. Das vollständig transformierte Wesen wird zum unendlichen Ozean bewusster Energie, die unsterblich und universell ist. Auf der menschlichen Ebene können wir das Schicksal eines erleuchteten Wesens kaum verstehen, und es wird uns wahrscheinlich mit Paradoxen angefüllt erscheinen. Doch können wir sicher sein, dass die verkörperte Gegenwart eines solchen Wesens auf lange Sicht für alle anderen Lebewesen transformierend wirkt. Das wird so sein, auch wenn wir die Größe und Gnade der Erleuchteten nicht anerkennen. Die Erleuchtung ist vollkommen unabhängig von jedweder Meinung. Sie ist einfach eine wunderbare Lichtung im Dickicht der Welt.

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4 Kommentare

  1. 🙂
    Ich weis nicht, ich gehöre zu den Menschen die sehr zweifeln. Vielleicht schon zu sehr.. Aber ich muss sagen ich mach zurzeit eigenartige Erfahrungen.
    Ich spüre öfter mal so Impulse die sich wie kreiswelllen ausdehnen im Körper.. meist geht es von einem Punkt von der Wirbelsäule los und dehnt sich willkürlich in in irgndwelche Richtungen aus.
    Manchmal geht es aus der Mitte der Wirbelsäule aus in die Beine, manchmal zum rechten Arm manchmal zum linken.
    Manchmal auch hoch zum Kopf und umfasst den gesamten Kopf. Die Dauer ist allerdings sehr kurz..es dehnt sich aus und wenn es die grenzen erreicht am physischen Körper hört es auf.
    Meist sind die auslöser das ich zB den PC- Muskel am Anus zusammenziehe, aber nicht immer das ich es pauschalisieren könnte..
    Ich denke schon das es die Kundalini ist, bzw das die Kundalini an den Stellen auf blockaden trifft.

  2. Ich durfte diese Erfahrung vor zehn Jahren machen. Ich wusste damals nicht, was Kundalini ist. Ich spürte das ein Stock angefangen im Steißbein, immer wieder mit Pausen, bis ins Gehirn hochkrabbelte. Dauerte ungefähr eine Stunde.

    Seit dem leide ich an starken Depressionen, ich hab nichts mehr unter Kontrolle. Ich hab zwar viele Erkenntnisse während dieser Zeit gewonnen, Moralvorstellungen über Bord geworfen, bin viel toleranter geworden, Einsichten über Einsichten bekommen, aber ich kann mich nicht richtig konzentrieren, hab seit diesem Erlebniss Schlafprobleme, meine Ehe ist daran zerbrochen, meine Firma, um die ich mich überhaupt nicht mehr gekümmert habe und mir überhaupt erlaubt hat, ein finanzielles Einkommen zu haben, weil ich ansonsten auf der Straße gelandet wäre, geht demnächst pleite.

    Verdammte zehn Jahre meines Lebens sind dahin und ich funktioniere immer noch nicht. Wenn ich gewusst hätte, dass dieser Scheiß solange dauern würde und ich in den ersten Jahren die Zuversicht und das Vertrauen, dass alles gut wird, nicht gespürt hätte, hätte ich mich mit Psychopharmaka vollgedröhnt.

    Alles entrinnt mir. Was ich sagen will, Last die Finger von diesem Scheiß, wenn ihr auf dieser Welt funktionieren wollt.

    Ich frag mich nur, was mich so stark davon abhält Antideprssiva zu nehmen, obwohl ich das so bitternötig hätte.

    • Hallo,

      bei mir ist es aehnlich, 5 Jahre mache ich das Kundalini/ Energie-Zeugs schon mit und mit aenlichen Folgen, e.g. Partnerin weg, Arbeiten auf Sparflamme, etc. In einem Akt der Verzweifelung habe ich mich kuerzlich dazu durchgerungen etwas mit Anti-Depressiva (Citalopram) herumzu-experimentieren, mit der Erkenntnis das dieser Tabletten-Scheiss auch nicht hilft…. da muss man wohl so durch und hoffen, dass sich die sich alles eines tages irgendwier (wieder) ‚einrenkt‘ ….

  3. Hallo,
    Bei mir ging es vor 2 Jahren los, während einer Meditation. Es hatte mich damals so erschreckt, das ich erstmal aufgehört hatte, zu meditieren. Als ich wieder anfing, fingen auch die Energieschübe wieder an, wie eine Fontäne einmal durch den gesamten Körper. Inzwischen hatte ich über Foren herausgefunden, das es so etwas wie Kundalini und auch das Kundalini-Syndrom gibt und so wurde ich gelassener. Jetzt, nach 2 Jahren, sind die Schübe zwar sehr stark, aber sie beunruhigen mich nicht mehr. Das einzige was stört, ist der lang anhaltende Schläfendruck nach einer Folge von solchen Energiewellen und hin und wieder schlaflose Nächte, wenn die Kundalini einfach keine Ruhe geben will. Ich meide Alkohol und jegliche Art von Stimulanzen, auch stark gewürzte Speisen stehen nicht mehr auf dem Speiseplan (mag ich auch gar nicht mehr). Dadurch kann ich das soweit runterregeln, dass die Schübe deutlich milder ausfallen. Manchmal sind sie sogar so angenehm, dass ich den Zustand für 1-2 Stunden genieße. Auch habe ich herausgefunden, dass man mit der Energie reden kann. Ich bitte sie dann in Gedanken, mich schlafen zu lassen, was sehr oft funktioniert. Meine Träume haben in den letzten 2 Jahren an Intensität zugenommen, auch habe ich vermehrt luzide Träume, was ja auch was Schönes ist. Solange es auf dem jetzigen Level bleibt, kann ich damit gut leben.