Vor einigen Wochen hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer Freundin, welches mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Hängt unsere körperliche Grundkonstitution mit unserem Geist zusammen? Und wenn ja, inwiefern verändert unsere Yogapraxis, rein körperlich betrachtet, unseren Geist?

Über Hyperflexibilität und den Wunsch, es jedem Recht machen zu wollen

Meine Bekannte beklagte sich vor kurzem, dass sie zu flexibel sei und es ihr schwer fiel, manche Asanas entspannt zu halten, da sie zu weit in die Position eintaucht und nicht die Kraft hat, sich im Gleichgewicht zu halten. Eine Luxusbeschwerde, dachte ich im ersten Augenblick, da die Mehrheit, mich eingeschlossen, gerne mehr Flexibilität hätte.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs begannen wir jedoch darüber zu sprechen, wie wir uns fühlten, bevor wir mit Yoga anfingen. Ich gab zu, mich immer sehr unflexibel gefühlt zu haben. Daraufhin fragte sie mich, ob ich dafür mehr Kraft hätte. Ich sah mich nie als körperlich kraftvoll. Im Vergleich zu ihrem Körperbau mag es jedoch zutreffen. Auch geistig hatte ich von früh an die Kraft, auch mal Nein zu sagen.

Ihr Weg war ein anderer. Von klein auf war sie körperlich sehr flexibel, sogar zu sehr, wie sie selbst über sich aussagt, da ihr zur Balance und Ausgewogenheit die körperliche Stärke fehlte. Und parallel dazu sah es bei ihr mental genauso aus. Sie wollte es von klein auf jedem Recht machen, verbog sich dazu im übertragenen Sinne und nahm sich selbst extrem zurück. Durch ihre Asanapraxis gewann sie die körperliche Kraft, welche sich nun in ihrem Geiste spiegelt. Sie hat gelernt, auf ihren Körper zu hören und für sich selbst einzustehen und die Meinung anderer nicht mehr so stark in den Vordergrund zu stellen.

Sturheit und andere Hindernisse

Bei mir war es genau umgekehrt. Ich hatte kaum – mentale wie physische – Flexibilität. Ich war schon als Kind stur und alles hatte so zu laufen, wie ich es in meinem Kopf ausgemalt hatte. Falls es anders kam, hatte ich Probleme mich darauf einzustellen. Es ging so weit, dass ich Dinge, die als Teenager als “cool” galten, eben nicht tat, weil sie genau dies waren. Ich pochte derart auf meine Individualität, dass ich Sachen aus den falschen Gründen ablehnte. Meine Jugend war demnach nicht einfach. Allerdings hatte ich wenigstens die Stärke, meinen eigenen Weg zu gehen – auch wenn dieser manchmal einsam war, da ich mich bewusst ausschloss, falls ich nicht so akzeptiert wurde, wie ich war.

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Die richtige Balance

Eine Ausgewogenheit an Kraft und Flexibilität ist sicherlich der beste Weg. Unsere Beispiele sind sicherlich zwei Extreme – allerdings findet ihr euch sicher in einem der beiden Beispiele wieder.

Ich diskutierte die Relation von mentaler und körperlicher Flexibilität und Kraft mit meinen Mitschülern des Yoga Teacher Trainings auf Teneriffa – und bis auf eine Ausnahme ließen sich alle in eine der beiden Kategorien einteilen. Diejenigen, die bereits flexibel waren, bevor sie Yoga anfingen, passten sich gerne an und hatten kein Problem damit, ihre Meinung oder Pläne zu ändern. Bei den extrem Flexiblen war es in der Tat so, dass sie es gerne jedem Recht machen wollten. Eine weitere Schülerin gab zu, eher unflexibel gewesen zu sein – und sie war damals genauso stur und unangepasst wie ich.

Der Ursprung

Was nun genau die Ursache war – ob körperliche Flexibilität zu mentaler führt oder umgekehrt, kann ich schwer sagen. Den gegebenen Körperbau kann man sicherlich schwerer mental beeinflussen. Jedoch bin ich überzeugt, dass uns allen Yoga dabei geholfen hat, mehr Balance und Ausgewogenheit in beiden Aspekten zu erreichen. Natürlich spielten dabei auch Meditation und Pranayama eine Rolle; allerdings war der Zusammenhang zwischen Körper und Geist hier so schön deutlich.

Meine Bekannte, wie ich selbst auch, können auf jeden Fall bejahen, dass sich durch unsere Praxis neben unserem Körper auch unser Geist verändert hat. Mittlerweile kann ich Veränderungen gelassener entgegensehen, nehme Dinge so an, wie sie kommen und lernte, mich etwas mehr von meinem Ego zu distanzieren. Ich bin noch lange nicht am Ende, aber der Weg selbst ist schon sehr spannend und es ist unglaublich, die eigenen Veränderungen wahrzunehmen.

Dass die Yogapraxis auch neben den körperlichen Eigenschaften unseren Geist beeinflusst, ist bekannt. Dass beide jedoch so unmittelbar zusammenhängen, kann man, wie ich finde, nie oft genug betonen.

Falls du dich in einer der beiden Gruppen wiedererkannt hast und an dir arbeiten magst, versuche es doch mal mit Dehnungen für mehr mentale Flexibilität oder kraftvolleren Übungen, um leichter für dich selbst einstehen zu können. Viel Erfolg!

 

Autor

20160621_120030-1-200x200Gast-Bloggerin Eva Paasch hat einen Magister in Romanistik, historischer Ethnologie und Philosophie. Nach einigen Jahren in Spanien, arbeitete sie als Analystin in einer brasilianischen Bank in Frankfurt und hat sich nun entschieden, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben und durch die Welt zu reisen. Über ihre Erfahrungen und Ausbildungen als Yogalehrerin berichtet sie auf ihrem TravellingYogini Blog.

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