Was ist mit Menschen, die unter Tinnitus leiden? Worauf müssen sie achten, wenn sie Nada-Yoga praktizieren?

Barbara: Menschen, die unter Tinnitus leiden, beschreiben störende Geräusche der unterschiedlichsten Qualitäten. Dies können Geräusche wie Rauschen, Pfeifen, Schaben oder bei starker Ausprägung auch zum Beispiel ein lautes, kreischendes Dröhnen sein. Diese Geräusche werden meistens als große psychische Belastung empfunden. Tinnitus stellt eine der häufigsten Stressreaktionen unserer Zeit dar. Wichtig ist hier aus ganzheitlicher Sicht, übermäßige, auch akustische Reize während der Übungspraxis und im Alltag zu reduzieren. Bei Tinnitus-Patienten haben wir ausgeprägte Verspannungen im Rücken, im Schulter-Nackenbereich und in der Kiefermuskulatur festgestellt. Diese sollte man dann vor der Nada-Yoga-Praxis angehen, z.B. durch Akupunktur, Massagen und sanfte Asana-Praxis. Danach spricht alles dafür, die Nada-Yoga-Praxis mit sanften, natürlichen Klängen auszuüben. Durch diese Praxis wird Tinnitus in vielen Fällen positiv beeinflusst, vor allem auch dadurch, dass die Praktizierenden dem Hörsinn Aufmerksamkeit schenken. Sie beschäftigen sich aktiv mit diesem Sinn und empfinden ihn nicht nur als eine Belastung, sondern als Möglichkeit des Selbststudiums. Günstig ist bei Tinnitus die Integration von Körper und Atem. Bei ausgeprägtem Tinnitus ist eine Einzelbegleitung in Form von Yogatherapie empfehlenswert, die Elemente des Nada-Yoga mit einbezieht.

Es heißt auch, dass ein Nada-Yogi das makrokosmische Universum wie eine Projektion von Klangvibrationen erlebt, als ob sich die ganze Welt allein vom Klang aus entwickelt hat. Schließt ihr euch der Meinung an, dass Klang der Ursprung des Universums ist?

Carmen: Wenn man diese Frage aus eigener Erfahrung beantworten könnte, wäre man bereits erleuchtet und sicher nicht im physischen Körper präsent. Einen Vorgeschmack davon bekommt man, wenn man zum Beispiel in der Natur den Klängen ganz unvoreingenommen lauscht – ohne die Klänge zu benennen oder irgendwie einzuordnen, so als ob man zum ersten Mal lauscht. Dann kann man diese intensive Verbindung mit der klingenden Welt erleben.

Nada-Yoga wird auch als eine Methode beschrieben, bei der man seine Traumata auflösen kann, ohne sich ständig direkt mit ihnen konfrontieren zu müssen. Wie seht ihr das? Habt ihr hier positive Erfahrungen mit Teilnehmern gemacht?

Barbara: Wenn du das Wort Trauma benutzt, hast du eine Situation vor Augen, die du als solche benennst und die dir also durchaus bekannt ist. Grundsätzlich ist es möglich, durch die Nada-Yoga-Praxis Traumata aufzulösen, auch ohne sich durch Psychotherapie damit zu konfrontieren. Jedoch ist eine gewisse Stabilität des Körper-Geist-Systems dafür erforderlich. Bei starker Traumatisierung ist sicherlich eine intensive professionelle, auch psychotherapeutische Begleitung notwendig. Traumatische Erfahrungen haben ihre Entsprechung in körperlichen Spannungen und in Spannungen im Atemmuster – ebenso natürlich im Klangmuster. In der Körperspannung wird angestaute Energie gehalten. Da die Nada-Yoga-Praxis eine tief entspannende Wirkung hat, können solche gehaltenen Bereiche auch eine Erlösung der körperlich-emotionalen Anspannung erfahren. Auch dienen spezielle Mantras der Heilung und Auflösung von festgefahrenen Gedanken und emotionalen Strukturen. Durch die generelle Bewegung der Energie beim Nada-Yoga gelangt man von einem Druckempfinden auf der emotionalen Ebene in eine feinere Schwingungsebene und kommt dann vom Druck zum Ausdruck.

Carmen: Teilnehmer berichten öfter von emotional belasteten Situationen und Erinnerungen. Häufig schildern sie verletzende Erfahrungen durch Situationen, in denen sie sich als Kind bloßgestellt fühlten, zum Beispiel beim Vorsingen im Schulunterricht. Manche wurden als „Brummer“ abgewertet und vom Singen ausgeschlossen. Trotz dieser negativen Erfahrungen bleibt der Wunsch, zu singen und über die Stimme dem Innersten Ausdruck zu verleihen, was jedoch erst mal eine Überwindung bedeutet. Im Nada-Yoga wird die Stimme nicht mehr an äußeren Parametern gemessen, und so kann sie als Ausdruck von Freude erlebt werden.

In der Nada-Yoga-Tradition haben die Yogis herausgefunden, dass das Zentrum des Klanges Bindu ist. Bindu befindet sich oben auf dem Hinterkopf. Es ist das Zentrum im Gehirn, wo ständige Vibration stattfindet. Um den Nada-Klang erleben zu können, muss Bindu lokalisiert werden. Welche praktischen Übungen sind erforderlich, um Bindu zu lokalisieren?

Carmen: Der Kontakt zum Bindu als Klangzentrum im Menschen kann praktisch über die sehr fortgeschrittene Praxis von Nada-Anusamdhana erfahren werden. Hier wird durch das innere Lauschen auf die Hörwahrnehmung des rechten Ohrs zunächst der Hörsinn auf die Mittelachse konzentriert. Man hört Klänge, wie Silberglöckchen, Grillenzirpen, auch Trommelschläge. Folgt man diesen Klängen mit der Konzentration, so folgt man dabei gleichzeitig der Mittelachse des Körpers nach oben bis zum Bindu. Dies ist ein organischer Prozess, bei dem man durch den Klang selbst zum Bindu geleitet wird. Ein äußerliches Fokussieren auf den Punkt wäre dieser Praxis eher hinderlich, denn hier bleibt die Konzentration auf den Klang gerichtet.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.