Gongmeditationen können eine transformierende Erfahrung sein. Mit seinem unvorhersehbaren Resound durchbricht der Gong die Erwartungen des Verstandes, löscht Konditionierungen und verbindet den Meditierenden mit der ursprünglichen Frequenz

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Der große Raum im Yogazentrum füllt sich schnell in freudiger Erwartung einer Gongmeditation. Doch was ist daran so besonders? Eine Meditation, bei der Sie liegen dürfen, anstatt für eine längere Zeit zu sitzen. Bei der Sie sich nicht anstrengen müssen, Ihre Gedanken in den Griff zu bekommen, Ihr Karussell, die Denkfabrik, wenigstens für kurze Zeit stillzulegen. Was Sie nicht wissen: Der Gong ist mächtig, er wird Sie packen und hinforttragen. Oder Sie kämpfen dagegen an. Feststeht: Die Teilnehmer werden mehr durchleben und mehr an sich arbeiten, als sie es sich vorzustellen wagten.

Auflösung verinnerlichter Muster durch den Gong
Wir bereiten uns auf eine Gongmeditation mit einem Yoga-Set aus der Kundalini-Yoga-Tradition nach Yogi Bhajan vor. Er brachte das alte Wissen um den Gong und seine Wirkung aus Indien in unsere westliche Welt. Sein direkter Schüler Nanak Dev Singh gibt es nun an seine Aspiranten weiter. Heute ist es an ihm, die Gongmeditation zu spielen. Die Teilnehmer legen sich auf ihre Yogamatte und decken sich zu. Sie sind bereit für das, was kommt.

Was geschieht nun eigentlich bei einer Gongmeditation, wie wirkt sie? Der Gongspieler bildet mit den Meditierenden und dem Gong eine Einheit. Er ist ein Medium, durch das der Gong seine Wirkung für die Teilnehmer der Meditation entfalten kann. Nanak Dev Singh sagt dazu: „Mit dem geschickten Spiel kann der Gong verschiedene Trancezustände hervorbringen. Es gibt eine unendliche Vielfalt an Trancefrequenzen und -zuständen. Das menschliche Bewusstsein ist auf eine bestimmte Schwingung eingestimmt. Wir nennen es aum, den Klang, aus dem das Universum hervorging, den Urklang.“ Der Gong bringt die Teilnehmer zurück zu diesem Ursprung und erschafft diese spezielle Frequenz neu. Er hat die Fähigkeit, das vom Unterbewusstsein kontrollierte Bewusstsein umzuschreiben, Muster, Traumata und Programme zu löschen. Sie werden als kristalline Muster in unserem Unterbewusstsein auf einer bestimmten Schwingungsebene gespeichert. Der Gong kann diese Schwingungsebene mit seiner höheren, auf das universelle aum eingestimmten Frequenz erreichen und so die Muster auflösen. Sie sind energetische Abdrücke, verdunkeln unsere Aura, wie Schatten in unserem Bewusstsein. Es braucht viele Stunden der Meditation oder zahlreiche Therapiesitzungen, um sie aufzulösen. Das ist so langwierig, weil Information als Licht gespeichert wird, nicht als Text. Wir können sie also nicht wegreden. Der Klang des Gongs hingegen ist reines, weißes Licht und kann unsere Muster einfach auflösen. Wie diese Frequenz erreicht werden kann, lehrt die Vidya, die vom ursprünglichen Wissen herrührende Lehre. Dass der Klang des Gongs tatsächlich seine Wirkung entfaltet hat und sein Licht in das Unterbewusstsein geflutet ist, zeigt oftmals ein Blick des Spielers in die Augen der gerade aufwachenden Teilnehmer einer solchen Meditation. Welche Muster oder Blockaden aber aufgelöst werden, kann vorher nicht festgelegt werden. Gongmeditation nach Rezept, beispielsweise gegen Ängste oder Spinnenphobien, wird nicht funktionieren.

Vom absoluten Klang
Anfangs ist der Gong noch sehr leise. Kaum hörbar. Das Ohr muss die ersten Gongtöne förmlich in sich hineinsaugen und halten. Dann beginnt er, seinen Klangteppich auszubreiten. Der Gong klingt nicht durch den Schlag seines Spielers, er ertönt durch den Sound, der vom letzten Schlag zurückkommt, und vermischt sich mit den Anschlägen zu einem neuen Klang. Und mit jedem einzelnen Gongschlag addiert sich der Widerhall des Gongs zu einem Klangraum, der die Zuhörer hinfortträgt – der Resound. Er ist nicht vorhersehbar, er bedient kein bekanntes Klangmuster und verwirrt die Zuhörer. Ihr Verstand weiß ihn nicht einzuordnen. Der Gong durchbricht und öffnet dadurch die Teilnehmer. Yogi Bhajan sagte dazu: „The gong is not sound, the gong is resound.“ Er erklärt: „Wenn du in die Berge gehst und nur ein Wort rufst, so wird das Echo tausendmal mehr erschallen und tausend Meilen weiter klingen. Das ist die Kraft des widerklingenden Sounds. Wir nennen es Anahad (Gurmukhi für Sanskrit ‚anahata‘, Anm. der Red.), den Klang ohne Grenzen.“ In der yogischen Lehre heißt es, dass das Universum aus Klang erschaffen sei und sich alles in Frequenzen widerspiegele. Jenseits alles Physischen begann die Schöpfung mit einer Vibration. In der christlichen Bibel heißt es: „Am Anfang war das Wort.“ In der Yogalehre ist dies Nada, der Klang. Wissenschaftler nennen es „kosmische Strahlung“ – der konstante Klang, der vom Urknall übrig ist.

Sich dem Klangteppich des Gongs ganz anvertrauen
Mittlerweile ist der Raum erfüllt vom Klangteppich des Gongs. Nanak Dev spielt ihn unaufhörlich Stufe für Stufe weiter. Manche Teilnehmer fechten nun ihren inneren Kampf aus. Das Ego meldet sich, das stets die Kontrolle ausüben will gegen die Macht des Gongs, der den Meditierenden aufnehmen und wegtragen will. Dafür muss dieser jedoch die Kontrolle über sich aufgeben, sich dem Gong hingeben und mit sich geschehen lassen, was auch kommen mag, und das fällt so manchem bei seiner ersten Gongmeditation noch schwer.

Nanak Dev erklärt seinen Gongschülern bei der Ausbildung: „Spüre den Energiefluss der Gruppe und kreiere den Energiefluss, der vom Gong ausgeht. Du selbst als Gongspieler bist nur ein hauchdünnes Papier. Du reagierst nicht. Durch dieses hauchdünne Medium nimmt dein Bewusstsein Informationen auf, die genutzt werden, um die Meditation zu führen.“ Wir wissen seitdem: Je klarer das Bewusstsein ist, um so klarer sind die Informationen, die durch unser Nervensystem gehen und sich im Gong manifestieren. Nanak Dev weist darauf hin, dass diese Klarheit essenziell ist, um sich auf die Schwingungen der energetischen Blockaden – alte Muster, Verletzungen oder Krankheiten der Teilnehmer – einzustimmen und sie zu neutralisieren. Der Yogalehrer und Gongspieler ist nur ein Kanal, der die Informationen und Schwingungen der Teilnehmer durch sich hindurch aufnimmt und sie in der entgegengesetzten Richtung an seine Schüler abgibt.

Nach der Gongmeditation werden die Teilnehmer sanft geweckt. Manche sind sofort da, andere aber treiben weit weg und müssen förmlich zurückgeholt werden. Es ist auch völlig ok, wenn jemand einschläft – ein Zeichen völliger Entspannung. Ein Blick in die Augen der Meditierenden verrät, aus welchen Tiefen sie gerade zurückkommen. Er macht demütig und zeigt jedesmal wieder, welche Wirkung der Spieler mit seinem Gong auf die Teilnehmer ausübt. Davor kann sich der Gongspieler nur tief verneigen und sich seiner Verantwortung bewusst sein.

Laut, unyogisch und alle Erwartungen durchbrechend, fordert Nanak Dev Singh nach dem Abschlussmantra die Teilnehmer auf, mit ihm gemeinsam zu Bob Marley oder den Bee Gees zu tanzen und sich gründlich zu erden. Das soll die Teilnehmer wieder zurück ins Hier und Jetzt führen, damit jeder wieder sicher das Yogazentrum verlassen und in seinen Alltag zurückkehren kann, im Auto, in der U-Bahn oder zu Fuß. Unberührt gelassen hat so eine Gongmeditation noch niemanden.

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