Die Tänzerin und Heilerin Gabrielle Roth begründete die „5 Rhythms™“, eine Tanzmeditation, die Ekstase und Heilung verbindet. Sie lebt in New York, unterrichtet seit über 35 Jahren in Schulen, Krankenhäusern und Theatern, hat zahlreiche Bücher geschrieben und Trance- und Heilmusik produziert
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Nichts als Füße. Sie laufen, überstürzen sich, rennen ineinander. Der Boden ist ihr Zuhause, auch wenn sie es immer wieder verlassen. Bevor der Kopf denken kann, bewegen sie sich, ziehen die anderen Körperteile hinterher, bis sie die Richtung verlieren, sich auflösen, in einem Schwindel, einem Vergessen. Es ist Ekstase. Es ist Tanz. Nicht der Tanz, bei dem die Schritte gelernt werden wie Noten. Nicht der Tanz, der die Bewegungen denkt, bevor er sie tut. Es ist der Tanz, den jeder tanzen kann. Der nichts will, außer Auflösung aller Formen und Grenzen. „Wenn du lange und heftig und tief im Schwarzen Loch deines eigenen Bewusstseins tanzt, dann wird die Kraft deiner Seele irgendwann einströmen und alles mit sich reißen – vor allem dich“, sagt Gabrielle Roth.
Um die fünf Rhythmen zu tanzen, muss man nichts von ihnen wissen. Der Körper kennt sie, setzt sie in Bewegung, tanzt sie wie von alleine. „Die Rhythmen gibt es nicht nur im Tanz, sie durchziehen unser ganzes Leben“, sagt Gabrielle Roth. Sie hat mit allen möglichen Menschen gearbeitet – mit Rockstars und Priestern, mit Kindern und alten Leuten, mit Schizophrenen und Intellektuellen. Es war nicht einer darunter, der die Rhythmen nicht gekonnt hätte. Die fünf Rhythmen erleben wir auch in kreativen Prozessen, in einer Yogastunde oder beim Sex. „Denk an ein unvergessliches sexuelles Erlebnis.“, sagt Roth. „Da bewegen wir uns in der ganzen Welle der Rhythmen.“.    

Die Welle der fünf Rhythmen beginnt weich und fließend – Flowing. Sie geht über in klare, nach außen gerichtete Bewegungen – Staccato. Es folgt die Hingabe an den Beat und den Strom der Bewegungen – Chaos. Der Körper entspannt sich in leichten, spielerischen Bewegungen – Lyrical. Abschließend kommt die Phase der Ruhe – Stillness. Für jeden Rhythmus gibt es die passende Musik. Jeder Rhythmus entspricht einem Gefühl und hat eine Licht- und Schattenseite. Die dunkle Seite kommt zum Ausdruck, wenn die Energie blockiert ist, und sie zeigt sich nicht nur beim Tanzen, sondern in allen Bereichen des Lebens. Um die Eigenschaften des jeweiligen Rhythmus zu verstehen, werden all seine Seiten im Tanz erforscht. Jeder Mensch fühlt sich in einem der fünf Rhythmen besonders Zuhause, jeder Ort hat einen Rhythmus.

Flowing ist die weibliche Energie, die Bewegungen sind weich und leicht. Das Gefühl ist fließende Liebe. Ist der Rhythmus blockiert, entsteht das Gefühl der Angst, und Trägheit kommt zum Vorschein. „Trägheit ist verführerisch, denn sie verfügt über die Merkmale der Ekstase“, sagt Roth. „Sie ist natürlich, braucht keine Anstrengung und kommt uns total entgegen.“ Doch unaufhörliche Bewegung und stetiger Wandel sind die Natur des Lebens, und die Trägheit ist das Hindernis der Bewegung.  

Staccato ist die männliche Energie, die sich der Welt öffnet, sie drückt sich in Klarheit und Zielgerichtetheit aus, aber auch in Abgrenzung. Wo bin ich, wo ist der andere. Das Gefühl ist Kraft. Ist die Staccato-Energie nicht im Fluss, entstehen Trennung, Härte und Wut. Körperlich drückt sich der Rhythmus in schnellen, abgehackten Bewegungen aus. New York ist eine Staccato-Stadt.

Chaos ist der Rhythmus, der Männliches und Weibliches verbindet. Das Gefühl ist Hingabe und ekstatische Auflösung. Der Tänzer zerfließt, es gibt keine Trennung mehr zwischen dem, der tanzt, dem Tanz und der Musik. Es ist der Zustand der Ekstase, beim Sex der Orgasmus. Das Hindernis auf dem Weg zum Chaos ist die Kontrolle. Sie hält fest, hält das Ich im Kopf, statt es im Körper verschwinden zu lassen. Das Gefühl hinter der Kontrolle ist Traurigkeit.

Lyrical ist die Energie, die verspielt ist. Sie will Theater spielen, ein Gedicht schreiben. Fliegen und zugleich auf dem Boden springen. Das Gefühl ist Freude. Lyrical folgt der Ekstase, die den Körper weich und durchlässig gemacht hat. Wie aus Gummi bewegt sie sich und taumelt, bevor sie ganz in sich zusammensinkt. Ist ihr Rhythmus blockiert, entsteht Orientierungslosigkeit und alles driftet weg. „Spaced-out“ ist die Schattenseite von Lyrical. In diesem Zustand fliegt der Geist irgendwo herum, in einer anderen Welt, nicht mehr eins mit dem Jetzt, mit dem Körper.

Stille ist der Zustand des Friedens. Äußerlich kommt der Körper zur Ruhe, innerlich fließt alles, ist verbunden und eins. Das Gefühl ist Mitgefühl. Ist die Energie blockiert, entsteht Dumpfheit.      

Die fünf Rhythmen haben eine gewaltige Heilkraft. Leute, die regelmäßig die Rhythmen praktizieren, stellen eine auffallende Steigerung ihres Wohlbefindens fest. Sie zu tanzen, ist Meditation in Bewegung. „Die Rhythmen sind Heilkraut, Gebet und Atem“, sagt die Tanzlehrerin Dagmar Dolores Cee. Ziel der fünf Rhythmen ist, den Tänzer zu vergessen, und sich bewegen zu lassen. Sich der Kraft hinzugeben. Zur Essenz von sich selbst zu erwachen. In den Fluss des Lebens zu tauchen. Körper, Herz und Geist zu vereinen.

Die fünf Rhythmen führen zur Präsenz, Lebendigkeit und Ekstase. Sie öffnen das Herz, fördern intuitive Intelligenz und künstlerische Sensibilität. Sie sind Ausdrucksmittel für die tiefsten, geheimsten Gefühle. Das Tanzen der fünf Rhythmen ist Kommunikation ohne Worte. „Die Rhythmen lehren mich, meinen Wortschatz ohne Worte zu vergrößern“, sagt Cee.

Im Tanz wird der Körper zu einer Form für das Spiel der Rhythmen. Sie durchströmen ihn wie eine Welle, wühlen Geist und Herz auf. Der Körper wird zum Rhythmus selbst und dringt so in das Wesen der Rhythmen ein, auf der tiefsten Ebene, auf der Seelen-Ebene. „Du kannst dich darauf verlassen, dass letztlich dein Körper dein Lehrer ist“, weiß Gabrielle Roth.
Der Schlüssel zur Ekstase ist Hingabe, Loslassen, Zusammenbrechen. „In meinem Fall hat dieses Zusammenbrechen auf unzähligen Tanzflächen stattgefunden“, sagt Roth. „Und zwar dann, wenn die Musik dermaßen abging, dass ich aufhörte, mir darüber Gedanken zu machen, was die anderen über meine Art zu tanzen dachten.“

Es ist Tanz. Der Tanz, der solange tanzt, bis der Tänzer sich auflöst, und  nur der Tanz übrig bleibt. Der wie der Herzschlag ist. Urkraft. Beat. Leben.

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