Im Zentrum der Energie: einer der wichtigsten Ban­dhas des Hatha Yoga arbeitet mit dem „Feuerkessel“ des Körpers
Hatha Yoga ist eine Praxis, die sehr viel Geduld im Umgang mit dem Mysterium Körper erfordert. Ein tieferes Verständnis der Hatha Yoga Praxis entwickelte sich auf meinem persönlichen Weg erst über die Praxis von Uddiyana Bandha. Der Titel der tantrischen Schrift

Hatha Yoga Pradipika bedeutet die „Leuchte des Hatha Yoga“. Uddiyana Bandha Mudra ist für mich zu solch einer Leuchte in der Hatha Yoga Praxis geworden. Sie wirft Licht auf das gesamte Innenleben der Posen (Asanas).

„Die drei Bandhas sind die wahren Könige der hermetischen Isolation der Lebenskraft (Prana).“ So beschreibt Shandor Remete in Shadow Yoga die Technik, die soviel Licht und Tiefe in die Praxis des Hatha Yoga bringt.

Hatha Yoga und Uddiyana Bandha
Uddiyana Bandha gilt als Meister-Schlüssel zu einer erfolgreichen Hatha Yoga Praxis. An dieser Stelle sei Hatha Yoga als ein traditioneller indischer Yogaweg der Transformation und Rückbindung an die große Natur noch einmal erklärt. Er arbeitet an der Aktivierung und Ausrichtung des inneren energetischen Körpers und nutzt den physischen Körper als Vehikel. Uddiyana Bandha dient dabei als wichtigstes Werkzeug und als Vermittler zwischen dem physischen Körper und dem inneren Lichtkörper.

Uddiyana Bandha – der große Vogel
Der große Vogel, die Lebenskraft, fliegt durch Sushumna, den zentralen Kanal des feinstofflichen Körpers, nach oben. So wird es in der Hatha Yoga Pradipika (3/56) beschrieben. Dort heißt es weiter, dass der Meister der Praxis Mukti also Befreiung erlangen kann (Pradipika 3/60). Wenn man sich den Begriff anschaut, so bedeutet Uddiyana das, was nach oben geht oder fliegt, und Bandha wird als Zusammenziehen, Schleuse, Binden, Fixieren, Arretieren oder Schloss übersetzt. Uddiyana Bandha wirkt also wie eine Schleuse, die Prana (Lebenskraft) in die zentralen Kanäle (Nadis) bringt und aufsteigen lässt. Ein Bandha ist eine muskuläre und energetische Einstellung unseres Körpergefüges, durch die, unsere innere Energie umgewandelt wird.

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Uddiyana Bandha ist eine Technik, bei der die natürliche Einwärtsbewegung des Nabels aufgegriffen wird und weiter nach innen und unten Richtung Wirbelsäule fortgeführt wird. Nach der Ausatmung werden der Nabel und die Bauchdecke eingezogen und die Atmung verhalten. Bei der Einatmung entsteht nabeleinwärts eine Art Vakuumsog. In diesem Zustand der Leere und des Nicht-Atmens bleibt man, löst dann die Bauchwand wieder nach vorne und lässt die Einatmung wieder einströmen. Die beste Zeit für die Uddiyana Bandha-Praxis ist frühmorgens mit leerem Bauch. Man sollte seinen Nabel erst im Liegen kennen lernen, dann im Stand, dann im Sitzen und anschließend in den Asanas (Posen). Uddiyana Bandha sollte nicht ausgeführt werden bei Bluthochdruck, Geschwüren und Herzerkrankungen. Frauen sollten diese Übung nicht während der Menstruation und in der Schwangerschaft machen.

Mudra und die Botschaften des Körpers
Mudras sind im Hatha Yoga heilkräftige Körpergesten. Mudra bedeutet soviel wie das, was Freude gibt. Ingrid Ramm-Bonwitt schreibt dazu: „Die Mudras sensibilisieren den Übenden, die Botschaften seines Körpers intensiver wahrzunehmen und mit seinem Körper zu kommunizieren. Führt der Yogi ein Mudra aus, so lässt er sein Bewusstsein alle Fasern des Körpers durchziehen und gibt sich den subtilen Kräften hin, die ihn durchlaufen.“

Uddiyana Bandha Mudra bearbeitet und zentriert die Körpermitte, diese wird im Yoga als Kanda (Topf, Knolle) bezeichnet und liegt drei fingerbreit unterhalb des Nabels. Die Inder bezeichnen diese Körperregion als Feuerkessel, das Zentrum der Energie und Hitze. Als Dantien oder Zentrum der Schwerkraft ist es in den chinesischen Traditionen bekannt. In Japan wird es Hara genannt. Heutzutage nennt man es in naturwissenschaftlichen Kreisen auch Bauchhirn. Von den fünf Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther/Raum wird die Nabelgegend dem Feueraspekt zugeordnet (ausführlich erläutert in „Hatha Yoga & Alchemie“, Yoga aktuell Nr.9).

Körperliche Wirkungsweise der Übung
Auf körperlicher Ebene ist Uddiyana Bandha eine hervorragende Organmassage, die durch eine verstärkte Durchblutung die Leber, die Bauchspeicheldrüse, die Milz, den Magen, den Darm und die Lymphdrüsen anregt und reinigt. Die Bauchorgane erfahren Tonisierung, der Blutzuckerspiegel wird ausgeglichen, der Stoffwechsel allgemein aktiviert und die Lymphe wird zur Abwässerung von Stoffwechselprodukten (Toxine) angeregt. Uddiyana Bandha verstärkt das Verdauungsfeuer (Agni), behebt Verdauungsstörungen, Verstopfung, Blindarmentzündung, Hämorrhoiden, Leberbeschwerden und Frauenkrankheiten. Außerdem ist Uddiyana Bandha für Asthmatiker und Diabetiker sehr unterstützend.
In der Literatur wird darauf hingewiesen, dass diese Übung direkt von einem erfahrenen Lehrer gelernt werden und mit angemessener Vorsicht ausgeführt werden soll.

Energetische Wirkungsweise der Übung
Auf der energetischen Ebene verbindet Uddiyana Bandha den physischen Körper mit dem inneren Energiekörper. Uddiyana Bandha wirkt hier wie eine Schleuse, die Prana (Lebenskraft) in die zentralen Kanäle (Nadis) bringt und aufsteigen lässt. Die Gheranda Samhita und die Hatha Yoga Pradipika sprechen hier sinnbildlich von dem „ großen Vogel, der nach oben fliegt“. Damit ist Prana, die Lebenskraft gemeint. Die Übersetzung von Bandha als Schloss oder Riegel erscheint hierbei paradox, denn auf körperlicher Ebene wird hier etwas kontrahiert und damit blockiert oder verriegelt, auf der energetischen Ebene vollzieht sich jedoch gleichzeitig ein subtiler gegenteiliger Prozess des „Aufschließens“.

Durch Uddiyana Bandha kommt Prana verstärkt in Fluss und es findet energetisch eine Integration der nach oben fließenden (Prana) und nach unten fließenden Energie (Apana) statt. Der Geist (Mind) folgt der Energie, somit tritt bei korrekter Uddiyana Bandha-Praxis auf mentaler Ebene Stille ein und das Tor zu tieferen Stufen der Yogapraxis.

Ein tieferes Verständnis der Auswirkungen von Uddiyana Bandha Mudra entsteht, wenn man sich verdeutlicht, dass wir bei der Ausführung von Uddiyana Bandha den inneren Nabelstamm manipulieren. Unser Nabel ist der zentrale Punkt in unserem Körpergefüge, vergleichbar mit dem Mittelpunkt eines Spinnennetzes, aus dem heraus wir gewachsen sind und durch den wir über die Nabelschnur als Embryo mit unserer Mutter verbunden waren. All unsere Prägungen und Konditionierungen (Patanjali spricht von Spannungen) auf körperlicher, energetischer und seelischer Ebene sind hier abgelegt und kommen über die Praxis von Uddiyana Bandha in Bewegung. Hatha Yoga, das seine Ursprünge in den Tantras hat, setzt unseren Körper auch gleich mit einem vollkommenen Kosmogramm (Yantra). Dabei entspricht der Nabel dem Zentrum, dem Mittelpunkt (Bindu) des Körpermandalas.

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