Geben ist seliger denn Nehmen. Diese Aussage aus der Bibel hast du sicher schon gehört, die für viele Menschen eine Allgemeingültigkeit zu haben scheint. Nicht nur in der christlichen Tradition wird der Großzügigkeit ein hoher Stellenwert beigemessen, und auch jenseits religiöser Lehren lernen kleine Kinder meist von den Großen, dass Teilen richtig und wichtig sei.


Dennoch ist in der heutigen Gesellschaft das Nehmen stark in den Vordergrund gerückt, ja wird oftmals sogar gepriesen. Wer beruflich erfolgreich sein will, der muss die Ellenbogen auspacken, heißt es. Keine Rücksicht auf Verluste. Geh über Leichen. Auch im Umgang mit der Umwelt kann die zerstörerische Aneignung der natürlichen Ressourcen nicht mehr wegignoriert werden, die in der Perspektive vieler Menschen verwurzelt liegt, sie seien getrennt von Mutter Erde, verfügten über diese. Die Ausbeutung von Menschen und Tieren auf globaler Ebene komplettiert das Bild einer egoistischen „Nehmergesellschaft“.

Im Grunde des Herzens ist der Menschen jedoch ein Geber! Es liegt in seiner spirituellen Natur zu teilen und zu geben – ja sogar anderen zu dienen. Nicht als Sklaven, nicht auf Kosten des eigenen Wohlbefindens. Sondern als Ausdruck der universellen Verbundenheit mit allen Lebewesen. Freizügiges Geben kann niemals den persönlichen Reichtum schmälern, sondern ist vielmehr ein dynamischer Katalysator für das menschliche Glück.

In diesem Sinne kann das Geben zu einer effektiven Yogapraxis werden, um dich immer wieder zu erinnern, wer du tief im Kern bist.

Ich, mein – du, dein

Ob ein Mensch am Geben tiefe Freude empfinden kann oder aus Angst heraus zur Selbstsucht neigt, liegt maßgeblich in dem Identitätskonstrukt verwurzelt, das er sich im Laufe des Lebens erbaut hat. Durch eine starke Identifikation mit dem Körper, den Gedanken und den Sinnen regiert das Ego das Handeln. Dann passiert es schnell, dass materiellen Dingen ein zu hoher Stellenwert beigemessen wird oder man sich selbst für zu wichtig nimmt. Das Ego ist geradezu abhängig von Besitztum jeglicher Art, um seine Identität in der Gesellschaft zu erschaffen und zu unterstreichen: Mein neuer Pulli, meine steile Karriere oder mein Intellekt definieren mich, geben mir Wert und Gestalt.

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Egoismus und -zentrismus sind in Wahrheit nichts anderes als Ausdruck einer tief empfundenen Dualität – der schmerzhaften, illusorischen Wahrnehmung des Getrenntseins eines Menschen von anderen Wesen und der Umwelt. Übermäßiges Nehmen erscheint in dem Moment nötig, in dem ein Mensch sich nicht ganz, genug oder wertvoll fühlt.

Die Identifikation mit dem Ego aufzulösen und die Einheit hinter allem Sein zu erkennen, das ist Yoga. Und je tiefer das spirituelle Wesen zu seiner wahren Essenz vordringt, umso ausgeprägter wird seine natürliche Gebermentalität zum Vorschein kommen.

Um zur natürlichen Gebermentalität zurückzufinden kann es hilfreich sein, sich der Vergänglichkeit aller materiellen Dinge bewusst zu werden. Was ein Mensch heute zu besitzen glaubt, kann schon morgen verloren, gestohlen oder Schutt und Asche sein. Besitz ist ein Konstrukt, das im Denken erschaffen wird. Beim Verlassen der körperliche Hülle beim Tod gibt es nichts – keinen Strohhalm oder Autoschlüssel – an dem festgehalten werden kann.

Geben als yogische Praxis

Zu Geben ist eine effektive Methode, um die Identifikation mit dem Ego aufzulösen. Es gilt jedoch feinfühlig zu unterscheiden, aus welchen Motiven heraus Großzügigkeit an den Tag gelegt wird. Zu Geben ohne jegliche Erwartung, Geben nur um des Gebens Willen: das ist es, was zur Essenz führt. Das Ego-Selbst triff hierbei in den Hintergrund, Demütigkeit und Bescheidenheit stellen sich natürlich ein. Die Begriffe Seva aus der Yogatradition sowie Dana im Buddhismus beschreiben genau das – den uneigennützigen, hingebungsvollen Dienst zum Wohle eines anderen Wesens.

Je weiter du auf dem Weg des Yoga voranschreitest, umso mehr wird in dir das Bedürfnis entstehen, zu Geben. Dies geschieht aus einem Gefühl der tiefen Verbundenheit zu allen Lebewesen heraus. Deiner spirituellen Natur gemäß bist du nicht nur mit allem verbunden, sondern ebenso grenzenlos, weit, offen und ganz. Darum hast du auch nichts zu verlieren, nichts zurückzuhalten. Ganz im Gegenteil: Je mehr du gibst, umso reicher wirst du. Das Geben wird zum Ausdruck deiner wahren Identität.

Der kosmische Tanz des Gebens und Nehmens

Der Yoga lehrt, dass der Mensch ein untrennbarer Teil des facettenreichen Universums ist. Im Menschen als Mikrokosmos spiegeln sich die gleichen Prinzipien wider wie im Makrokosmos des Universums. An diesem Makrokosmos kannst du das Prinzip des Gebens um des Gebens Willen ganz klar ablesen: Die Sonne schenkt dir Tag für Tag Wärme, Licht und Energie. Musstest du der Sonne jemals etwas dafür geben? Bäume versorgen dich mit lebensnotwendigem Sauerstoff. Wollte ein Baum jemals eine Gegenleistung von dir, dafür dass er dich am Leben erhält? Und was musstest du dafür tun, um in diese Welt geboren zu werden? Hast du es dir hart verdient? Musstest du darum kämpfen? Nein. Das Leben ist ein Geschenk!

Selbstlosigkeit wird in der materialistisch geprägten Gesellschaft abgewertet, teilweise sogar belächelt oder mit Selbstaufgabe gleichgesetzt. Das Einzige jedoch, was du aufgibst, wenn du GROßzügig und FREImütig handelst, ist die Knechtschaft des kleinmachenden Egos. Eines der größten Geschenke, das du dir selbst und anderen machen kannst, ist es, dich voll und ganz dem Geben hinzugeben.

 

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