Es war einmal ein Junge, der nichts so sehr liebte wie das Zeichnen. Für ihn war es ein Weg, seine schwierige Kindheit zu verarbeiten und sich sicher zu fühlen. Eines Tages kam sein Vater nachhause und riss eine seiner Zeichnungen, die seine Mutter dort befestigt hatte, vom Kühlschrank. „Hör zu, wir wollen nicht, dass er ein abgewrackter Künstler wird“, sagte er.  An diesem Tag hörte der Junge auf zu zeichnen, und es dauerte ganze 40 Jahre, bis der Ruf seiner Seele nicht mehr überhörbar war und er wieder einen Zeichenstift in die Hand nahm.

Die Sozialforscherin Brené Brown, von der diese Geschichte stammt, hat in einer Studie herausgefunden, dass beinahe jede/r zweite von uns eine solche „Scham-Wunde“ im Zusammenhang mit der eigenen Kreativität in sich trägt. Viele von uns haben ähnliche Erfahrungen gemacht wie der Junge in der Geschichte – wir wurden nicht ernst genommen, kritisiert oder ausgelacht. Die Folge: Wir haben Glaubenssätze wie „Ich kann nicht singen“ oder „Ich bin nicht kreativ“ verinnerlicht.

Die Geschichte des Jungen zeigt, wie verletzlich wir sind, wenn wir unser Innerstes ausdrücken, aber auch, dass der zutiefst menschliche Drang, sich kreativ auszudrücken, niemals gänzlich zum Verstummen gebracht werden kann. Die tiefste Natur unseres Wesens ist schöpferisch, und der Wunsch nach Selbstausdruck – danach, „unsere Seele mit der Welt zu teilen“, wie Brené Brown es nennt –  ist in uns angelegt.

Doch statt schöpferisch tätig zu sein, werden viele von uns zu Konsumenten. Wir hören Musik aus der Konserve, statt selbst zu singen oder zu musizieren, und wir bewundern die Werke großer Künstler, statt selbst zu malen, zu weben, zu töpfern, zu tanzen oder Filme zu drehen. Im Extremfall betäuben wir uns mit Alkohol, Konsumrausch, exzessivem Sport, etc. um den Schmerz darüber nicht spüren zu müssen, dass unser innerstes Wesen sich nicht ausdrücken darf. Wir fühlen den Druck dessen, was wie ein verborgener Schatz in uns liegt und nach außen dringen möchte. Anspannung, eine diffuse Unzufriedenheit mit dem Leben und eine zutiefst empfundene Leere sind die Folge.

Letztlich kann uns das Versiegen des natürlichen kreativen Flusses sogar krank machen, da wir nicht im Einklang mit unserer wahren Natur leben. „Musiker müssen Musik machen, Künstler müssen malen, Dichter müssen schreiben, wenn sie letztendlich in Frieden mit sich selbst leben wollen“, so Abraham Maslow, der Gründervater der Humanistischen Psychologie.

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Nimm Kontakt auf zu deiner kreativen Quelle

Jeder und jede von uns trägt bereits alles in sich, um kreativ zu sein. Die Frage ist nur: Wie bekommen wir Zugang zu unserer kreativen Quelle? Wie können wir den Künstler, die Künstlerin in uns wachküssen?
Dabei kann Yoga uns helfen.

Kreativität und Yoga sind wie die zwei Seiten einer Medaille. Beide haben etwas mit der bewussten Entscheidung zu tun, Schöpfer des Lebens zu sein statt seine Konsumenten oder gar seine Opfer. Und so wie Yoga sich nicht ausschließlich auf der Matte abspielt, sondern jeden Moment des Alltags durchdringt, so äußert sich auch Kreativität nicht nur in großen Kunstwerken. Sie zeigt sich nicht nur auf der Leinwand, in Büchern oder auf der Bühne, sondern kann sich in der Art und Weise ausdrücken, wie du deine E-Mails formulierst, welche Farben du in deinem Outfit kombinierst oder wie du den Tisch dekorierst, wenn Gäste zu Besuch kommen.

Einen urteilsfreien Raum schaffen

Kreative Ideen können nur sprudeln, wenn sie nicht sofort von den Bewertungen des denkenden Verstandes zum Verstummen gebracht werden. Im kreativen Selbstausdruck gibt es kein Richtig oder Falsch – genauso wie es keine richtige oder falsche Yogahaltung gibt. Jeder Körper ist anders, jeder Mensch ist einzigartig.  Was ist, darf sein, was sich zeigen möchte, darf sich zeigen, ohne Zensur. So wie Yoga ist auch Kreativität ein Weg zur Wahrhaftigkeit.

Beharrlichkeit und Loslassen

Im Yoga kennen wir die Prinzipien von abhyasa und vairagya. Wir brauchen Beharrlichkeit und Selbstdisziplin, um jeden Tag wieder auf die Matte zu kommen, allen Ablenkungen und Widerständen zum Trotz. Gleichzeitig ist es wichtig, absichtslos zu üben und die Anhaftung an die Früchte unserer Praxis loszulassen.
Dieselben Qualitäten brauchen wir, wenn wir unsere Kreativität voll entfalten wollen. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass man auf den Kuss der Muse warten muss, um kreativ zu sein. Pablo Picasso bringt es auf den Punkt: „Die Inspiration existiert, aber sie muss dich bei der Arbeit finden.“

Gib dein Ego an der Garderobe ab!

Yaron Hermann ist ein beeindruckender junger Pianist. Wenn er förmlich mit seinem Klavier und mit der Musik verschmilzt, spürt man, dass die Klänge nicht nur aus ihm heraus entstehen. „Man verbindet sich mit einer Quelle, die nicht aus einem selber kommt, einen von seinem Ego Abschied nehmen und sich als Vehikel einer Kraft empfinden lässt, die man nicht verstehen kann“, so der aus Israel stammende Musiker. „Ich muss mein Bewusstsein beiseitelassen und der Musik Platz machen.“

Die amerikanische Autorin Laraine Herring erklärt es am Beispiel des Schreibens ähnlich:
„Tiefes, authentisches Schreiben […] kommt aus der Fähigkeit, mit dem zu verschmelzen, was wir schreiben, daraus, dass unser Ego sich auflöst und die Arbeit durch uns zum Vorschein kommen kann, ohne, dass unsere Erwartung an Erfolg daran anhaftet.“

Wenn es uns gelingt, beiseite zu treten, gelangen wir im kreativen Prozess in einen Zustand von: „Es schreibt“, „Es malt“ oder „Es singt“ – wir werden zum Kanal. Dasselbe kennen wir auch aus jenen beglückenden Momenten in der Yogapraxis, in denen Anstrengung und Wollen sich auflösen und wir plötzlich spüren: „Es“ atmet, „es“ bewegt mich.

Alleinsein und All-eins-sein

Ein Wesenszug des Genies, so der Mystiker und Künstler Walter Russell, ist die Sehnsucht nach Alleinsein. Schon in diesem Wort schwingt der Zustand des „All-eins-seins“ mit, dem wir uns auch durch die Yogapraxis annähern. Momente des Alleinseins, des Rückzugs, der Stille und des Lauschens sind notwendig, um zu spüren, wie sehr wir mit allem verbunden sind. Sie helfen uns auch, „auf Empfang“ zu schalten und uns für die Inspiration – den Kuss der Muse – zu öffnen.

Bring die Stimme des Zweifels zum Schweigen

Sowohl in der Yogapraxis als auch in der kreativen Entfaltung gehören Blockaden und Selbstzweifel unweigerlich zum Weg. Hier wie dort stecken wir immer wieder fest, fühlen uns gelähmt, starr und unbeweglich, ob nun körperlich oder geistig. Und wir alle kennen die inneren Stimmen, die uns einflüstern, dass alle anderen begabt, talentiert und erfolgreich sind –  bloß wir nicht. Vincent van Gogh sagte einmal: „Wenn du eine innere Stimme hörst, die dir sagt ‚Du kannst nicht malen‘, dann beginne um jeden Preis zu malen – und die Stimme wird schweigen.“

Im Yoga wie in der Kreativität geht es darum, in Bewegung zu kommen, den Zweifeln die Stirn zu bieten und einfach anzufangen, sei es mit einem bewussten Atemzug oder einem ersten Pinselstrich. Der Rest kommt von selbst: Eines ergibt das andere, und wir kommen in Fluss.

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