Sich der Stille überlassen mit etwas Hilfe des Advaita-Lehrers Madhukar: von der Selbstfindung ohne Gebrauchsanweisung, jeder Menge Muskelkater und dem Preis für innere Schönheit

Fritz war sein Leben lang nie spirituell unterwegs. Auch im Moment nicht. Wir spazieren bei Kaiserwetter über einen Feldweg. Unter uns weitet sich das Tiroler Salzachtal, darüber thronen die Gipfel des Tauernmassivs. Eben haben die Pfarrglocken von Hollersbach Mittag geschlagen. Da bleibt Fritz stehen. Und sagt diesen Satz, der mich bis heute verfolgt: „Seit drei, vier Monaten ist für mich die Realität schöner als jede Phantasie.“ Fritz ist 57 Jahre alt und von Beruf Zimmermann. Weder hat er im Lotto gewonnen noch ist er frisch verliebt. Seinen Glückzustand verdankt er einem Freund – und einem Fachmann in Sachen Seelenfrieden. Fritz hatte wieder einmal über sein Leben gejammert: „Rundum zufrieden war ich schon ewig nicht mehr.“ Fritz wusste nicht, was ihm zum Glück fehlte. Aber dessen Freund: „Komm mit zu meinem Lehrer.“ Fritz folgte ihm, traf in Stuttgart Madhukar, las die Bücher des Yogameisters und überließ sich der Stille. Pro Tag nahm er sich dafür eineinhalb Stunden Zeit. Die erwünschte Wirkung stellte sich nach drei Wochen ein.

Retreat in Tirol: eine Woche mit Madhukar
Fritz wohnt jetzt neben mir im Seminarhotel. Wir beide sind nach Österreich gereist, um Madhukar genauer kennenzulernen. Er auf dem Weg zur möglichen Quelle seines Glücks, ich als Berichterstatter für YOGA AKTUELL. Einmal schon war ich während einer dieser stillen Unterweisungen dabei. Es war im vergangenen Jahr in Hamburg. Der Meister hatte mich eingeladen. Neugierig ließ ich mich damals auf das gemeinsame Erleben ein. Eine Stunde lang, dann verließ ich die Veranstaltung wie leicht im Rausch. Und fühlte mich in mir zuhause, eingebunden in eine Welt der Harmonie. Die Sonne schien, und die Vögel, sie sangen nicht, sie jubilierten vom Himmel. Meine Glückseligkeit währte zwei volle Tage, dann verabschiedete sie sich wieder. Warum? Wahrscheinlich, weil ich sie – anders als Fritz – nicht weiter gepflegt habe.

Unser Retreat soll diesmal eine Woche dauern. Vor dem Rückzug aus meinem Alltag habe ich mich nun genauer informiert. Madhukar praktiziert den Advaita-Yoga nach den Überlieferungen Shankaras (788–820 n. Chr.) Dabei lehrt er seine Schüler, sich mit Hilfe der Stille selbst zu ergründen – um somit den inneren, den ganzheitlichen Frieden zu entdecken. Den Schlüssel zu Präsenz, Leichtigkeit und Lebensfreude trage jeder in sich, schreibt er in seinem Buch „Einssein“. Dieser „Schlüssel“ muss demnach nur noch gefunden werden. Nicht durch jahrelanges Meditieren oder Suchen – verbunden mit allen möglichen Yoga-Verrenkungen. Das nehme zu viel Zeit in Anspruch. Nein: „Jetzt und hier.“ Einziger Tipp auf dem Trip zum neuen Bewusstsein: „Vergiss dein Ego und deine Vergangenheit. Sieh dich nicht als problembepackten Individualisten. Sondern in Einheit mit den Welten des Universums.“ Advaita bedeutet nichts anders als „Nicht-Dualität“. Du bist nicht dies und das. Du bist das, woraus alles hervorgeht. Dieses Das lebt jetzt. Und steckt in jedem von uns. Die Stille des Gurus stimuliere es lediglich.

Nicht suchen, sondern erkennen
Getreu seinem verstorbenen Meister Sri H.W.L. Poonja (1910–1997) sagt Madhukar: „Hör auf zu suchen, halt inne und erkenne. Das Selbst und somit die Seligkeit offenbaren sich von allein.“ Prima. Das Schöne dabei: Ich darf so bleiben, wie ich bin, brauche mich nicht zu verändern. Also, Schluss mit allen Selbstzweifeln. Einfach nur Glückseligkeit zulassen. Der Haken an der Geschichte: Niemand kann mir dabei helfen. Nur ich selbst – vielleicht noch der Meister. Der aber meint: „Vertrau’ mir, sei einfach still.“ Der Weg zum Glück kennt keine Worte. Ziemlich frustrierend, zumindest für mich als Schreiber.

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Unser Seminarraum misst 12 mal 16 Meter. Vorne steht eine weiße Couch, daneben befinden sich zwei Glastische mit weißen und orangefarbenen Gladiolen. Draußen flüstert der Wind, drinnen ist es still. Zwanzig Frauen und fünf Männer sitzen auf hellblauen und violetten Yogakissen. Die meisten sind zwischen 30 und 50 Jahre alt und kommen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Slowenien. Eine bildhübsche Russin ist auch darunter: Sofya, Musikstudentin aus St. Petersburg – die Lebensgefährtin des Gurus.

Achtung, der Meister kommt: schwarze Hose, weißes Hemd, Kaschmirweste; athletische Figur, scharf geschnittenes Gesicht, Buddhaglatze. Madhukar, 53, verneigt sich und nimmt mit gekreuzten Beinen Platz. Minutenlang fixiert er einzelne Teilnehmer, scheint sie lächelnd zu durchleuchten. Schließlich schließt er seine Augen. Die Teilnehmer folgen seinem Beispiel, tauchen ab ins Innenleben. Ich verharre als Journalist an der Oberfläche und lausche unterdessen einer Fliege im Saal. Die summt drei Runden lang, kracht dann gegen eine Fensterscheibe und findet somit auch zur Ruhe. Alles ist jetzt stumm, nur meine Gedanken lärmen. Fragen über Fragen: Wie lange wird das Schweigen wohl dauern? Wo eigentlich befindet sich die Toilette, und wie komme ich möglichst lautlos dorthin? Was zeigt das goldfarbene Bild hinter Madhukar, Wellen oder gelocktes Haar? Allmählich gehe ich mir selbst auf die Nerven, versuche abzuschalten. Und sehe mich nach und nach im Verbund mit Menschen, die den Augenblick blind genießen. Ein schönes, ein erhellendes Gefühl.

Die Stille wird vom langen Aum des Meisters durchbrochen. Es ist dann, als erwache der Tag aufs Neue. Klarer wirkt er jetzt, vollkommener. Was ist passiert? All meine Gedanken konnte ich nicht ausknipsen. Erinnerungen an meine letzte Indienreise kamen über mich. Ich sah Ochsenkarren über flirrendem Asphalt und weiße Reiher über Reisfeldern aufsteigen. Und fühle mich jetzt frischer und fröhlicher als zuvor. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Auf zu hohen Gipfeln
Am Tag darauf ist Schluss mit lustig – wenigstens vorübergehend. Der Meister hat zur Wanderung geladen. Mittlerweile weiß ich, dass Madhukar eine Woche zuvor das Matterhorn bestiegen hat. Ich selbst wohne in Hamburg und habe dort zwei Mal den Hasselbrack (116 Meter über Normalnull) bezwungen. Wir fahren mit der Wildkogelbahn zur Bergstation auf 2100 Meter. Von dort aus geht’s nicht weiter auf- sondern abwärts. 1000 (in Worten: tausend) Höhenmeter runter. Manchmal so steil, dass mir fast schwindelig wird. Nach und nach federn meine Wanderfreunde an mir vorbei. Singend, scherzend. Derweil fangen meine Knie an zu schlottern. Irgendwann stürze ich, rutsche ab. Die Gruppe stoppt.

Roberts Arm zieht mich zurück auf den Pfad. Robert ist 37 Jahre alt und Triathlet. Als Ironman misst er seine Kraft alljährlich bei internationalen Wettkämpfen (3,9 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42,2 Kilometer Laufen). Heute stellt er seine Energie in meine Dienste. Und begleitet mich fortan – so langsam er kann. Robert entwickelt neue Apps für iPhones und bedient verschiedene Unternehmen mit individueller Software. Früher ging es ihm ähnlich wie Fritz: „Mein Leben damals war so aufregend wie eine Suppe ohne Salz – trotz meines Sports.“ Er versuchte sie mit den Geschmacksverstärkern diverser Psychoclubs zu würzen. Was wenig brachte, sein Leben blieb fad. Seit vier Jahren ist er nun bei Madhukar: „Vor dieser Zeit schleppte ich immer einen Koffer mit Verhaltensregeln mit mir rum – alles unnötiger Ballast. Nichts in den Händen halten zu müssen, ist äußerst befreiend. Dich selbst findest du auch ohne Gebrauchsanweisung.“

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