In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Die inneren Augen öffnen

In einer Zeit, in der wir immer mehr und komplexere Entscheidungen treffen müssen, weil die Zahl der Lebensentwürfe, Nahrungsmittel, Beziehungspartner, Apps und Angebote stets größer und unübersichtlicher wird, kommen wir mit unserem rationalen Denken immer öfter an unsere Grenzen. Auch deshalb wenden sich viele Menschen inzwischen ihrem Inneren zu – auf der Suche nach stimmigen Antworten. Einige davon führt diese Sehnsucht zum Yoga. Und tatsächlich können wir in unserer Praxis jene Fähigkeiten kultivieren, die wir benötigen, um das tiefe Wissen, das in uns liegt, überhaupt erschließen zu können. Wer nicht in gutem Kontakt mit seinem Körper ist, erkennt die Signale seines Bauches vielleicht gar nicht. Wer dagegen gelernt hat, achtsam nach innen zu lauschen, nimmt die manchmal sehr zarten Botschaften der Intuition auch wahr, wenn gerade starke Gefühle wie z.B. Angst uns zu verwirren drohen. Auch die Hamburger Yogalehrerin Alke von Kruszynski hat diese Erfahrung gemacht. Sie unterrichtet „Intuitives Yoga“, das stark von Vanda Scaravelli inspiriert wird. „Die Entfremdung der Menschen von ihrem Körper ist massiv“, sagt sie im Interview. „Deshalb führe ich meine Schüler erstmal dahin, dass sie ins Spüren kommen und sich ihre ‚inneren Äuglein’ wieder öffnen. Viele folgen zunächst ganz mechanisch einer Anweisung, wenn sie z.B. ihren Arm heben. Die große Herausforderung ist dann, sie zum Spüren zurückzubringen: Wie fühlt es sich denn an, wenn dein Arm langsam seitlich nach oben schwebt? Kannst du währenddessen Kontakt zu der Muskulatur zwischen deinen Rippen aufnehmen? Es geht nicht nur darum, dass der Arm oben landet – sondern um die Reise dahin. Erst wenn ich den Körper kennengelernt habe, spüre ich, was er mir sagt.“

Wenn wir unsere Achtsamkeit so kultiviert haben, dass wir unsere inneren Stimmen, Empfindungen und Gefühle wahrnehmen und mit etwas Abstand betrachten können, finden wir auch authentische Antworten auf unsere Fragen. Wir orientieren uns weniger an anderen und gehen unseren ganz individuellen Weg. „Ich weiß dann, was gut für mich ist – und versuche es nicht von anderen zu erfahren oder zu lernen“, so Alke von Kruszynski. „Das hat auch etwas mit Freiheit zu tun. Ich kann dann auch ‚nein’ zu Regeln sagen. Auch zu einem Yogalehrer, der mich zu etwas drängt, mit dem ich mich nicht wohlfühle. Allerdings ist das auch etwas, das viele Menschen fürchten – darum suchen sie Halt bei Gurus, Chefs, Lehrern. Wenn du dich dagegen auf deine eigene Reise machst, bist du selbst verantwortlich und ein Stück weit allein.“ Diese Sichtweise hat auch den Unterricht und die persönliche Praxis von Alke von Kruszynski nachhaltig verändert. Sie folgt keiner bestimmten Asana-Reihe oder einem Stil. „Ich integriere die Intuition in die Praxis. Wenn ich mich auf die Matte stelle, dann fühle ich erstmal, was mein Körper jetzt und hier will – und folge diesen Impulsen“, sagt sie. „Auch meinen Schülern empfehle ich nicht, zuhause ganz bestimmte Asanas wie den Krieger oder Sonnengruß zu machen. Vanda Scaravelli hat es immer abgelehnt zu sagen: ‚So soll es sein.’ Komm bei dir an, beweg dich, so wie es dir guttut. Fühl, wo sich etwas öffnen möchte. Ganz allmählich wächst dann das Intuitive, erblüht etwas. Und wenn du das Yoga nennen willst, dann tu das.“

In einen intuitiven Zustand kommen

Intuition braucht einen Raum, in dem sie auftauchen kann. Was uns heute dagegen oft den Zugang zu diesem Bereich versperrt, sind Stress und Angst. „Sind wir im Stress, neigt der Geist dazu, unruhig zu werden und viele Gedanken simultan und scheinbar zufällig zu produzieren. Die Stimme der Intuition ist in solchen Fällen nur noch schwer zu hören“, schreiben Barbara Kündig und Marta Sinclair in ihrem Buch „Intuitiv richtig – Wir wissen mehr als wir denken“. „Es ist eine der wichtigsten Übungen für uns, dass wir lernen, zwischen all den rationalen Aktivitäten unseres Geistes und der Intuition zu unterscheiden. Entspannung hilft, alle Hindernisse, die der Intuition im Wege stehen können, abzulegen und in direkten Kontakt mit ihr zu treten.“ Die Yogalehrerin und Psychologin Barbara Kündig und die Intuitionsforscherin Marta Sinclair haben gemeinsam ein gezieltes Intuitionstraining entwickelt. Am Anfang steht dabei die Kultivierung eines intuitiven bzw. achtsamen Zustands, in dem der Körper sich entspannt und der Geist ruhig und offen ist. „In diesem Zustand können wir Dinge – auch aus dem überbewussten Bereich – klarer wahrnehmen und leichter Entscheidungen fällen“, so die Autorinnen. Um in diesen auch im Alltag eintreten und die Intuition befragen zu können, braucht es vorher etwas Disziplin und regelmäßige Übung. „Am Anfang ist es sinnvoll, sich genügend Zeit für dieses Ritual zu lassen“, empfehlen Kündig und Sinclair. „Mit der Zeit können Sie sich immer schneller und einfacher in diesen intuitiven Zustand versetzen.“ Genau wie eine Freundschaft will auch der Kontakt zu unserer inneren Weisheit gepflegt und kultiviert werden. Sind wir einmal damit verbunden, verfügen wir über einen Kompass, der uns verlässlich, treu und weise durchs Leben leitet.

 

Zum Weiterlesen:
Barbara Kündig, Marta Sinclair: Intuitiv richtig. Wir wissen mehr als wir denken, Windpferd Verlag 2012
Bas Kast: Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft. Die Kraft der Intuition, Fischer Taschenbuch 2013
Ap Dijksterhuis: Das kluge Unbewusste. Denken mit Gefühl und Intuition, Klett-Cotta 2010
BR-alpha: Auf den Spuren der Intuition, 13-teilige Serie auf 2 DVDs (ASIN 3000321004) oder als Buch erschienen bei Herbig 2013

 

Unsere Expertin:

D7BB15680A47B40643A48EBB38E6A374Alke von Kruszynski ist früh mitten in den Fluss des Lebens gesprungen und hofft, dass er sie so lange an neue Ufer spült, bis sie mit funkelnden Augen ihre letzte Biegung ansteuert. Als Journalistin ist sie in ihrem Element, als Lehrerin für Intuitives Yoga in ihrem ganz persönlichen Traum. Beide Leben zugleich verwirklicht sie als Chefredakteurin von Ginger (www.gingermag.de), einem Online-Magazin rund um Yoga, Beziehungen und nachhaltigen Lifestyle.
www.intuitives-yoga-hamburg.de

 

 

Anzeige