In zwei Wochen möchte ich gerne ein Fest machen. Den Geburtstag nachholen, die neue Wohnung einweihen. Ich habe so richtig Lust, meine Freunde mal wieder so richtig gut zu bekochen.

Mein Hühnchen-Curry möchte ich machen. Von dem waren alle früher genauso begeistert wie von toskanischem Nudelsalat, der Orangensahnecreme und den vielen mediterranen Schlemmereien. Und mein legendäres Tiramisu darf natürlich auch nicht fehlen.

Aber während ich überlegte, wen ich einladen werde, fiel mir das Sommerfest vor zwei Jahren ein. Stundenlang hatte ich den Vormittag in der Küche verbracht und gerührt, gebacken und gekocht, bevor die ersten Gäste kamen. Eltern mit Kindern, alte Kumpels, neue Freunde aus verschiedenen Yogakursen und spirituellen Seminaren, die ich im Verlauf der letzten Jahre kennengelernt hatte, Nachbarn und Kollegen.

Ich hatte ein Buffet im Garten aufgebaut und stellte irgendwann fest, dass der köstliche Schokosahnekuchen kaum angerührt worden war. Klaus, der jüngste Sohn von Maria, einer Yogafreundin, saß am Tisch und aß Kekse. Maria hat sie in einer Tupperdose extra für ihn mitgebracht. Ich frage ihn, ob er keinen Kuchen mag, aber in dem Moment schaltete Maria sich auch schon in das Gespräch ein und erklärte mir, dass er nicht so viel Zucker essen soll. Als ich verständnisvoll nickte und darauf verwies, dass der Kuchen zuckerfrei ist und sie einlud, ihn doch zu probieren, winkte sie ab und erklärte, dass sie seit drei Monaten keinen Weizen mehr isst.

Nach einer weiteren Stunde stand der Kuchen immer noch unangetastet da. Ich hoffte auf Dieter, für den ich den Kuchen früher immer extra backen musste, wenn er zu Besuch kam. Kurz darauf klingelte es und stand zusammen mit seiner neuen Freundin, einer Yogalehrerin, vor der Türe. Einer herzlichen Umarmung folgte gleich die Erklärung, dass er jetzt Veganer ist und keinen Kuchen mehr isst, stattdessen aber frisches Gemüse für einen Gemüse-Smoothie mitgebracht hat, den er mir als Geschenk unbedingt zubereiten wollte.

Anzeige

Ich war ziemlich enttäuscht. Ich fragte mich, wie man seine Gäste noch so richtig verwöhnen kann, wenn die Verzichtliste der Eingeladenen immer länger wird. Früher wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Die Buffets wurden im Verlaufe des Abends weggeputzt, spätestens aber nachts um 4 Uhr, wenn eine späte Hungerattacke die Letzten übermannte, war nichts mehr übrig.

Ich versuchte Verständnis zu haben, schließlich geht es ja um die Gesundheit meiner geliebten Freunde. Während ich auf den Kuchen schaute, der immer noch unberührt dastand, dachte ich darüber nach, dass ein bisschen Zucker in Maßen – ob braun oder weiß – nicht schadet und dass auch nicht jeder ein Leben als Veganer verträgt. Genau in diesem Moment kam Maike auf mich zu. Mit ihr hatte ich auf unseren zahlreichen Wanderungen das ein oder andere Schnitzel mit Pommes verputzt und danach einen köstlichen Kaiserschmarrn gegessen. Sie würde bestimmt nicht Nein sagen, hoffte ich! Allesgenießerin – wie ich. Aber noch bevor ich ihr ein Stück Kuchen anbieten konnte, winkte sie lächelnd ab! Neuerdings sei sie überzeugte Anhängerin der Paleo-Diät, die aus viel Fleisch besteht. Und aus diesem Grund isst sie ab nachmittags keine Kohlenhydrate mehr. Und überhaupt. Sie hatte bereits zu Hause gegessen, ging sie doch davon aus, nicht das Passende zu finden.

Als mir dieses Gartenfest wieder durch den Sinn ging, überlegte ich mir, ob ich zu meiner Lebens-Feier die Gäste einfach bitten sollte, selbst etwas mitzubringen. Vegan, vegetarisch, makrobiotisch – je nach Typ das passende Essen. Aber wollte ich das wirklich?

Nein, das möchte ich nicht. Ich möchte doch einfach nur mit meinen Freunden ein paar nette Stunden haben, dass wir gemeinsam etwas Gutes essen. Ich meine gemeinsam. Nicht in dem Sinne, dass zusammen jeder für sich entsprechend seiner Konstitution etwas auf dem Teller hat.

Aber das scheint wohl immer schwerer zu werden, zumal die Liste der Unverträglichkeiten, Ernährungslehren und Essenstrends immer länger wird und die Möglichkeit einfach das Leben zu feiern, immer geringer.

Ach, jetzt hätte ich fast vergessen, noch etwas sehr Erhellendes von dem Gartenfest zu erzählen. Am späten Nachmittag schneite dann noch Herbert, mein Yogalehrer, ins Haus. Als ich ihm ein Stück des Kuchens anbot, nickte er und freute sich wie ein kleines Kind darauf. Ob es ein großes Stück sein darf, fragte ich ihn. Und wieder strahlte der Mann mich an. Nach zehn Jahren der totalen Askese wäre es für ihn heute der gesunde Mittelweg, der zählt. Und dazu zählte für ihn auch schon mal ein dickes Stück Schokoladensahnetorte.

Herbert hatte mein Sommerfest gerettet und meine Freude daran, meine Gäste zu verwöhnen. Er steht auf meiner Gästeliste ganz oben und er wird auch der Erste sein, den ich einlade, um in ein paar Wochen das Leben zu feiern.

 

Anzeige
Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.