In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Vom Schein zum Sein: Die schwierig erscheinende Haltung Ashtavakrasana erfordert von uns eine unvoreingenommene Herangehensweise

 

Am Königshof von Janaka gab es einen Wettstreit der Philosophen. Vandin schien alles Wissen in sich zu vereinen und bezwang selbst die Weisesten im Disput. Da stand am Rande des Wettkampfes ein „verkrüppelter“ Junge von 12 Jahren auf und forderte Vandin heraus. Doch die Versammelten verlachten und verspotteten den Behinderten nur. Bei dem  Jungen waren beide Füße, beide Knie, beide Hände sowie Brust und Kopf entstellt. Diese acht Knoten im Körper bescherten ihm den Namen „achtfach Verkrüppelter“ – Aṣṭavakra (aṣṭa = acht; vakra = Knoten). Doch wie entstellt sein Körper auch war, als der Junge zu sprechen begann, verstummten die Gelehrten, einer nach dem anderen. So stand Aṣṭavakra schließlich vor Vandin. Er diskutierte mit ihm und bezwang ihn durch sein Wissen und sein Geschick in der Rede.
Diese Erzählung des Māhabhārata verdeutlicht, wie der äußere Schein und das innere Sein sich oft unterscheiden. Sie kann uns ermutigen, Vorurteile abzulegen und die Welt unvoreingenommen zu erleben.

Die Praxis von Ashtavakrasana

Nach dem weisen Aṣṭavakra ist eine Körperhaltung benannt. Sie spiegelt wider, wie sich der äußere Schein vom eigentlichen Sein unterscheidet. Auf den ersten Blick mutet die verschlungene Körperhaltung, in der man auf den Händen balanciert, sehr anspruchsvoll an. Viele Praktizierende lassen sich vielleicht abschrecken und wagen sich gar nicht erst an einen Versuch. Zu Unrecht, denn so komplex die Haltung auch scheinen mag – gewusst wie, ist sie überraschend einfach.

 

WORKSHOP

1A. Die Handgelenke vorbereiten

1A. Die Handgelenke vorbereiten

Zunächst kannst du mit der Vorbereitung der Handgelenke beginnen. Sie werden schließlich das gesamte Körpergewicht tragen. Fang an, indem du mit dem Daumen vom Ellbogen beginnend möglichst spitz in Richtung Handrücken streichst. So kannst du die Faszien am Unterarm aufwärmen. Der grundlegende Faserverlauf entspricht der Richtung, in der du mit dem Daumen entlangfährst. Verletzungen, Fehl- oder Überbelastung können dazu führen, dass die Fasern miteinander verkleben. Das kannst du als kleine Knötchen oder Widerstände beim Streichen ertasten. Allmählich hilft diese Übung, die Fasern auszurichten, und die Vernarbungen vermindern sich. So kannst du die Faszien am Unterarm gesund erhalten und helfen, dass das Handgelenk seine natürliche Kraft und Beweglichkeit voll entfalten kann.

1B. Die Handgelenke vorbereiten

1B. Die Handgelenke vorbereiten

Als nächstes bilde eine Hautfalte am Handgelenk. Du trennst so die Schichten der Faszien voneinander. Beweg die Hautfalte über das Handgelenk, um den Flüssigkeitsgleitfilm zwischen den Faszien gleichmäßig zu verteilen. Diese Übung ist sehr effektiv, um die Heilung von Entzündungen zu fördern oder solchen vorzubeugen.

1C. Die Handgelenke vorbereiten

1C. Die Handgelenke vorbereiten

Setz nun eine Hand quer zur Körperlängsachse mit den Fingern nach innen auf. Stütz mit der anderen Hand das distale Handgelenk, den Knick am Handgelenk, der nun näher am Boden ist, ab. Schieb dann die Handwurzelknochen etwas von den Fingern weg, während du dich mit der Schulter langsam über die Finger bewegst. Du solltest eine Dehnung an der Außenseite des Unterarms spüren, aber keine Schmerzen im Handgelenk. Dies ist eine Übung, die dem Handgelenk hilft, sein natürliches Bewegungsspektrum voll zu entfalten. Ganz unabhängig davon, ob du Aṣṭavakrāsana lernen möchtest oder nicht, kannst du mit diesen drei Übungen dem Handgelenk etwas Gutes tun.

2A. Stabilität in der Schulterblatt-Rumpf-Ankopplung entwickeln

2A. Stabilität in der Schulterblatt-Rumpf-Ankopplung entwickeln

Das Schulterblatt gleitet von vielen Muskeln gehalten über den Rumpf. Diese Ankopplung sollte flexibel und stark zugleich sein. Nur dann können die Schulterblätter ihre Gelenkpfanne für eine optimale Kraftübertragung in Richtung Oberarme ausrichten. Für Armbalancen ist das essenziell. Eine einfache Übung, diese gute Ankopplung zu entwickeln, beginnt in der Schiefen Ebene. Achte darauf, dass der Rücken in seiner natürlichen S-Schwingung neutral bleibt, während die Arme lang in den Boden hineinwachsen. Die Schulterblätter werden so von ihren Muskeln fest an den Rumpf gezogen, und die Gelenkpfannen werden nach vorne in Richtung Oberarmkopf ausgerichtet.

2B. Stabilität in der Schulterblatt-Rumpf-Ankopplung entwickeln

2B. Stabilität in der Schulterblatt-Rumpf-Ankopplung entwickeln

Nun lasse ausatmend die Schulterblätter zurücksinken, bis diese an der Wirbelsäule annähernd in Kontakt kommen. Achte dabei darauf, die Wirbelsäule und die Ellbogen unverändert zu belassen. Wiederhole so im Atemrhythmus wechselnd, mit der Einatmung die Arme teleskopartig in den Boden zu verlängern, während du ausatmend wieder zwischen die Schulterblätter hineinsinkst. Genieße für einige ruhige und genussvolle Wiederholungen das Zusammenspiel der das Schulterblatt führenden Muskulatur. So wirst du bald mehr Kraft und Beweglichkeit entwickeln. Das ist eine essenzielle Basis für gesunde Schultern, nicht nur bei Armbalancen aller Art.

3A. Ashtavakrasana aufbauen

3A. Ashtavakrasana aufbauen

Nach dieser Vorbereitung kannst du nun zur eigentlichen Übung von Aṣṭavakrāsana kommen: Setz dich aufrecht auf den Boden. Stell dabei die Beine zur rechten Seite gedreht N-förmig auf. Überkreuze die Knöchel, wobei du den rechten Knöchel vor dem linken positionierst. Fädele nun den rechten Oberarm zwischen den Oberschenkeln durch. Achte darauf, dass die Hände mit leicht gespreizten Fingern in ihrer ganzen Fläche entspannt nach vorne weisend auf dem Boden positioniert sind.

3B. Ashtavakrasana aufbauen

3B. Ashtavakrasana aufbauen

Such dir einen Halt für den rechten Oberarm unter dem rechten Oberschenkel. Klappe dann bäuchlings nach vorne um, indem du die Ellbogen beugst. Beachte, dass der rechte Oberschenkel komplett und möglichst mittig auf dem rechten Oberarm verbleibt. Du kannst dich sogar ganz auf dem Boden ablegen.

3C. Ashtavakrasana aufbauen

3C. Ashtavakrasana aufbauen

Kraft der Beine kannst du die Oberschenkel nun zusammenpressen und so den rechten Oberarm fest umschließen. Du wirst spüren, wie der Druck der Oberschenkel gegen den Oberarm den Körper mühelos vom Boden abhebt und schweben lässt. Beachte, dass die Übung nur gelingen kann, wenn du mit den Beinen den Oberarm und nicht den Unterarm umfasst. Hast du einmal den Trick der Übung verstanden, wird dein Körper mühelos in der äußerlich kompliziert anmutenden gedrehten Armbalance schweben.

 

Ashtavakra – Sehen, was ist

Wir haben gelernt, unsere Wahrnehmung unbewusst und automatisch in Kategorien einzuteilen. Alles, was wir sehen, wird von unserem Gehirn sofort mit einem Label versehen. Diese Fähigkeit unseres Gehirns ist essenziell, um möglichst schnell Situationen aus der Umwelt aufzunehmen und darauf zu reagieren. Ein Rascheln im Gezweig beispielsweise führte für unsere Vorfahren zu einer Alarmbereitschaft, noch bevor sie den möglichen Tiger, der sich im Gehölz bewegt, bewusst wahrgenommen hatten. Diese Geschwindigkeit in der neuronalen Verarbeitung haben wir uns jedoch für den Preis erkauft: Wir verlieren die Fähigkeit, die Welt in ihrer ganzen Fülle wahrzunehmen. Wir sehen, bildlich gesprochen, nur noch die Labels, die wir den Dingen gegeben haben. Unsere Wahrnehmung verliert ihren neuen, schillernden Glanz. Probier es aus: Bleib auf einem alltäglichen Weg einmal stehen und richte mit kindlich unvoreingenommenen Augen deine wache Neugierde auf das, was du JETZT wahrnimmst. Erlebe, wie die alltäglichsten Dinge sich vor deinen Augen in faszinierende Wunderwerke verwandeln. Genau diese kindlich-spielerische und unvoreingenommene Herangehensweise kannst du beim Erlernen von Aṣṭavakrāsana kultivieren. Sie ist der Schlüssel zum Meistern dieser Körperhaltung. Viel Freude beim Üben.

 

Text + Model: Dr. Ronald Steiner
Fotos: Christian Krinninger

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Ronald Steiner
Dr. Ronald Steiner ist Arzt für Sportmedizin und zählt zu den bekanntesten Praktikern des Ashtanga Yoga. Mit viel Präzision und Praxisnähe unterrichtet er auf Aus- und Weiterbildungen Anatomie, Ausrichtung und Therapie für Yogalehrer. Sein Unterricht baut eine Brücke zwischen angewandter Anatomie und lebendiger Philosophie, zwischen präziser Technik und praktischer Erfahrung. Zusammen mit seiner Partnerin Melanie Pillhofer leitet er das „Ashtanga Yoga Institute Ulm“. Mehr Informationen zu der modularen Aus- und Weiterbildung für Yogalehrer und zu vielem mehr im Internet.